Female Consequences. Feminismus, Antirassismus, Popmusik

Rupert Weinzierl, Rosa Reitsamer


Hast du Töne?

Klaus Sander und Jan St. Werner beklagen das uninspirierte Bumm-Bumm der elektronischen Musik.

Das Lied ist mittlerweile auch schon wieder ein altes: Es gibt keine neuen Töne mehr. Nicht genug, dass der Popsong fast jede mögliche Melodienfolge längst gesehen hat. Mittlerweile hat auch die in den Neunzigerjahren als Befreiung empfundene elektronische Musik ein grundlegendes Problem bekommen: Sogar ihre Sounds klingen inzwischen ein bisschen altbacken.

Die Revolution durch die einfach verfügbaren Produktionsmittel PC und Musiksoftware hat ihre Kinder zwar nicht gefressen, aber sie hat sie zu Sklaven vorprogrammierter Sounds erzogen, ereifern sich Klaus Sander und Jan St. Werner in ihrem Buch "Vorgemischte Welt" nicht ganz zu Unrecht über eine Inflation an uninspiriertem Bumm-Bumm. "Letzlich", schreibt Sander, "ist doch nur die Musik interessant und hörenswert, die radikale Eigenständigkeit entwickelt: eine eigene Position oder Charakteristik, etwas Unverwechselbares, Idiosynkratisches, einen eigenen Sound."

"Vorgemischte Welt" sucht Wege heraus aus der popmodernen Soundbeliebigkeit. In Gesprächsform tasten sich Sander, Betreiber des Audioverlags supposé, und der "Mouse On Mars"-Musiker Werner an neue Produktionsstrategien heran, indem sie zuerst einmal die alten verwerfen: "Du schaltest das Ding ein, und schon geht die Party los. Die Party vielleicht, aber eben nicht die Musik." Der Ton, den die Autoren anschlagen, wird mitunter leider unerfreulich oberlehrerhaft. Die beiden Herren lassen den Leser schon deutlich spüren, dass ihre Meinungen die gültigeren sind.

Erhellend wird "Vorgemischte Welt" vor allem dann, wenn sich eine dritte Stimme in den Dialog einmischt. Die Autoren haben einige hochkarätige Praktiker und Theoretiker eingeladen, um sich an ihrem Diskurs zu beteiligen. Vom Sampling-Verweigerer Matthew Herbert über den Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit und den Musikschreiber Dietmar Dath bis zum Automatenforscher Oswald Wiener wird eine breite Palette an Positionen abgedeckt.

Die zu Beginn des kleinen Schmökers angekündigten Strategien für neue Sounds bleiben Sander und Werner letztlich zwar weitgehend schuldig. Ihre Vorschläge, sich am besten seine eigenen Maschinen zu bauen, um zu individuellen Klängen zu gelangen, und wie auch immer geartete "komplexe" Musik zu machen, können nicht als echter Durchbruch gewertet werden. Ihre Generalabrechnung mit ideenlosen Preset-Produzenten und einer Pseudoavantgarde ist dennoch lesenswert - nicht zuletzt auch aus dem Grund, dass sich Sander und Werner bewusst angreifbar machen.

So lässt sich dieses Buch als Einstieg in eine noch zu führende breitere Diskussion zum Thema verstehen. Die Karten sind auf dem Tisch, und tatsächlich haben sich in den vergangenen Wochen auffällig viele Produzenten und Rezipienten zu ähnlichen Fragen zu Wort gemeldet. Der gemeine Musikfreund dagegen darf ein bisschen den Kopf schütteln. Schließlich ist für ihn nach wie vor nicht der Weg das Ziel, sondern die Musik, die am Ende aus den Boxen tönt.Pop und Kritik

Ein ambitionierter Reader untersucht die Popkultur unter gender-und rassismuskritischen Blickwinkeln.

Versteht man Pop zuallererst einmal als geschickte Inszenierung von Oberflächenglanz, so spielen Rosa Reitsamer und Rupert Weinzierl, die Herausgeber des Readers "Female Consequences", dieses Spiel ziemlich gut mit: Das Buchcover ist in Knallpink und Neongrün gehalten und buhlt zudem mit den Schlagworten "Feminismus", "Antirassismus" und "Popkultur" um Aufmerksamkeit. Im Inneren trennen die einzelnen Texte dann ganzseitige Fotoarbeiten der kanadischen Künstlerin Julia Wayne, die ausgewählte Plattencover von Musikerinnen wie Patti Smith, Nina Hagen, Grace Jones, Madonna und Nina Simone abfotografiert hat.

Die Texte selbst freilich haben - zumindest formal - nur wenig mit Pop gemein. Stattdessen regiert eine akademische Sprache, die im Idealfall Distanz und Genauigkeit schafft, bisweilen aber auch zum etwas floskelhaft wirkenden Selbstzweck verkommt (ein Problem, das bei derartigen Büchern scheinbar unumgänglich ist).

Die Autorinnen und Autoren - unter ihnen auch internationale Größen wie Angela McRobbie und Jeremy Gilbert - nehmen darin unterschiedliche popkulturelle Felder unter die genderkritische Lupe, wobei Reitsamer und Weinzierl dezidiert kein weiteres klassisches "Women in Rock"-Buch im Sinn hatten, sondern neben der Auseinandersetzung mit vorherrschenden Geschlechterstereotypen gleichzeitig auch Ethnizität als Analysekategorie berücksichtigen wollten. Das Aufzeigen von "Praxen und Strategien gegen die Dominanz von weißer Männlichkeit im Feld der Popularkultur" formulieren die beiden Soziologen als Hauptaufgabe von "Female Consequences".

Die inhaltliche Vielfalt der Beiträge korrespondiert mit der Komplexität der Thematik: Disco und seine medial transportierten Körperbilder ist in den auch formal ganz unterschiedlich angelegten Texten ebenso Thema wie die spezifischen Popkulturen junger Migrantinnen und Migranten in Wien, das feministische Netzwerk der internationalen Veranstaltungsreihe "Ladyfest", die Selbstermächtigungsstrategien von Frauen im US-HipHop, die Entstehung feministischer Subkulturen im Wien der letzten Jahre oder die Frage nach einem geschlechtsspezifischen Humor. Die Originalität der Ansätze variiert zwar wie die Qualität der Ausführungen; als Debattenbeitrag und-anreiz ist letztlich aber jeder einzelne dieser Texte lesenswert.

Gerhard Stöger in FALTER 11/2006



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