Die Nacht des Kirpitschnikow. Eine andere Geschichte des Ersten Weltkriegs

Verena Moritz, Hannes Leidinger


Was wäre, wenn

Verena Moritz und Hannes Leidinger fragen sich, welche anderen Verläufe die Weltgeschichte hätte nehmen können.

Der Erste Weltkrieg ist die Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts: vier Jahre Massensterben an allen Fronten, insgesamt fünfzehn Millionen Tote, davon sechs Millionen Zivilisten. Die beiden Wiener Historiker Verena Moritz und Hannes Leidinger erzählen in "Die Nacht des Kirpitschnikow" von fünf Ereignissen, die am Vorabend des ersten großen Kriegs die Weltgeschichte entscheidend veränderten. Ihr Ausgangspunkt ist dabei die neudeutsch-akademisch gern als "kontrafaktische Argumentation" bezeichnete Frage: Was wäre gewesen, wenn?

Da ist zum Beispiel der k.k. Diplomat Alexander Graf Hoyos, der eine Woche nach der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand am 4. Juli 1914 den Zug von Wien nach Berlin besteigt. Was wäre gewesen, wenn Hoyos vom deutschen Kaiser Wilhelm keinen Blankoscheck bekommen hätte, der die österreichischen Kriegsabsichten unterstützte?

Auf die Darstellung diplomatischer und innenpolitischer Querelen und strategischer Konzepte der Habsburgermonarchie folgen die militärischen Fehlentscheidungen der deutschen Heeresführung am Beispiel der Marneschlacht im Spätsommer 1914, die eine Vorentscheidung für den weiteren Kriegsverlauf darstellen. Vor allem über den Osten haben die beiden Autoren Neues zu erzählen.

In der von schweren Kriegsverlusten geschwächten Hauptstadt des Zarenreichs Petrograd kommt es ab 1916 zu wilden Protesten. Die Weigerung des Timofej Kirpitschnikow, Feldwebel des wolynischen Garderegiments, sich am blutigen Einsatz des Militärs gegen demonstrierende Zivilisten zu beteiligen, hat weitreichende Folgen: Die singuläre Insubordination vom 26. Feburar 1917 führt zu einem Flächenbrand. Ein dem Zaren Nikolaus nicht besonders wohlgesonnener Generalstab bewirkt schließlich das Ende der 300-jährigen Romanowdynastie.

Die weitgehend vergessene Februarrevolution führt fast zwangsläufig zur Oktoberrevolution, der kurzzeitige Held Kirpitschnikow wird von den Bolschewiki erschossen. Eine zufällige Auseinandersetzung zwischen österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen und Angehörigen der sogenannten tschechischen Legion in Sibirien löst seinerseits den russischen Bürgerkrieg samt Intervention der westlichen Alliierten aus.

Die vom Autorenpaar klug gewählten Geschichtstableaus ziehen nicht nur auf spannende Weise Argumentationsketten durch die hinter dem Nationalsozialismus vergessene Geschichte des Ersten Weltkriegs. Das Buch vermittelt auch einen lebendigen Eindruck davon, wie aufregend es in der Werkstatt der Historiker beim Abwägen ihrer Argumente zugehen kann. Mag der Untertitel "Eine andere Geschichte des Ersten Weltkriegs" etwas hoch gegriffen sein - der springende Punkt aller Geschichte, nämlich wie folgenreich das Handeln des Einzelnen sein kann, erfährt jedenfalls eine eindrucksvolle Bestätigung.

Erich Klein in FALTER 11/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×