"Und morgen gibt es Hitlerwetter!". Alltägliches und Kurioses aus dem Dritten Reich

Hans-Jörg Wohlfromm, Gisela Wohlfromm


Braune Strümpfe

Ein neues Lexikon mit Fakten zum NS-Alltag enttäuscht durch seinen Mut zur Lücke.

Über sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Literatur über den Nationalsozialismus unüberschaubar geworden. Gleichzeitig droht mit dem Wegsterben der letzten Zeitzeugen das Gefühl verloren zu gehen, in welcher Art und wie intensiv sich die braune Ideologie des Alltagslebens von Männern, Frauen und Kindern bemächtigt hatte. Es braucht also ein Sammelwerk, so die Idee des Historikerpaars Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm, das die entsprechenden Fakten, aber auch die Kuriositäten der NS-Diktatur in einem Lexikon zusammenstellt, das "es in dieser Form noch nicht gibt".

Es ist jammerschade, dass das ambitionierte Projekt ausgerechnet in einem Verlag eine Heimat fand, der auf unterhaltsame Kompendien des mehr oder weniger nützlichen Wissens spezialisiert ist, auf die letzten Worte berühmter Männer oder die seltsamsten medizinischen Phänomene. Zwar läuft der Band "Und morgen gibt es Hitlerwetter!" außerhalb der auf den Massengeschmack getrimmten Reihe. Ihr schlechter Einfluss ist dennoch unübersehbar.

Denn statt auf wissenschaftliche Seriosität zu setzen, haben Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm weitgehend darauf verzichtet, ihre Einträge mit einem Sinn auszustatten. Es bleibt ihr Geheimnis, warum sie bei manchen Einträgen zumindest einen Informationsrumpf haben stehen lassen, bei anderen ihr Material bis zur Nutzlosigkeit abholzten. Stichwort "Einzelhandelspreise": Wir erfahren, dass sich Frau in den Jahren 1936 bis 1940 über nur minimal gestiegene Ausgaben für Seidenstrümpfe freuen konnte. Von 1,44 Reichsmark auf 1,52. Wie es weiterging, wird verschwiegen.

Das Autorenpaar beschäftigt sich hier aber immerhin mit einem jener Produkte, das auf den Schwarzmärkten der Nachkriegszeit den Rang einer Währung einnehmen sollte und überlebenswichtig wurde. Da wüsste man schon gern, ob und, wenn ja, wie lange das Deutsche Reich Strumpfhosen selbst hatte produzieren können, wie hoch der Jahresverbrauch pro Frau gelegen hatte, wie groß der Mangel gewesen war und ob versucht wurde, ihn zu beheben. Ja, vielleicht wäre es sogar möglich gewesen, einen Zusammenhang herzustellen zur Tatsache, dass die Besatzungsmächte massenhaft Strumpfhosen ins hungernde Ex-Hitler-Reich importierten.

Wie bei den Wohlfromms ein völlig nutzloser Eintrag aussieht, sei am Thema "Lebensmittel" demonstriert. Wir erfahren, dass 1938 ein Kilo Brot 0,39 Reichsmark gekostet hat - fertig, kein weiteres Wort. 1940? 1941? Gab es Unterschiede zwischen den zerbombten Städten und den vergleichsweise heil gebliebenen Dörfern? Das Rationierungssystem der Lebensmittelkarten unterläuft halt leider den Vergleichsmaßstab Preis. Man hätte sich die Mühe machen müssen, um ordentlich Auskunft geben zu können. Zu dumm, dass das Thema "Drittes Reich" komplexer ist, als es sich der Eichborn Verlag vorstellen kann.

Eigentlich ist Hans-Jörg und Gisela Wohlfromms "Alltägliches und Kurioses aus dem Dritten Reich" kein Titel, der eine längere Besprechung wert wäre, gäbe es da nicht ein wirkliches Ärgernis. Bisweilen mündet der Mut der Wohlfromms zur Lückenhaftigkeit nämlich in einer Verharmlosung des nationalsozialistischen Prinzips, alles und jeden ihrer Ideologie zu unterwerfen.

Ein Beispiel: "Im Dritten Reich bekamen einige Städte Beinamen", schreibt das Historikerpaar und suggeriert, dass die sich anschließende Liste Vollständigkeit beansprucht, die von Nürnberg als der "Stadt der Reichs-und Parteitage" angeführt wird. Wie man Ende der Siebzigerjahre herausfand, gehörte Landsberg, in dessen Gefängnis Hitler "Mein Kampf" geschrieben hatte, zu den Zentren des reichsweiten Führerkults. Vielleicht weil der Name der Stadt nicht bei jedem sofort eine geografische Assoziation auslöst, hat den Wohlfromms zufolge aber eine "Stadt der Jugend und des Sports" nie existiert.

Fein für die Landsberger, will man ausrufen. Die haben sich ihre braune Vergangenheit also nur eingebildet.

Martin Droschke in FALTER 11/2006



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