Chronik eines Untergangs. Deutschland 1924-1939

Leopold Schwarzschild, Andreas P. Wesemann


Wahre Heldinnen

Erica Fischer schildert, wie zwei Zwillingsschwestern dem NS-Terror und dem Kommunismus trotzten.

Seine Foltermethoden könnten doch wirklich nicht so arg gewesen sein, sagte der angeklagte Gestaposadist Johann Sanitzer am 11. Jänner 1949 treuherzig zum Richter, denn "wie könnte es sonst noch überlebende Zeugen geben?". Nachzulesen in einem der Gerichtssaalberichte vom nächsten Tag. Unter den überlebenden Zeugen war auch die Kommunistin Rosa Großmann.

Sie war gefesselt auf einen Diwan geworfen und von sechs Gestapobeamten, darunter dem Angeklagten Sanitzer, vor den Augen ihres ebenfalls gefesselten Vaters mit Lederriemen blutig gepeitscht worden. Um auszuschließen, dass sie unter der Folter Genossen verriet, riss sie sich im Stiegenhaus des ehemaligen Hotels Metropol, das der Wiener Gestapo als Hauptquartier diente, von ihren Bewachern los und warf sich über das Stiegengeländer. Wie durch ein Wunder überlebte sie den Sturz aus dem zweiten Stock.

Ein halbes Jahrhundert später schließt sich ein Kreis. Die damalige Rosa Großmann, nun Rosl Breuer, die bisher nur wenigen Spezialisten für die Nachkriegsjustiz ein Begriff war, trat aus dem Dunkel der Vergangenheit und erzählte der Autorin Erica Fischer ihr Leben. Der Buchtitel sagt alles: "Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben". Dies ist dieser Frau nicht nur unter den Prügeln der Gestapo gelungen, sondern auch nach dem Krieg, als sie die Wahl hatte, entweder der Kommunistischen Partei oder sich selber treu zu bleiben.

Besonders faszinierend an Erica Fischers spannendem Buch: Es handelt sich um eine Doppelbiografie. Rosl Breuers Zwillingsschwester Liesl Hahn wurde in der Tschechoslowakei ebenfalls vor die Wahl gestellt, sich von ihren Idealen zu verabschieden oder die Anpassung beziehungsweise den Selbstbetrug vorzuziehen. Unzählige überzeugte Kommunistinnen und Kommunisten mussten den Missbrauch ihres Idealismus übertünchen oder die Konsequenzen ziehen.

Nach vielen Gesprächen mit den Schwestern und Einsicht in deren Dokumente arbeitete Erica Fischer überzeugend heraus, wie die Erziehung den Grundstein zur Selbsttreue legte. Rosl und Liesl wurden im proletarischen Milieu sozialisiert, zunächst sozialdemokratisch und nach dem Februar 1934 kommunistisch. Sie wurden vom Vater nicht nur im Sinne der politischen Linken, sondern vor allem zu kompromissloser Ehrlichkeit erzogen. Aber auch zu einer heute fast unglaublichen Opferbereitschaft. Vor 1938 ging es darum, einen Streik durchzuhalten, auch wenn man dafür das schwere Schicksal der Arbeitslosigkeit in Kauf nahm: ",Das ist furchtbar', seufzt die Mutter. ,Da kamma nix machen.'" Mit derselben Bedingungslosigkeit riskierte der Vater in der Nazizeit sein Leben und erwartete dasselbe von seinen Töchtern.

Erica Fischers Buch ist keines über die NS-Zeit, sondern über das ganze Verhängnis des 20. Jahrhunderts. Als die Nazis in Österreich einmarschierten, besaß Rosl längst ihre Häfenerfahrungen. Das Leben einer politisch organisierten Wiener Arbeiterfamilie unter Dollfuß und Schuschnigg wurde selten so einprägsam geschildert. Nach dem Krieg trennten sich die Wege der heute 86-jährigen Schwestern für viele Jahre.

Der Nazikriminalrat Sanitzer, der Rosl prügeln ließ und dabei wacker mitwirkte, hatte zahlreiche Menschen auf dem Gewissen. Er bekam vom österreichischen Volksgericht "lebenslang", wurde von russischen Offizieren aus seiner Zelle in Stein geholt, war bis zum Staatsvertrag in sowjetischer Haft, nach seiner Rückkehr aber sofort ein freier Mann. Der Justizminister erklärte es im Nationalrat für "übermäßige Härte", ihn wieder in Haft zu nehmen, da ja ein Gnadengesuch vorliege.

Viele Kollegen konnten es sich ganz richten. Ein Beispiel: Der serbische Geheimpolizist von Nazignaden, Radislav Grujicic, der unter anderen den kürzlich verstorbenen Dichter Milo Dor gefoltert hatte, wanderte nach dem Krieg nach Kanada aus, wo er im Regierungsauftrag ehemalige Kommunisten bespitzelt haben soll. Erst Ende der Achtzigerjahre ermöglichte ein Zusatzgesetz die Verfolgung solcher Verbrechen. Zu spät. Das Verfahren wurde unter Berufung auf den schlechten Gesundheitszustand eingestellt.Ökonomie des Zerfalls

Die wieder aufgelegten Analysen Leopold Schwarzschilds erklären den Aufstieg des Nationalsozialismus.

Das von Stefan Grossmann ins Leben gerufene Tage-Buch und sein Folgeorgan Das Neue Tage-Buch galten als zwei der wichtigsten Zeitschriften der Weimarer Republik. Intellektuelle Größen der Zeit wie Walter Benjamin, Hermann Broch, Max Brod, Egon Friedell, Klaus und Thomas Mann, Robert Musil, Alfred Polgar oder Joseph Roth nutzten die Wochenzeitschrift als Publikationsort. Und selbst noch im Pariser Exil hatte sie eine große Leserschaft, informierte sie doch regelmäßig und zuverlässig über die Vorgänge im Dritten Reich.

Dieses Renommee verdankte sich nicht zuletzt den Analysen des Wirtschaftsjournalisten Leopold Schwarzschild, die dieser ab 1921 im Tage-Buch publizierte. Eine Auswahl dieser Texte erschien nun unter dem Titel "Chronik eines Untergangs", herausgegeben vom Wirtschaftswissenschaftler Andreas Wesemann, Urenkel von Tage-Buch-Gründer Stefan Grossmann. Ausgewählt wurden ausschließlich Texte, die Deutschland ins Zentrum der Betrachtung stellen und die erfahrbar machen, wie es zum Zerfall der Weimarer Republik und dem (un-)aufhaltsamen Aufstieg des Nationalsozialismus kam.

Schwarzschilds Kommentare weisen dabei immer über das Tagesgeschehen hinaus, stets fragt er nach Voraussetzungen und den Folgewirkungen politischer Entscheidungen. Früh vermag er deshalb vor der Kriegsgefahr zu warnen, die von den Nationalsozialisten ausgeht, und wiederholt erinnert er an den unterschätzten "Grad der Hoffnungslosigkeit" des deutschen Volks. Nach dem Gang ins Exil 1933 konstatiert er ein "unablässiges, moralisches und materielles Hingleiten zu irgendwelchem kriegerischen Zusammenstoß" - und wird Recht behalten.

Ausgehend von sozioökonomischen Analysen entstehen so auf sprachlich hohem Niveau atmosphärisch dichte, reflektierte Bilder der deutschen Verhältnisse: Schwarzschilds Stil ist gekennzeichnet von Anschaulichkeit, Anspielungsreichtum und einer Detailbesessenheit und Faktenfülle, der nie auf die großen Zusammenhänge vergisst.

Der ausführliche Kommentar des Herausgebers erweist sich dennoch als nützlich für das bessere Verständnis der wieder aufgelegten Originaltexte. Andreas Wesemann stellt unmissverständlich, dass man Schwarzschild für eine gewinnbringende Lektüre nicht in jedem Punkt zuzustimmen braucht - etwa in seiner pauschal ablehnenden Haltung gegenüber der Sozialdemokratie. Und so erweisen sich diese Texte eines Denkers, dessen Position "man heute wohl als Neoliberalismus bezeichnen würde" (Wesemann), als immer noch streitbar, kritisch hinterfragbar und damit diskussionswürdig.

Wie notwendig und hochaktuell eine Auseinandersetzung mit den (sozio-)ökonomischen Grundlagen von Weimarer Republik und Nationalsozialismus ist, hat erst jüngst die von Götz Aly ausgelöste Debatte um "Hitlers Volksstaat" gezeigt. Nicht zuletzt aus diesem Grund wäre deshalb auch die Herausgabe weiterer Tage-Buch-Texte von Leopold Schwarzschild reizvoll. Mit der vorliegenden Ausgabe ist zumindest ein Anfang zu deren Wiederentdeckung und Neubewertung getan.

Florian Huber in FALTER 11/2006



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