Die Lebenspraktikanten

Nikola Richter


Die fetten Jahre sind vorbei

In Deutschland und Italien geben neue Bücher Einblicke in die prekären Lebenswelten der "Generation Praktikum" und ihren Kampf ums Überleben. Der "Falter" sprach mit zwei der Autoren über ihre (ehemaligen) Arbeitsverhältnisse.

Es sind vor allem Leute um die dreißig, die von der Krise der New Economy besonders betroffen sind. Jene, die im letzten Moment einen lukrativen Job ergattert hatten, wurden als Erste wieder ausrangiert. Nicht wenige sitzen nach dem Einbruch des Booms in ihrer schicken Wohnung und müssen plötzlich feststellen, dass Arbeitslosigkeit nicht nur eine abstrakte Zahl, sondern ihre neue Realität ist. Dass das Thema vielen unter den Nägeln brennt, zeigt auch der Erfolg des 2005 erschienenen Ratgebers "Die Kunst des stilvollen Verarmens. Wie man ohne Geld reich wird" von Alexander von Schönburg. 120.000-mal wurde der Ratgeber bereits verkauft, für den Sommer 2006 ist eine Taschenbuchausgabe geplant.

Auch in Österreich war das Buch lange in den Bestsellerlisten. Zwar ist die Lage des österreichischen Arbeitsmarkts nicht ganz so dramatisch wie in einigen anderen europäischen Ländern. Das "Prekariat", jene Gruppe von Arbeitnehmern, die mit flexiblen, meist kurzfristigen Arbeitsverhältnissen und einer schlechten sozialrechtlichen Absicherung kämpfen muss, ist aber auch hierzulande im Wachsen begriffen. Und jene, die heute nach dem Studium erstmals ins Berufsleben einsteigen wollen, finden oft überhaupt nur schlecht oder gar nicht entlohnte Praktika oder Minijobs.

Diese "Generation Praktikum", wie sie von der deutschen Wochenzeitung Die Zeit im Vorjahr bezeichnet wurde, zieht nicht mehr aus ihren Studenten-WGs aus und müht sich damit ab, das Geld für Mieten, Mahlzeiten und Bewerbungsmappen aufzustellen. Wie sehr sich diese Generation abstrampelt, schildert nun auch die deutsche Autorin Nikola Richter in dem soziologischen Roman "Die Lebenspraktikanten". Die Titelhelden sind sieben junge Menschen um die dreißig. Sie haben studiert, sprechen Fremdsprachen, sind kommunikativ, informationstechnisch up to date und flexibel - oder weniger euphemistisch ausgedrückt: biegsam.

Und wie sie sich verbiegen können! Da gibt es zum Beispiel Linn - ein absoluter Profi in Sachen Jobsuche und Bewerbung. Für Nebenjobs hat sie keine Zeit, das Bewerbungsgeschäft ist tagesfüllend. "Ihre Taktik ist: sich bloß nicht festlegen, vielseitig anschlussfähig sein - wie ein Joker. Immer so tun, als sei sie diejenige, die gerade gesucht wird, die genau hineinpasst." Und da Linn weiß, dass ohne Networking gar nichts läuft, versäumt sie kein Jubiläums-oder Alumnitreffen. Klar, dass sie sich auf ihre Termine vorbereitet: Sie recherchiert Lebensläufe von potenziellen Gesprächspartnern und übt Gesprächssituationen mit ihrem Freund.

Praktikumsentgelte und die Reste des Ersparten investiert Linn in ein tadelloses Outfit. Denn man darf sich nicht anmerken lassen, dass man kein Geld hat und ob der langen Jobsuche schon etwas desperat ist. "Möglichst wohlhabend, aber dennoch bewerbend, also eher aspirativ-wohlhabend" müsse man aussehen. Freundin Anika schafft es bei Bewerbungsgesprächen nicht so gut, eine Maske aufzusetzen. Sie ist immer sehr nervös, hat Magendrücken und Durchfall. Und weil sie schon so viele Absagen bekommen hat, kann sie nicht mehr richtig schlafen.

Die 1976 geborene Autorin Nikola Richter kennt die Realität der "Lebenspraktikanten" gut, wie sie im Falter-Interview erklärt: "In den Geschichten der sieben Protagonisten sind meine Erfahrungen und die von Freunden und Bekannten eingeflossen. Die Personen im Buch sind fiktiv, aber die Geschichten sind erlebt." Die in Berlin lebende Autorin durchlief nach ihrem Studium erst mal einen Marathon an Praktika und Kurzzeitjobs, bevor sie ihren derzeitigen Job - ein Volontariat mit Zweijahresvertrag - bei einer Kulturzeitschrift bekam: "Ich hatte mindestens zehn verschiedene Arbeitgeber, manche nur für einen Tag."

Viermal ist sie während dieser Zeit umgezogen. Als sie begann, an ihrem Buch zu schreiben, war das Problem noch nicht im öffentlichen Bewusstsein: "Viele wollten zunächst auch nicht darüber reden. Niemand hat das als etwas Positives erlebt, wenn er schon das zehnte Praktikum gemacht hat, weil er immer noch ohne Job war", erzählt Richter. Auch der Familie gegenüber habe man das nicht gern gesagt, glaubten die Eltern doch immer noch: Wer gut ist, kriegt auch einen Job. Dass dem nicht mehr so ist, habe man auch selbst erst kapieren und akzeptieren müssen. Ist Die Zeit Nikola Richter also zuvorgekommen? "Nein, ich habe mich sehr bestätigt gefühlt, als das Thema letztes Jahr endlich in den Medien diskutiert wurde."

Eine ähnliche Realität bildet die Grundlage für einen italienischsprachigen Roman, den es nur im Internet gibt und der gratis downgeloadet werden kann - bisher allerdings nur auf Italienisch: "Generazione 1000 Euro". Die Autoren Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa (1974 und 1975 geboren) erzählen die Geschichte des 27-jährigen Jungakademikers Claudio, der in einer WG in Mailand lebt. Claudio ist Junior Account einer international tätigen Marketingfirma und verdient, wie viele aus seiner Generation, knapp über tausend Euro im Monat, ohne dreizehntes und Urlaubsgeld. Ihr Roman vermittelt ein lebhaft-tristes Bild davon, wie es sich mit tausend Euro in einer italienischen Großstadt lebt und was es für einen jungen Erwachsenen mit Studienabschluss bedeutet, ständig mit der Unsicherheit zu leben, den Job ganz zu verlieren.

Die Autoren, beide Journalisten, schaffen so eindrucksvoll, was Nikola Richter in den "Lebenspraktikanten" nicht ganz gelingen will: die Protagonisten fassbar zu machen. Ob Claudio beim Discounter herabgesetzte Preise vergleicht oder sich Gedanken über seine verkorkste Beziehung macht - man baut als Leser eine Beziehung zu ihm auf. "Die Lebenspraktikanten" dagegen bleiben als Personen leider oft etwas farblos und seltsam fremd. Vielleicht auch, weil sie manchmal Sätze sagen, die allzu plakativ Botschaften transportieren: "Aussichten wären schön, oder? (...) Wenn man eine Aussicht hat, dann erscheint alles um einen herum überschaubar und freundlich. Aber ohne Aussicht wirkt alles bedrohlich, riesengroß und problematisch."

Obwohl "Generazione 1000 Euro" auch außerhalb Italiens wahrgenommen wurde, gibt es derweil keine Angebote für eine Übersetzung. "In erster Linie wünschen wir uns, dass das Projekt dazu beiträgt, auf dieses wichtige Thema aufmerksam zu machen. Natürlich hoffen wir auch, dass es unserer Karriere als Journalisten etwas nützt", erklärt Alessandro Rimassa gegenüber dem Falter. Einen ökonomischen Gewinn aus dem Buch gebe es derzeit nicht.

Ganz anders sieht das natürlich für den Verfasser von "Die Kunst des stilvollen Verarmens" aus. Bleibt zu hoffen, dass der ökonomische Erfolg des Buchs sich weder auf den Stil noch auf das Glück des Autors negativ ausgewirkt hat. Denn Alexander von Schönburg, Abkömmling eines über die Jahrhunderte verarmten Adelsgeschlechts und im Zuge der Wirtschaftskrise entlassener Redakteur der FAZ, schreibt in seiner Ode an die Armut, dass nur ein unvermögender Mensch wirkliches Glück empfinden kann. Die Reichen seien viel zu sehr mit ihrer Angst, ausgeraubt zu werden, beschäftigt, oder damit, sich von der Last des Überflusses zu befreien. Wahres Glück sei nicht käuflich, es bestehe vielmehr in Qualitäten wie Freundschaft, Unabhängigkeit und Liebe, so die zentrale Botschaft. "Geiz ist geil" also? Nicht bei Alexander von Schönburg. Ausdrücklich warnt er vor der Schnäppchenjagd. Denn die meisten dieser Produkte seien völlig überflüssig: die Wellness-und Fitnessprodukte, der Aldi-bzw. Hofer-Champagner, der ganze technische Schnickschnack. Von Schönburg ist überzeugt, dass der Boom dieser Produkte nur ein Etappensieg der Industrie ist und dass es sich noch herumsprechen werde, dass man Wohlstand nicht kaufen kann. Und eine Faustregel bei ihm lautet: "Je mehr Geld, desto größer die Gefahr der Geschmacksverirrung."

Sabina Auckenthaler in FALTER 11/2006



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