In Wien erbaut. Lexikon der Wiener Architekten des 20. Jahrhunderts

Helmut Weihsmann


Draht, drahtlos, online

Frank Hartmann rekonstruiert die Entwicklung zur globalen Medienkultur anhand dreier Leittechnologien.

Noch ein neues Buch zur Medienkultur. Braucht es das wirklich angesichts der Dutzenden Bände über all die extragescheiten Medientheorien und all der Wälzer zur Geschichte von Buch, Radio, Internet und Co? Ist nicht längst schon alles gesagt, was es theoretisch und historisch zu den Medien zu sagen gibt?

Der Wiener Medienwissenschaftler Frank Hartmann hat sich nicht beirren lassen. In "Globale Medienkultur" zeigt er, wie die Ära der Telekommunikation bereits um 1800 begann und wie sie nach und nach die Wahrnehmung der Welt umkrempelte. Und schon ab 1900 wurde die Medienkultur in Hartmanns origineller Darstellung dann weltumspannend. Wie dies geschah, wird anhand dreier medientechnischer Innovationen diskutiert, die wichtige Grundlagen für eine globale Medienkultur im Speziellen und für eine ökonomische Globalisierung im Allgemeinen darstellen: des Kabels, der drahtlosen Kommunikation und des Internet.

Im ersten Drittel steht die Anwendung von Elektrizität für den internationalen Nachrichtenverkehr über Drähte und Kabel im Zentrum. Diese Drähte und Kabel haben für Hartmann die Rede von den "technischen Nerven der Menschheit" provoziert und bilden gewissermaßen das Rückgrat für die späteren globalen Entwicklungen. Danach folgt die Nutzung des Elektromagnetismus für die drahtlose Sendung wie Funk, Radio und Satelliten - eine neue Form der Übertragung, die den herkömmlichen Raum implodieren lässt. Dem Themenfeld online ist das Schlussdrittel gewidmet, in dem die Konstruktion eines elektronischen Datenraums mit universellen Interfaces (Internet) besprochen wird. Wer nun glaubt, über diese Themen sei schon alles bekannt, wird mit dieser Publikation eines Besseren belehrt. Zwar würde niemand leugnen, dass Satelliten wichtiger Bestandteil von Medienkultur sind - doch wo wurden sie bisher thematisiert? Und wo steht schon, wie viele dieser künstlichen Trabanten derzeit die Erde umkreisen?

Statt den großen Erfindern nachzuspüren, analysiert Hartmann jene technischen Innovationen, die zur Kommunikationsrevolution der Moderne führten. Dabei macht das Buch en passant auf etliche Lücken in der Medienkulturanalyse aufmerksam - und füllt sie in vielen Fällen profund: etwa durch die erstmalige Besprechung von Paul Otlets Theorie der Dokumentation oder eine spannungsreiche Zeitreise zu den Problematiken der Tiefseekabel. In drei Exkursen wird schließlich noch gezeigt, wo Ressourcen für zukünftige Debatten liegen könnten.

Es ist im Medium Buch also längst noch nicht alles gesagt und geschrieben, was es über die Medien zu sagen und zu schreiben gibt.Ungenaue Angaben

Ein neues Lexikon über Wiener Architekten des 20. Jahrhunderts leidet an seinen Herstellungsbedingungen.

Natürlich gibt es unter ihnen auch Stars, die ihren Status nach Kräften kultivieren. Im Allgemeinen treten Architekten aber als Personen eher weniger in Erscheinung. Allzu oft stehen hinter bekannten Bauten keine greifbaren Personen. Ein handliches Lexikon über all jene Architekten, die im 20. Jahrhundert das Erscheinungsbild Wiens geprägt haben, ist also eine gute Sache - wobei das Kriterium der Aufnahme bloß eine Tätigkeit in Wien war.

Deshalb kann man auch Herzog & de Meuron, Zaha Hadid und Jean Nouvel im Nachschlagewerk finden, in dem keine Bauten abgebildet, sondern eben nur jene Personen aufgezählt sind, die sie erdacht haben. Die grafische Gestaltung ist übersichtlich, aber eher lieblos und wurde im Übrigen von derselben Person besorgt, die auch für das Lektorat verantwortlich war. Und bei allem Respekt, der Helmut Weihsmanns Forschungstätigkeit gebührt, wird doch schnell klar, dass eine so große Unternehmung von einer Person nicht wirklich zu schaffen ist. Nicht umsonst arbeiten Friedrich Achleitner und sein Team seit rund zwanzig Jahren am Wien-Teil des Architekturführers "Österreich im 20. Jahrhundert".

Dem Lexikon Weihsmanns ist die ökonomische Arbeitsweise leider allerorten anzumerken. Da haben Gebäude, die von zwei Architekten entworfen wurden, bei beiden Einträgen häufig unterschiedliche Adressen, verschiedene Entstehungsdaten oder zweierlei Bauherren. Daten, Namen, Identitäten, Verwandtschaftsbeziehungen und historische Fakten werden munter durcheinander geworfen: Erich Boltenstern wird schnell mal das von Max Fellerer und Eugen Wörle stammende Tulbingerkogel-Hotel zugeschrieben. Die Ehefrau von Walter Loos, die Modedesignerin Friedl Steininger, wird zur "Modistin Friedl Steineder", und schon fast wieder komisch ist es, wenn das von Sigmund Freuds Sohn Ernst in Berlin gebaute Haus Buchthal zum "Haus Buchtel" wird.

Fantasie ersetzt oft leicht greifbare, mehrfach veröffentlichte Fakten. Zum Beispiel zu Josef Frank: Von Franks Wiener Haus Bunzl wird ihm nur die "Inneneinrichtung" zugeschrieben. Das tatsächlich von Frank eingerichtete Haus Krasny wird wohl deshalb zum "Haus Karplus", weil es von Arnold und Gerhard Karplus entworfen wurde. Schlicht falsch ist die Aussage "Zum letzten Mal besuchte er seine Heimat, um den großen Österreichischen Staatspreis (1965) entgegenzunehmen". Diesen nahm Franks Nichte entgegen, da der nach Stockholm emigrierte Frank sich zu krank fühlte. Dann wird es völlig absurd: "Der österreichische Staat stiftete einen nach Josef Frank benannten Architekturpreis für die Studierenden der Hochschule für angewandte Kunst." Gegenvorschlag: Frank stiftete ein von der Österreichischen Gesellschaft für Architektur vergebenes Reisestipendium für Studierende.

Da man sich auf die Richtigkeit der Einträge nur bedingt verlassen kann, ist das Lexikon nur mit Vorbehalt zu nutzen. Zumindest ergänzend sei das gut recherchierte Online-Architektenlexikon 1880 bis 1945 empfohlen, das derzeit am Architekturzentrum Wien erstellt wird.

Michael Manfé in FALTER 11/2006



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