Zappa

Barry Miles


Der letzte Muttertag

Vor genau dreißig Jahren gab Frank Zappas legendäre Band Mothers of Invention ihr letztes Konzert. Napoleon Murphy Brock war dabei und sprach mit dem "Falter" über die beste Zeit seines Lebens.

Die baskischen Zappa-Fans, die am 17. März 1976 das Konzert der Mothers of Invention in Bilbao besuchten, konnten nicht wissen, dass sie einem rockhistorischen Ereignis beiwohnten. Wie sich erst ein paar Monate später herausstellen sollte, war der Gig nicht nur das letzte Konzert einer ausgiebigen Welttournee der Mothers, sondern überhaupt der letzte Auftritt einer Band dieses Namens. Aufgrund eines Rechtstreits, den Zappa mit seinem langjährigen Manager angezettelt hatte, durfte er den Namen Mothers fortan nicht mehr benutzen.

Von einer Band im engeren Sinn des Wortes konnte damals allerdings ohnedies nicht mehr die Rede sein. Die 1965 gegründeten Mothers hatten häufig die Besetzung gewechselt (insgesamt gab es neun verschiedene Formationen) und waren längst zum Synonym für Frank Zappa geworden, der nach 1976 - zum Teil mit denselben Musikern - halt unter seinem eigenen Namen weitermachte. Einerseits ist es also ein bisschen akademisch, vom "letzten Konzert" zu sprechen. Andererseits sind sich Zappalogen weitgehend darin einig, dass die beste Zeit vorüber war. Mit den späten Mothers hatte Zappa einige seiner stärksten Alben - etwa "Overnite-Sensation" oder "One Size Fits All" - eingespielt; von den Livequalitäten der Band kann man sich auf den Mitschnitten "Roxy & Elsewhere" oder dem erst 15 Jahre später veröffentlichten "Helsinki Concert" überzeugen.

"Es war die beste Band", findet auch Napoleon Murphy Brock. Der Mann ist allerdings kein ganz unparteiischer Zeuge: Er war dabei. Von 1972 bis zum Ende der Band war Brock Saxofonist und Leadsänger der Mothers, auch auf späteren Zappa-Platten ist er zu hören (die Background-Vocals auf "Sheik Yerbouti" sind zum Beispiel von ihm). Bis heute lebt Brock hauptsächlich davon, bei Zappa gespielt zu haben. Gemeinsam mit anderen Mothers-Veteranen betreibt Brock die Grandmothers, und wann immer irgendwo auf der Welt Zappas Musik aufgeführt wird, ist Napoleon Murphy Brock (der Name ist übrigens echt!) gern gesehener Gast. Auch als Dirigent Kristjan Järvi mit seinem Absolute Ensemble Ende Februar im Wiener Konzerthaus ein Zappa-Programm spielte, war Brock mit von der Partie. Vor dem Konzert traf der Falter den Musiker im Parkhotel Schönbrunn zum Gespräch.

Als Brock 1972 Zappa kennen lernte, war er Sänger einer Soulband auf Hawaii, die aktuelle Hits coverte. Die Mothers suchten damals einen Sänger, und als Zappas Tourmanager Marty Perellis zufällig den Club besuchte, in dem Brock gerade spielte, glaubte er, den richtigen Mann gefunden zu haben. Zappa hörte sich das Konzert an, bat Brock hinterher an seinen Tisch und stellte sich vor: "Hello, my name is Frank Zappa, this is my wife Gail, and you are my new lead vocalist!" Dann fragte er Brock, ob er nächste Woche mit ihm auf Europatournee gehen wolle. Der Angesprochene reagierte ausweichend - er kannte Zappa nicht und hatte noch nie einen Ton von ihm im Radio gehört. "Ich hielt den Mann für völlig verrückt", erinnert sich Brock. "Dann fragte ich ihn: ,Wer ist in deiner Band?' Er sagte: ,George Duke, Jean-Luc Ponty ...' Die kannte ich, und ich antwortete: ,Wenn die in deiner Band spielen, musst du wirklich gut sein!'"

An der Tour nahm Brock dennoch nicht teil - er hatte ja noch seinen Vertrag auf Hawaii zu erfüllen -, aber als er ein paar Monate später dann doch zur Band stieß und die Mothers zum ersten Mal spielen sah, war er begeistert. "Ich habe sofort begriffen, warum Frank mich wollte: Das war Theater! Für mich ist Musik wie Theater, man kann damit alles ausdrücken - ich liebe das! Ich passte perfekt in diese Band." Daheim in San José, Kalifornien, hatte Brock eine Zeit lang in Musical-Comedies gespielt, und die dabei gesammelten Erfahrungen kamen ihm bei den Mothers zugute. "Die Konzerte waren eine Art Broadway-Shows - Frank brauchte nur noch einen Darsteller wie mich." Brock war bei den Mothers nicht nur Musiker, sondern auch Chefentertainer; in dem Nonsensstück "Room Service" etwa improvisierte er gemeinsam mit Zappa den Dialog eines Hotelgasts mit dem Rezeptionisten. "Die Nummer war jedes Mal anders, weil alles, was wir in der vergangenen Nacht erlebt hatten, sofort eingebaut wurde."

Die Groupiegeschichten (Brock: "It's all true!") und Touranekdoten, von denen in Mothers-Konzerten immer die Rede war, sind ziemlich witzig. Für die Band selbst dürfte das Leben on the road mit Zappa allerdings nicht immer das reine Vergnügen gewesen sein. Der Musikerbiograf Barry Miles jedenfalls zeichnet in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Zappa-Buch* das Bild eines Egomanen, der in besseren Hotels als die Band wohnte und den in seinen Texten verklärten Tourwahnsinn hauptsächlich aus den Gschichtln seiner Musiker kannte. Napoleon Murphy Brock hat das Buch nicht gelesen. "Er war nicht dabei, also woher soll er das alles wissen?" Nein, auf Zappa lässt er nichts kommen. "Frank war cool. Er war wirklich cool!"

Und die Tour 1984, als Brock nach elf Konzerten aus der Band flog, weil der strikte Drogengegner Zappa ihn mit unerlaubten Substanzen erwischt hatte? "Das stimmt nicht!", dementiert Brock. "Schauen Sie mich an! Ich spiele Basketball mit 18-Jährigen! Sieht so jemand aus, der Drogen nimmt?" Brock, der aus seinem Alter ein Geheimnis macht, aber um die sechzig sein muss, sieht tatsächlich ziemlich fit aus. Und dass er nie im Leben Drogen genommen hat, lassen wir jetzt einfach einmal so stehen. Frank Zappa, der sich zeitlebens hauptsächlich von Zigaretten und schwarzem Kaffee ernährt hatte, erlag Ende 1993 einem Krebsleiden. Was er heute wohl tun würde, wenn er noch am Leben wäre? "Er hätte jede Menge Spaß", glaubt Brock. "George Bush, Saddam Hussein, Osama bin Laden - all diese Figuren wären ein Fressen für Frank!"

Wenn Napoleon Murphy Brock an seine Zeit mit den Mothers denkt, leuchten seine Augen. "Wir konnten die nächste Show gar nicht erwarten, es war jeden Abend ein Abenteuer! It's showtime! Let's go out and blow these people's minds! Tja, und das haben wir dann ja auch gemacht."

Wolfgang Kralicek in FALTER 11/2006



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