Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse

Eli Zaretsky


Familie Freud und Co

Wer keine Lust hat auf psychoanalytische Schwarten, kommt zum Freud-Jubiläum ebenfalls auf seine Rechnung. Für leichtere Sommerlektüre etwa sorgen die Biografie "Eine Wissenschaft des Träumens" von Annette Meyhöfer und die Familiengeschichte "Die Freuds" von Eva Weissweiler, Beiden gemein ist, dass sie Freuds Abneigung gegen spätere Biografen - er verbrannte große Teile seiner persönlichen Unterlagen - als Arbeitsauftrag verstehen. Sie rächen sich mit dem Versuch, noch die unbedeutendsten Details in irgendeine Beziehung zum Schaffen Freuds zu setzen.

Meyhöfer ist dabei ein mitunter etwas überkandideltes, aber insgesamt spritziges und lesenswertes Buch gelungen. Weissweilers größte Stärke hingegen besteht in ihrem Ressentiment: Sie verwechselt permanent die berechtigte Kritik an der Einschätzung von Frauen im Freud'schen Werk mit dem Nachweis persönlicher Hassgefühle und Verfehlungen. Das ist peinlich und macht wenig Lust, über Kapitel zwei hinauszulesen (und es gibt 13).Familie Freud und Co

Wer keine Lust hat auf psychoanalytische Schwarten, kommt zum Freud-Jubiläum ebenfalls auf seine Rechnung. Für leichtere Sommerlektüre etwa sorgen die Biografie "Eine Wissenschaft des Träumens" von Annette Meyhöfer und die Familiengeschichte "Die Freuds" von Eva Weissweiler, Beiden gemein ist, dass sie Freuds Abneigung gegen spätere Biografen - er verbrannte große Teile seiner persönlichen Unterlagen - als Arbeitsauftrag verstehen. Sie rächen sich mit dem Versuch, noch die unbedeutendsten Details in irgendeine Beziehung zum Schaffen Freuds zu setzen.

Meyhöfer ist dabei ein mitunter etwas überkandideltes, aber insgesamt spritziges und lesenswertes Buch gelungen. Weissweilers größte Stärke hingegen besteht in ihrem Ressentiment: Sie verwechselt permanent die berechtigte Kritik an der Einschätzung von Frauen im Freud'schen Werk mit dem Nachweis persönlicher Hassgefühle und Verfehlungen. Das ist peinlich und macht wenig Lust, über Kapitel zwei hinauszulesen (und es gibt 13).Freud lebt!

Anlässlich des 150. Geburtstags des Begründers der Psychoanalyse beschäftigen sich drei Bände mit der Vergangenheit und Gegenwart von Freuds Seelenlehre.

Die wiederholten Berichte vom Tod der Psychoanalyse waren doch einigermaßen übertrieben. Wenn man sie nicht als fertige Theorie und Praxis versteht, sondern als offenes Projekt, das sich in der Auseinandersetzung von Geistes-, Sozial-und Naturwissenschaften dem Unbewussten widmet, ist sie gerade in jüngster Zeit wieder auf dem Vormarsch.

Das würde Sigmund Freud vermutlich freuen, dessen Geburtstag sich am 6. Mai zum 150. Mal jährt. Zum festlichen Anlass schmücken sich die Verlage mit einer Vielzahl an Neuerscheinungen und hoffen, dass ihr Traum von hohen Auflagen im Sinne des Jubilars zur Wunscherfüllung wird. Die Palette reicht von Individual-und Familienbiografien (siehe Kasten) bis zu historischen Analysen und neuen interdisziplinären Reflexionen.

Nicht unbedingt zum schnellen Hineinschmökern empfiehlt sich Henri F. Ellenbergers "Die Entdeckung des Unbewussten". Das 1970 erschienene und nun noch einmal aufgelegte Buch kommt auf stattliche 1264 Seiten, ist aber auch qualitativ herausragend. Wer sich nicht an der leicht antiquierten Sprache aus einer Zeit vor der politischen Korrektheit stößt (z.B. "Negersklaven" ohne Anführungszeichen), wird auch heute kaum eine profundere Geschichte der Psychoanalyse und ihrer Vorgänger finden. Was Ellenberger "dynamische Psychiatrie" nennt, hat eine lange Tradition, die im Schamanismus, der Magie und der traditionellen Medizin von Urvölkern gründet.

Der Medizinhistoriker zeichnet diese Geschichte ebenso detailgetreu nach wie jene der europäischen Ahnen - Exorzismus, Magnetismus und Hypnotismus - sowie der Psychiatrie Freuds und über ihn hinaus. Allen gemeinsam ist ein besonderes Verhältnis zwischen Heilern und den zu Heilenden, was den Erfolg der Behandlung erst ermöglicht. Freuds unbestreitbarer Beitrag dazu sei "eine neue Art des Umgangs mit dem Unbewussten" mit der Grundregel des freien Assoziierens sowie der Analyse von Übertragung und Gegenübertragung.

Dass dies vor dem Hintergrund gewaltiger sozioökonomischer Veränderungen geschah, ist der Ausgangspunkt des eben erschienenen Buchs "Freuds Jahrhundert" vom US-amerikanischen Historiker Eli Zaretsky. Erst heute, lange nach dem Niedergang der Psychoanalyse als bevorzugte Weise der Psychotherapie, lasse sich ihre historische Wirkung genau einschätzen, so Zaretsky, der folgerichtig das Auf und Ab der Freud'schen Seelenkunde parallel zum sozialen und wirtschaftlichen Wandel des 20. Jahrhunderts analysiert. Die Psychoanalyse war seiner Ansicht nach ein zentraler Akteur dieses Wandels, eine Art "Kalvinismus der zweiten Moderne". Wie der Protestantismus, aus dessen Geist sich nach Max Webers These der Kapitalismus entwickelt hat, so habe die Psychoanalyse die zweite industrielle Revolution begleitet und ihr das Vokabular gegeben. Die massenhafte Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts und ihre Begleitprozesse wie Urbanisierung und Verlust traditioneller Bindungen haben zu neuen Formen von Privatheit und Intimität geführt.

Die Psychoanalyse, so Zaretskys kulturhistorischer Schluss, habe mit ihrer Idee des persönlichen Unbewussten die passende Theorie und Praxis für die historisch einzigartige Erfahrung eines "persönlichen Lebens" geliefert. Ihren politischen Effekt beurteilt er ambivalent, die Psychoanalyse habe historisch repressive wie auch befreiende Aspekte. Bei der Frage nach ihrer wissenschaftlichen Relevanz - die seit Anbeginn in Zweifel gestanden ist - konstatiert er spätestens in den 1970er-Jahren eine Aufspaltung.

Auf der einen Seite ein medizinisches Projekt, das gegen andere Formen der Psychotherapie, nicht zuletzt neue Medikamente, zunehmend ins Hintertreffen geriet. Und auf der anderen Seite eine "hermeneutische" Linie, die zu Cultural Studies, Feminismus und anderen Politiken der Identität führte. So sehr Zaretsky ein großer Wurf gelungen ist, der die Psychoanalyse vor dem Hintergrund sozialer und ökonomischer Veränderungen zeichnet, so schade ist es, dass es ihre Gegenwart nur zu einem kurzen "Epilog" geschafft hat.

Dass die Psychoanalyse sinnvoll im Heute angekommen und kein Fall für Wissenschaftshistoriker ist, davon ist die Wiener Philosophin und Analytikerin Patrizia Giampieri-Deutsch überzeugt. Sie arbeitet seit Jahren zu den Schnittstellen der Psychoanalyse mit den Neuro-und Kognitionswissenschaften einerseits und der Philosophie des Geistes andererseits - ein Forschungsfeld, das sich im deutschen Sprachraum erst in jüngster Zeit aufgetan hat und in Österreich ansonsten unbeackert ist.

In ihrem jüngsten Buch "Psychoanalysis as an Empirical, Interdisciplinary Science" sammelt Giampieri-Deutsch die Beiträge führender Wissenschaftler, die an diesen spannenden Grenzbereichen forschen. Nur ein Beispiel: Der US-Neurologe Fred Levin stellt Verknüpfungen her, die es zwischen den Erkenntnissen über psychoanalytische Prozesse und die Veränderbarkeit neuronaler Netzwerke gibt. Er beschreibt, was die besondere Stituation zwischen Patient und Analytiker neurochemisch bewirkt. Diese Beziehung, die von hoher "emotionaler Aufmerksamkeit" geprägt ist, erleichtert laut seinen Forschungen die Schaffung neuer synaptischer Verbindungen und führt zu messbaren Veränderungen im Gehirn.

Der deutsche Neurobiologe Gerhard Roth, Mitautor eines früheren Buchs von Giampieri-Deutsch, hat in einem Interview in der Wochenzeitung Die Zeit erst vor kurzem angekündigt, die Wirkungen einer Psychoanalyse via neuester Gehirnscanmethoden "live" untersuchen zu wollen. Damit ist zumindest eines der Felder abgesteckt, das nicht auf der Müllhalde der Geschichte liegt. Als Partner eines interdisziplinären Projekts benachbarter Wissenschaften zur Theorie des Mentalen ist spätestens im Jahr 2039 mit einem neuen Schwung Bücher zu rechnen. Dann nämlich jährt sich Freuds Todestag zum hundertsten Mal.

Lukas Wieselberg in FALTER 11/2006



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