Solange es schön ist

Magdalena Sadlon


Fenster zum Hof

Magdalena Sadlons Roman "Solange es schön ist" wirft einen bösen Blick hinter geschlossene Wohnungstüren.

Mietshäuser mit ihren Bewohnern eignen sich vorzüglich für literarische oder auch filmische Versuchsanordnungen. Sie öffnen ein weites Feld für Voyeurismus nach dem Muster: Was treibt der etwas derangiert wirkende Mann hinter Tür 10 eigentlich? Häuser als Schauplätze von Geschichten sind deswegen so reizvoll, weil sie erlauben, Innen-und Außenperspektiven zu verschränken. Etwa dann, wenn der Installateur ins Wohnungsinnere eindringt und auch noch seinen kleinen Sohn mitbringt: "Das Kind, das sorglos und unbeeindruckt im Zimmer herumstand, fragte interessiert: ,Habt ihr hier Haustiere?' ,Ich lebe alleine', antwortete Gregor. ,Und habt ihr Haustiere?' Nun, er hatte weder Haustiere noch Mitbewohner, vielleicht Silberfische im Bad: ,Meine Nachbarin hat einen Hund.' ,Und habt ihr auch Stockbetten?'"

Damit ist dieser großartige Dialog zwischen Nikolaus, dem sechsjährigen Installateurssohn, und Gregor, einem Fotografen und Vorstadtcasanova in unterschiedlichen Graden der Alkoholisierung, auch schon wieder zu Ende. Magdalena Sadlons Roman bietet eine ganze Reihe solch denkwürdiger Dialoge, für deren lakonische Knappheit sie bereits anlässlich ihres ersten Romans "Die wunderbaren Wege" gelobt wurde. Wir erfahren die Welt in erster Linie in den Dialogen und aus der Innenperspektive der Figuren, für deren Darstellung die sogenannte erlebte Rede ein von der Autorin souverän gehandhabtes Mittel ist. Zu den allesamt nicht besonders sympathischen Figuren in diesem Buch zählen etwa auch ein falsche Intimität heischender Hausbesorger und eine ältere Dame mit Hund.

Die Anwaltssekretärin Johanna Brütt ist das organisierende Zentrum in diesem überschaubaren Figurenreigen. Wir begegnen ihr in einem Zustand der Auflösung, nur schwer verkraftet sie die Trennung von ihrem Freund Robert, einem Vertreter für Medikamente. Robert ist ein Mann, der stets "auf korrekte Bevormundung bedacht" ist, und Johannas Verstörung stets mit vernünftigen Argumenten begegnet. Ein vertrautes geschlechtsspezifisches Beziehungsmuster, das die Autorin wie nebenbei durchspielt, ohne irgendwie Stellung zu nehmen. Magdalena Sadlon ist eine präzise Beobachterin alltäglicher Situationen: Robert zuckt jedes Mal innerlich zusammen, wenn Johanna die Autotüren nicht sanft schließt, wie wir Männer und Autofahrer dies erwarten, sondern lustbetont zuknallt. Welche Erleichterung, dieser Qual nach der Trennung nicht mehr ausgesetzt zu sein: "Keiner knallte mit den Türen, der Tag begann friedlich."

Aus Frustration, Neugier und Verzweiflung lässt sich Johanna mit ihrem Türnachbarn Gregor ein. Der aber hat viele Verhältnisse. Wohl auch, weil in dem eigentlich unattraktiven Loser ein Baudelaire lesender austrian psycho steckt: "Nur die Ekstase bringt einen weiter und der Egoismus", ist einer seiner Leitsprüche.

Lakonie und Kürze scheinen ein Merkmal nicht nur der Gegenwartsliteratur zu sein. Als ob sie dem Konversationsroman älterer Prägung bewusst etwas entgegenhalten wollten, tauchen in jüngeren Büchern und Filmen oft Figuren auf, die wenig reden; wie etwa in "Sommer vorm Balkon", dem in Berlin spielenden neuen Film des deutschen Filmemachers Andreas Dresen. Die Figuren sind keine Bildungsbürger mehr, denen Autoren wie Thomas Mann noch Gott und die Welt in den Mund legen konnten; sie sind Menschen, die ganz gewöhnliche Jobs oder gar keine haben, die alleine leben oder in schwierigen Beziehungen, die in ihren Wohnungen neben vereinzelten Büchern auch Pornovideos oder Hundefutter liegen haben. Gleichberechtigt neben den Gesprächen stehen die alltäglichen Verrichtungen und alltäglichen Gesten. Das hat auch einen wohltuend antipsychologischen Effekt. "So ist das Leben. Aber wirklich!", lautet der Spruch, der den Film "Sommer vorm Balkon" bewirbt. Er könnte als Motto auch vor "Solange es schön ist" stehen.

Zur Lakonie passt die Ironie. Magdalena Sadlon setzt sie bedachtsam und wirkungsvoll zugleich ein. Ihrem Therapeuten Dr. Munter erzählt Johanna Geschichten, die wahr sein können, aber nicht wahr sein müssen, womit die therapeutische Situation wohl auf den Punkt gebracht ist. Einmal legt sich Johanna eine Geschichte zurecht, weil diese "gut in die Weihnachtszeit passen würde".

Wer so knapp erzählt wie Magdalena Sadlon, der riskiert allerdings mitunter mehr als die ausufernden Erzähler. Können sich doch die weniger guten Formulierungen kaum hinter langen Satzperioden verstecken. Jeder Satz liegt auf dem Präsentierteller. Und so fallen die - sehr seltenen - Plattitüden umso eher auf. Etwa wenn eine unglücklich verheiratete junge Frau zu ihrem Mann, einem Buschauffeur, sagt: "Ich vermisse uns." Manche - ebenfalls nur wenige - Dialogpassagen bewegen sich an der Grenze zum Banalen, ohne dass sie die Banalität des Alltäglichen, in dem Tragik und Komik stecken, zum Ausdruck bringen, was sonst die Stärke dieses Buchs ausmacht.

Das lakonische Erzählen des Alltäglichen ist eine Gratwanderung, verzichtet es doch fast ganz auf den Überbau und die Abschweifung, das zeit-und raumgreifende Verfahren der traditionelleren Romanerzählung. Gerade solch eine über das unmittelbare Geschehen hinausreichende Passage, die lediglich zwei Seiten lange berührende Darstellung des Sterbens von Johannas Großmutter, ist die vielleicht eindringlichste des Romans: Das Kind hält die Hand der sterbenden Frau "nur so viel, dass man es gerade noch Halten nennen konnte", und dann ist es plötzlich vorbei.

"Solange es schön ist" steuert auf eine gar nicht schöne Schlusspointe zu, die sich atmosphärisch zwar ankündigt, aber dann doch überraschend kommt. Nochmals erweist sich die Autorin als souveräne, disziplinierte Erzählerin, die ihren Stoff fest im Griff hat. Mehr Seiten hätten dem Buch wahrscheinlich nicht gut getan. So wie es ist, ist es wunderbar.

Bernhard Fetz in FALTER 11/2006



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