Der Sammler

Evelyn Grill


Dildos und Kakerlaken

Evelyn Grill erzählt in "Der Sammler" von einem verschrobenen Messie, der Karriere macht.

Das Sammeln geht den Wissenschaften immer voraus." Dieser Satz aus Stifters "Nachsommer" steht als Motto über Evelyn Grills neuem Roman über einen Sammler, der es nicht bis zur Wissenschaft geschafft hat, sondern im Sammeln so tief stecken geblieben ist, dass er seine eigene Wohnung nur noch mittels Stehleiter betreten kann und bereits mit dem Gesundheitsamt in Konflikt steht. Kurz gesagt: Das Buch handelt von einem "Messie".

So ganz nebenbei ist "Der Sammler" aber auch noch der Roman des Verfalls einer Familie, der Roman über die Entstehung eines Romans und ein Künstlerroman - erzählt in 13 Kapiteln, die jeweils in dem gehobenen italienischen Restaurant La Grotta in Mannheim beginnen. Hier trifft sich, noch zu D-Mark-Zeiten, im Wochentakt ein Freundeskreis aus Akademikern, Künstlern, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern, der von einer Figur zusammengehalten wird: Alfred Irgang, Industriellensohn und (Erb-) Millionär im Pennerlook, Sorgenkind seiner noch verbliebenen Freunde und notorischer Zuspätkommer, der der hochgebildeten Runde damit Gelegenheit gibt, seine Misere zu diskutieren. "Jeder Mensch hat die Freiheit, sich zugrunde zu richten, wenn er es will", findet die (österreichische) Schriftstellerin und Berufszynikerin Dora Stein, die das Geschehen im Folgenden künstlerisch ausschlachten wird. "Ich für meinen Teil", widerspricht - ganz Helfersyndrom - die Sozialpädagogin Uta Aufbau, "finde nicht, dass man einem Menschen einfach zuschauen soll, wenn er sich zugrunde richtet".

Aus diesem Widerspruch entwickelt Grill einen intelligenten und zunehmend packenden Roman über ein kleines Sozialgefüge und seinen verschrobenen "Helden". Im Gegensatz zu dessen Freunden nimmt die Autorin den Dingfanatiker Irgang aber durchaus ernst und stellt ihm mit der obdachlosen "Matroschka" sogar eine stumme Gefährtin zur Seite, der der misanthropische Irgang zunächst freilich grausame Rücksichtslosigkeit angedeihen lässt.

Aus der Diskrepanz zwischen der selbstgefälligen psychologischen Analyse der Stammtischrunde - zugleich selbstlos und eigennützig, zutreffend und grundfalsch - und der simplen Freude Irgangs am Stierln in Müllcontainern, an Schimmelgeruch, gebrauchten Zahnprothesen und zerquetschten und mit Datum versehenen Kakerlaken ergibt sich die Spannung des Buchs. Zwischenzeitlich scheint es sogar auf eine Art Happyend zuzusteuern, artet dann aber doch in eine Tragödie aus - zum Teil auch das Werk der Freunde, die es wohl doch etwas zu gut gemeint haben. Dafür allerdings rächt sich Irgang am Ende höchst wirkungsvoll, denn hinter dem "Rettungsversuch", dem letztendlich scheiternden Projekt, einen "normalen Menschen" aus ihm zu machen, steckt natürlich auch eine gute Portion Eigennutz und Instrumentalisierung.

Und das nicht nur auf zwischenmenschlicher Ebene. Die Künstler und Galeristen der Runde haben schnell das Vermarktungspotenzial dieses "modernen Sisyphos" erkannt, der seine Sammelleidenschaft als Spross aus arriviertem jüdischem Elternhaus im Krieg entwickelte und nun hinter jedem Gegenstand, den er findet, rätselhafte Schicksale wittert. Seinem "demokratischen Blick" ist alles gleich wertvoll und bewahrenswert. Die Trouvaillen - Tagebücher, Zeitschriften, aber auch defekte Mieder oder Dildos -, die er liebevoll durchdacht arrangiert wie eine Installation: Mittel, die Zeit an-und sich die Menschen vom Leib zu halten.

Grill legt selbst die Schiene zu Konzept-und Archivkünstlern wie Christian Boltanski. Steht nicht auch hinter deren Werken der Wunsch, sich der Vergangenheit und ihrer selbst zu vergewissern? "Der Sammler" ist eine Art Kammerspiel in Romanform, eine Versuchsanordnung über die Grenzen zwischen Normalität und Krankheit, zwischen Kunst und Nichtkunst, kühl und berechnend, satirisch und maliziös.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2006



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