Der schnellfüßige Achilles

Stefano Benni, Moshe Kahn


Wirkliche Wunder

Giuseppe Bonaviri durchforstet sein Langzeitgedächtnis und legt ein wunderbares und-seliges Alterswerk vor.

Das 19. und 20. Jahrhundert über war Sizilien ein fruchtbarer Boden für die Literatur. Es gab (und gibt) zwar kaum einen Literaturbetrieb, die Insel liegt weitab von den kulturellen Zentren, die Brücke zwischen Reggio Calabria und Messina ist immer noch ungebaut. Vielleicht aber hat gerade diese Abgeschiedenheit die Autoren beflügelt, von denen viele ja auch emigriert sind.

Auch Giuseppe Bonaviri ging seiner Arbeit als Kardiologe in Rom nach, doch die Geschichten, die er daneben schrieb, spielen zumeist im ländlichen Sizilien. Bekannt wurde er vor fünfzig Jahren mit dem Roman "Der Schneider von Mineo". Vorbild für die Hauptfigur war der Vater des Autors, Mineo sein Heimatdorf im Ostteil der Insel. Das vor kurzem erschienene Buch, ein Alterswerk im besten Sinne, spielt wiederum in Mineo und beschwört teilweise dieselben Gestalten.

"Die blaue Gasse" entfaltet sich als Gewebe von kleinen Episoden, die fast ethnografisch die Gebräuche einer heute versunkenen ländlichen Welt nachzeichnen, andererseits aber ins Magische und Fantastische gleiten: eine Dynamik, die den Weltaneigungsweisen jener gläubigen und abergläubischen Bevölkerung entspricht. Von liebevoller Berichterstattung geht Bonaviri zu einem halluzinatorischen Schreiben über, das den eigentlichen Reiz seiner Geschichten ausmacht. Er mag darin ein Kind seiner Zeit und seines Dorfes sein; einer der Jungen, von denen er berichtet, erzählt, seine Mutter habe nach dem Tod eines ihrer Kinder Tränen geweint, "die wirklich und wahrhaftig Tropfen glühender Lava" seien.

Auf solche Weise entsteht eine Vielzahl von wundersamen Geschichten, manchmal rührend und manchmal bestürzend, befremdlich. In vielen Fällen spiegeln sie eine besondere Haltung gegenüber Naturphänomenen wider, einen vertrauten, oft auch krisenhaften Umgang mit dem Anderen; einen Animismus, der allenthalben Geister und Götter sieht, belebte und belebende Kräfte, die man beschwichtigt oder sich zunutze macht.

Eines der interessantesten Beispiele dafür ist das Waschen der Plazenten, das von zwei Frauen des Dorfs jeweils nach einer Geburt besorgt wurde. Bonaviri hält seine Kommentare anschaulich und knapp, sodass wir zitieren können: "Das Waschen der Plazenten war ein altes, heute dem Vergessen anheim gefallenes Ritual zur Reinigung der Wasserläufe. In ihnen mischte sich - wenn das Blut austrat, ins Wasser strömte und dort von kleinen Fischen wie Döbeln, Aalen oder sogar von Kaulquappen getrunken oder von wogenden Wasserpflanzen aufgesaugt wurde - das Menschliche und die vielfältig belebbare Natur. So verband sich das Heilige des körperlichen Lebens mit dem Göttlichen des Wassers und der aus ihrer Höhe strahlenden Sonne, außerdem bewirkte man damit eine Übertragung von etwas zutiefst Menschlichem auf Milliarden unendlich kleiner Wassergottheiten, den Überbringern des lichtfunkelnden Lebens und der Schwärze des Todes."

Aus den Nachgeburten wurden Säfte und Salben hergestellt, welche die Dorfbewohner zu Heilzwecken benutzten. Dazu bemerkt der Autor, dessen naturwissenschaftliche Bildung sich auch in der Lust des Benennens und Aufzählens zeigt: "Wenn ein alter Mann einen Plazentatrank zu sich nahm, schien er sich zu verjüngen, sowohl wegen des veränderten Tons seiner Stimme als auch wegen der Schnelligkeit, mit der er plötzlich ausschritt. Denke ich heute, nach Jahrzehnten, noch einmal darüber nach, meine ich, dass Agrippina und Eusapia bei der Verwendung der Plazentaextrakte als Medizin geahnt haben müssen, welch regenerierende Kraft in ihnen steckt. Heute würde man sagen, dass sie von dem Reichtum an Stammzellen herrührt, die jedes beliebige Zellgewebe unseres Körpers reproduzieren können."

Die blaue Gasse" speist sich aus der Erinnerung an Personen und Orte, die nicht mehr sind. In seinen Gesten und Impulsen ist der Roman eine Anrufung der Toten, ein orpheisches Beschwören und Festhaltenwollen von Vergangenem, in dessen Verlauf der Autor die Dinge und Figuren neu schafft.

Leonardo Sciascia, der ehemalige Dorfschullehrer von Racalmuto, hat in seinen Berichten die Härten und Entbehrungen, auch die Rohheit des ländlichen Sizilien beschrieben. Diese sind bei Bonaviri weitgehend ausgespart, die Stimmungen durchwegs heiter, zauberhaft und bezaubernd. Was wir lesen, ist das morgenfrische Werk eines puer senex, eines jungenhaften, zuweilen auch kindischen Greises, der sich geschickt in seinem Langzeitgedächtnis umtut, während das Kurzzeitgedächtnis zu wünschen übrig lässt - was man an gewissen, ihrerseits reizvollen Wiederholungen merkt.Mani pulite

In "Der schnellfüßige Achilles" feuert Stefano Benni ein satirisches Geschoß gegen das Berlusconi-Regime ab.

Der Hinweis darauf, keinen Fernseher zu besitzen, scheint Stefano Benni wichtig zu sein. Der außerhalb seiner Heimat wenig bekannte Schriftsteller gilt als einer, der sich um keinen Preis dem neoliberalen Geist Italiens unterwerfen will. Als Kolumnist schreibt er regelmäßig im Politmagazin Panorama und in der Tageszeitung Il Manifesto. Seine Romane, die Berlusconi, den verhassten Klassenprimus der Globalisierung, und dessen US-amerikanischen Bruder im Geiste, Georg Bush, in die satirische Mangel nehmen, sind in Italien Bestseller. Benni träumt, wie er im sagt, "ganz normal: von einer Wirtschaftsordnung, in der die Welt allen gehört, nicht nur der Wall Street".

"Die Simpsons sind lustig, aber ihr Witz hat nur einen kurzen Atem. Ich denke, dass mein Schreiben mit TV-Formaten nichts gemeinsam hat", verwehrt sich Benni ein wenig gegen den Vergleich seiner Romane mit Matt Groenings Kultserie, als dessen literarisches Pendant Kritiker Bennis Romane gern bezeichnen. Sie haben dabei im Groben ebenso recht wie der Autor im Feinen. Auf 270 Seiten lassen sich politische und gesellschaftliche Zusammenhänge genauer durchleuchten als in etwas über zwanzig Sendeminuten. "Der schnellfüßige Achilles" spielt in einer Parallelwelt, in der die auf kindlich-naiv getrimmte Fantasie des Autors das Normale ins Absurde verkehrt: Italien, gesehen durch die Brille eines Urgesteins, das mit Wehmut auf die antifaschistische Tradition seiner Heimat verweist. "Es ist ein Tollhaus. Verrückt sind aber nur der Boss und das Personal, nicht die Patienten."

Für die Abenteuer des rührigen Verlagslektors Ulysses holte sich der 1947 geborene Bologneser Inspiration bei Friedrich Dürrenmatts Theaterstücken. "Der schnellfüßige Achilles" ist eine tragikomische Reflexion einer Gesellschaft, die Moral durch die Allmacht des Geldes ersetzt hat. Im Fokus steht die oppositionelle Kulturszene, die - man denke an Dario Fo und Roberto Benigni - eigentlich als unkorrumpierbar gilt. In Bennis Kosmos mangelt es ihr nicht nur arg an Ideen, wie man dem "Duce" dauerhaft Widerstand leisten könnte. Vitalität? Visionen? Fehlanzeige! Der in die Jahre gekommene Kommunist Ulysses, der rund um die Uhr von Manuskripteinsendern gequält wird, personifiziert die kulturelle Elite. Irgendwann kann auch er nicht mehr anders und lässt sich - in die Enge getrieben wegen der Liebe zu einer in der Gewerkschaft aktiven Emigrantin und seiner Freundschaft zu dem an den Rollstuhl gefesselten Außenseiter Achilles, für den Stephen Hawking Pate gestanden hat - auf das Prinzip "eine Hand wäscht die andere" ein. Als er realisiert, wie da mit ihm gespielt wird, hat er sich, seinen Verlag und seine Ideale bereits an die Maschinerie eines Mediengroßkonzers verkauft und verraten. Der linke Freigeist ist jetzt ein Glied im Räderwerk der Globalisierung.

Am 9. April, am Wahlabend, wird sich zeigen, ob der reichste Mann Italiens auch weiterhin an der Spitze des Landes stehen wird. "Möglicherweise ändern sich die Verhältnisse", hofft der Autor, "aber auch dann wird das Gift Berlusconi Italien noch für viele Jahre belasten". Trotz der plakativen Gleichsetzung Mussolinis mit dem (noch) amtierenden Regierungschef ist "Der schnellfüßige Achilles" kein plumper Agitationsroman, sondern ein treffsicheres satirisches Geschoß, das auch Österreichs Globalisierungsgegner auf seine Waffenfähigkeit testen sollten.

Martin Droschke in FALTER 11/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×