Der Neandertaler. Auf den Spuren des ersten Europäers

Martin Kuckenburg


Rehabilitierte Steinzeitrambos

Vor 150 Jahren konnte er nichts, heute fast alles: sprechen, Werkzeuge herstellen, seine Toten beerdigen. War er gar Musiker und Künstler? Das Image des Neandertalers verändert sich ständig, wie drei Neuerscheinungen zum Fundjubiläum zeigen.

Besucher sind häufig schockiert, wenn sie jene geschichtsträchtige Stelle im Neandertal bei Düsseldorf besuchen, wo im August 1856 16 Knochen, darunter die Schädeldecke mit den markanten Überaugenwülsten, gefunden wurden. Der ehemalige Kalksteinabbauort ist heute ein Autoschrottplatz. Damals, vor 150 Jahren, ließ der gelehrte Streit nicht lange auf sich warten: Stammten diese Skelettreste von einem vorsintflutlichen Urmenschen, oder handelte es sich um eine krankhafte Verformung, gar um einen Kosaken aus den napoleonischen Kriegen, dessen Oberschenkelknochen durch das ständige Reiten verbogen waren?

In der Zwischenzeit hat man zwischen Gibraltar und Usbekistan Skelettreste von über 300 Individuen gefunden. Keiner unserer Vorfahren ist auch nur annähernd so gut überliefert wie der Neandertaler - und keiner so umstritten. Dies ist der Tenor von gleich drei Neuerscheinungen anlässlich des Fundjubiläums. Am kompaktesten informiert der Frankfurter Paläoanthropologe Friedemann Schrenk gemeinsam mit Stephanie Müller über den derzeitigen Stand der Forschung.

Sehr gelungen sind aber auch die beiden Neandertalerbücher der Wissenschaftsautoren Dirk Husemann und Martin Kuckenburg. Husemanns "Genies der Eiszeit" ist etwas "populärer" und liest sich dank zahlreicher Pointen und gelungener Metaphern sehr gut. Kuckenburgs "Auf den Spuren des ersten Europäers" ist dichter und zeichnet die bunte Geschichte der Projektionen, Fehldeutungen und Revisionen genauer nach. Und davon gab es im Laufe des 20. Jahrhunderts nicht wenige.

Lange Zeit hatte der Neandertaler nämlich ein miserables Image als animalischer Muskelprotz. Gerade einmal zum Keulenschwingen reichte es, vornübergebeugt und grunzend fristete er sein dumpfes Dasein in feuchten Höhlen. Eine Mischung aus Fantasie und Fehlinterpretation: Das damals untersuchte Skelett war von Arthritis gekennzeichnet, daher der vermeintliche Buckel. Keine einzige Keule ist überliefert, und dass viele Fossilien in Höhlen gefunden wurden, liegt schlicht daran, dass sie sich dort viel besser erhalten als im freien Gelände.

Früher glaubte man, die Neandertaler hätten Mammuts bei Treibjagden in Fallgruben gelockt und dort gesteinigt. Dramatische Jagdszenen ließen sich zwar sehr schön bildlich darstellen, erwiesen sich aber als reine Fiktion. So mutierten die Steinzeitrambos zwischenzeitlich zu Aasfressern, die lediglich verendete oder von Raubtieren zurückgelassene Kadaver verspeisten. Doch dann entdeckte man Reste von Holzspeeren in den Überresten von Großsäugern, und die Neandertaler qualifizierten sich doch noch als Großwildjäger, als ziemlich brutale sogar. Sie rammten Waldelefanten einen Speer in die Seite und verfolgten dann den Urzeitkoloss, bis dieser qualvoll verendete.

Trotz mancher Revisionen der Revisionen bleibt unterm Strich eine beachtliche Rehabilitation der vermeintlichen Primitivlinge. Mittlerweile werden dem Neandertaler erstaunliche kulturelle Leistungen zugetraut: Er sei ein geschickter Werkzeugmacher gewesen, der rasiermesserscharfe Steinklingen zurechtklopfte und Speere aus dem besonders geeigneten Holz der Eibe im Feuer härtete. Nadeln mit Öhren hatte er angeblich noch keine, aber Felle konnte er schon zusammenstückeln.

Sein Meisterstück bestand in der Herstellung von Pech, dem ersten Kunststoff überhaupt. Um diesen "Allzweckkleber der Steinzeit" herzustellen, muss man Birkenrinde luftdicht verschwelen - und das bei genauer Temperaturregulierung und ohne Gefäße! Auch als soziale Gemeinschaft werden die Neandertaler heute gesehen: Sie haben Zelte aufgeschlagen, ihre Alten versorgt und ihre Toten beerdigt.

Vieles liegt aufgrund der bruchstückhaften Überlieferung nach wie vor im Dunkeln: etwa, ob die Neandertaler selbst Feuer machen konnten. Mittlerweile wird sogar spekuliert, ob sie auf durchlöcherten Tierknochen Flöte spielten oder Tierfiguren aus Elfenbein formten - und damit dem Homo sapiens den Rang als erster und einziger Künstler streitig machen.

Und im Überschwang der Eingemeindung wurden in den Sechzigerjahren aus den tumben Toren die ersten "flower people", weil man Überreste eines Blumenbetts in einem Grab zu finden glaubte. Nur stammten die Blütenpollen von Wühlmäusen. Adrett gekleidet und sauber frisiert würde der Neandertaler in der U-Bahn kaum auffallen, hieß es. Vermutlich würden die menschlichen Passagiere in Panik ausbrechen, glaubt man heute.

Wir messen den Neandertaler also immer an uns selbst, das Pendel der Forschung schwingt zwischen Vermenschlichung und Distanzierung, zwischen "zweitem Menschen" und halbem Affen. War er unser direkter Vorfahr oder ein bloßer Vetter? Die Frage nach dem Verwandtschaftsgrad mit dem Menschen treibt die Forscher am meisten um und spaltet sie auch. Steckt in uns allen ein Stück Neandertaler? Die Mehrheit der Forscher sagt Nein, die jüngsten DNA-Analysen scheinen sie zu bestätigen. Aber auch die Interpretationen aus dem molekularbiologischen Labor sind mit großen Unsicherheiten behaftet. Dass sich Sapiens und Neanderthalensis vermischt haben, können sie daher auch nicht ausschließen. Es wäre jedenfalls nicht die erste Revision.

Oliver Hochadel in FALTER 11/2006



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