Bro

Vladimir Sorokin, Andreas Tretner


Missionare der Gewalt

Wladimir Sorokin verfolgt in "Bro" jene Sekte, die er schon im Roman davor erfunden hat.

Auserwählte glauben immer, dass sie anders sind als alle anderen. Sie wähnen sich im Besitz der Wahrheit und merken nicht, dass sie, um diese Wahrheit durchzusetzen, Methoden anwenden, die nicht zuletzt ihren eigenen Überzeugungen widersprechen. Das nennt dann Religion - oder Totalitarismus.

Im Jahr 2003 hat Wladimir Sorokin, Enfant terrible der russischen Literatur, einen Roman namens "Ljod. Das Eis" veröffentlicht, der von solcherart Überzeugten handelt, einer abstrusen Sekte im zeitgenössischen Moskau, die blonde und blauäugige Menschen auf offener Straße überfällt und mit einem Hammer aus Eis so lange bearbeitet, bis sie sterben. Oder ihr Herz zu "sprechen" beginnt. Gesucht werden auf diese Weise 23.000 Auserwählte des göttlichen Eises (das russische "ljod" bedeutet Eis), die allein den "Fehler" des unvollkommenen Erdenlebens ausmerzen und die ewige Harmonie wiederherstellen können. Schon in diesem Roman lieferte Sorokin einen Teil der Vorgeschichte dieser Sekte, für die er ein wissenschaftliches Rätsel des 20. Jahrhunderts rekrutierte, nämlich den sogenannten Tunguska-Meteoriten, der 1908 in Sibirien weite Landstriche verwüstete und von dem bis heute keine Überreste gefunden wurden.

In seinem neuen Roman "Bro" geht er noch weiter in den Gründungsmythos der "Gemeinschaft des Ursprünglichen Lichts" zurück, die alle Bestandteile einer Religion aufweist - von Wundern und Prophezeiungen über Gebote bis zu Erlösungsversprechen. Und er lässt Bro, den Ich-Erzähler und Sektengründer, den Meteoriten im Rahmen einer Expedition 1929 tatsächlich finden.

Bro/Sorokin schildert das Umschlagen vom selig machenden Bekehrungserlebnis in naiven Missionierungswahn und von da in rücksichtslose Gewalt;, er beschreibt die Mechanismen der Institutionenbildung inklusive Anbiederung an die Macht und Unterwanderung bestehender Strukturen (die Gemeinschaft macht gemeinsame Sache sowohl mit den Bolschewiken als auch mit den Nazis) mit aller genüsslichen Ausführlichkeit und ohne Distanz, also in der verkitschten, eindimensionalen Sprache Fanatisierter.

Aus dieser Erwecktenprosa kann eine ironische bzw. aufklärerische Haltung des Autors - sagen wir: über das Wesen des Totalitarismus, von Kommunismus und Nationalsozialismus bis zu New Age (die primitiven Eishämmer werden im ersten Roman zu Wellness-Sets ausgearbeitet) - nur indirekt erschlossen werden. Einzig die Tatsache, dass das einschlägige Vokabular von der Sprache der Herzen, Reinheit und absolutem Glück ständig kursiv gesetzt ist, verrät, dass hier jemand bewusst mit der Sprache der Verblendung spielt. Das verschafft, so gekonnt es auch sein mag, nicht unbedingt direkten Lesegenuss, aber den Erkenntnisgewinn jener Texte, die einem im besten Sinne des Worts zu denken geben.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2006



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