Vierzig Tage

Thomas Jonigk


Mit Kafka am Lagerfeuer

Alois Hotschnig erzählt ohne Augenzwinkern von unheimlichen Begegnungen.

Selten kommt es vor, dass für den Titel eines Erzählbands nicht derjenige einer darin enthaltenen Erzählung verwendet wird. "Die Kinder beruhigte das nicht" ist jedenfalls trefflich gewählt, denn Gutenachtgeschichten für die Kleinen sind das keine. Das Zitat stammt aus einer Erzählung, die auf eine sehr verrätselte Weise von Icherfahrung und Ichverlust handelt: Ein Mann wird auf dem Weg zu Freunden von einer alten Frau in deren Haus gebeten, wo er eine schier unübersehbare Puppensammlung vorfindet. Richtig unheimlich wird die Sache, als die Gastgeberin ihn mit einer Puppe konfrontiert, die Karl heißt wie er selbst und auch genau so aussieht. Von den Nachbarn erfährt der Erzähler, dass sich die Kinder vor der Puppensammlerin fürchten, er selber jedoch kann nicht genug davon bekommen, sie zu besuchen und sich dort in seine abgelegten Ichs zurückversetzen zu lassen - bis die Frau dazu übergeht, die Puppen liebevoll aufzufressen: "Eine Tür geht dann auf und fällt zu" heißt die Geschichte.

Mit seiner Choreografie des Blicks eröffnet Hotschnig eine unwirklich wirkliche Welt, in der so manches nicht stimmt, die Protagonisten (und mit ihnen die Leser) aber nicht draufkommen, was es ist - da mögen sie noch so genaue Beobachtungen anstellen. Erzählt werden diese Exkursionen in den geregelten Wahnsinn in einer bedächtigen, etwas umständlichen Sprache und mit einer unübersehbaren Vorliebe für die Konjunktion "und". Das erzeugt eine ganz eigene Stimmung wohlüberlegten Abgleitens. Mitunter hat das Ausführliche freilich einen Anstrich von Unbeholfenheit und sinnloser Doppelung: Die Puppen sind "unversehrt und intakt", die Frau ist "einsam und allein", die Geschichte "ging mir nach und beschäftigte mich", in so manchen "Momenten und Situationen".

In einer anderen Erzählung ist es der Fischer, der den Kindern nicht geheuer ist: Er nimmt sie zu sich ins Boot, bringt ihnen Fischen bei und treibt sich bei "ihrer" Insel herum, wo vor Jahren sein Sohn verschwunden ist. In "Dieselbe Stille, dasselbe Geschrei" scheint ein Mann mit Haut und Haar der Beobachtung seiner Nachbarn verfallen, die nichts tun, als auf dem Steg herumzuliegen und gelegentlich den Schlamm unter Wasser zu rechen.

Hotschnigs Erzählungen sind vor allem im und am Wasser oder in geschlossenen Räumen angesiedelt. Einmal wird einer von der Frau, die er verlassen hat, in deren Wohnung gelockt, wo sie ihn mit ihrer Abwesenheit, aber mehr noch mit ihrer zugleich spürbaren Gegenwart verwirrt. In zwei Geschichten findet sich das Ich verwandelt, ein fremdes Gesicht blickt ihm des Morgens aus dem Spiegel entgegen, das frühere wird nur in Splittern fassbar. Über Nacht wird der Erzähler in "Du kennst sie nicht, es sind Fremde" jeweils in andere Identitäten gestürzt, in verschiedene Berufe, Freundeskreise, Wohnungen, wo man "ihn", wer immer das nun ist, stets erkennt.

Die Stimme, die hier spricht, klingt, als hätten sich Roald Dahl, Hans Lebert und Franz Kafka eines Abends ans Lagerfeuer gesetzt - tatsächlich steht sogar ein Insekt im Mittelpunkt einer Geschichte; beschrieben wird, quälend genau, seine Verwandlung vom Leben zum Tod, vom ersten Straucheln bis zur Invasion der Ameisen.

Alois Hotschnig gestattet sich kein Lächeln, kein Augenzwinkern, und dieser Ernst im Spiel mit Fremdem und Eigenem, Fernem und Nahem hat etwas Bezwingendes. Am schönsten zeigt sich das, was diese Prosa leisten kann, wohl in der Erzählung vom stets abwesenden Onkel Walter: "Vielleicht diesmal, vielleicht jetzt" wird er kommen, meinen die Eltern, aber alle Familientreffen finden seit Jahr und Tag ohne ihn statt. Die Eltern verlassen das Haus kaum, heizen nicht, lüften nicht, weil Walter das nicht verträgt. Umsonst. Und wieder ist nichts so präsent, wie das, was fehlt.Night of the Crashsexdummies

Thomas Jonigk schickt in seinem Roman "Vierzig Tage" ein Machoekel auf einen absurden Selbstfindungstrip.

Man muss Thomas Jonigk hoch anrechnen, dass er kein Wiederholungstäter ist; er ist niemand, der an seinem Stil beharrlich festhält, um sein Label möglichst lange und gewinnbringend auszuschlachten. Mitte der Neunzigerjahre war Jonigk einer jener jungen und enorm gehypten Theaterautoren, die in der Kleinfamilie die Keimzelle der gesellschaftlichen Gewalt ausmachten. In seinen Familien gehörte Kindesmissbrauch zum Alltag und Sexualität war ohne Machtexzess erst gar nicht denkbar. Inhaltlich kein Spaß, literarisch schon: Da spielte sich Jonigk mit seinen grotesken Plots und zugespitztem Sprachwitz in die Liga "Enkel von Jelinek und Schwab".

Jonigk arbeitete als Dramaturg und Regisseur am Theater (u.a. am Wiener Schauspielhaus), um dann in eine Schreibkrise abzudriften, die er 1999 mit seinem ersten Roman überwunden hatte. "Jupiter" erzählt sprachlich schlicht, aber nicht minder absurd von einem jungen Mann, der auf einer Herrentoilette ausgiebig vergewaltigt wird und dabei stets devot und höflich bleibt. Ein klassischer Fall von Stockholmsyndrom, das seine Wurzeln, so die etwas deutliche Auflösung, in der Kindheit des Opfers hat: Martin wurde schon als Junge missbraucht.

Wieder hat es Jahre bis zum nächsten Buch gedauert. Wieder versucht dieses einen Befreiungsschlag. Ansonsten ist einiges neu: In "Vierzig Tage" ist niemand schwul und von überdeutlichen psychologischen Anspielungen kann auch nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil: Der dünne Roman ist maximal verwirrend. Er spielt irgendwann in der nahen Zukunft einer zugespitzten Gegenwart, von Luftangriffen und Kampffliegern ist die Rede. "Vierzig Tage" ist ein Countdown. Jan Jonas, 35, Journalist, ist dabei, wie sein Vater stirbt, weiß aber nicht so recht, ob er ihn nicht eigentlich ermordet hat. Jan ist hetero, allerdings dennoch extrem schwanzfixiert: "Plötzlich tut sein Vater ihm leid, er streichelt das verletzte Tierchen, den Vogel, der aus dem Nest gefallen ist, zärtlich streichelt er den Penis des Vaters, mütterlich, das geht ganz automatisch."

Der Auffassung, dass Sex ein Schlachtfeld und ewige Bühne der inneren Widersprüche und Verletztungen darstellt, ist Jonigk freilich treu geblieben. Jan deliriert durch die Welt, das Machoekel vergewaltigt eine Putzfrau, lernt einen hässlichen Kommissar kennen, der ihm seltsame, bedeutungsschwere, aber auch recht witzige Geschichten erzählt und einen Tatort zeigt, an dem sich Jan selbst als verstümmelten Toten sieht.

Atemlos und in einer eher lyrischen Sprache erzählt Jonigk, wie sich Jan todessehnsüchtig zu einer geheimnisvollen jungen Frau hingezogen fühlt, von der nie so recht klar ist, ob sie überhaupt existiert. Wenn man möchte, kann man das Buch als Kommentar zum allgegenwärtigen Schönheitswahn lesen: "Jan wird klar, dass er hässlich ist, zu seiner eigenen Überraschung fällt mit der Erkenntnis eine schwere Belastung von ihm ab, endlich, denkt er sich, endlich."

Das führt ähnlich wie in David Cronenbergs Sci-Fi-Streifen "Crash" in eine masochistische Selbstverletzungssehnsucht, die allerdings bei Jonigk als Erlösung begriffen wird. Aber das ist bloß eine Vermutung, denn "Vierzig Tage" hat offenbar die Ambition, ein großes Weltenrätsel zu sein, auch wenn er sich mitunter nur wie ein schlechter Murakami-Roman liest.

Karin Cerny in FALTER 11/2006



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