Boot Camp

Morton Rhue


Krass knallt die Sonne

Literatur für Neugierdsnasen: Was man über den Himmel, das Jenseits und die Abgründe des Diesseits immer schon wissen wollte - aber nie zu fragen wagte.

Wie kommt eigentlich die Mine in den Bleistift? Inzwischen haben die meisten Kinderbuchverlage Bücher mit Antworten auf Fragen wie diese im Programm. Aber nur ein Titel kann auf der Kompetenz der "Sendung mit der Maus" aufbauen. "Frag doch mal Die meistgestellten Fragen an die Maus" gibt Antworten auf Klassiker wie: "Warum ist der Himmel blau?", aber auch auf heiklere Themen wie: "Warum haben die Menschen in Afrika schwarze Haut?" Die Antworten sind ausführlich in Text und Illustration, und das ist gut, denn welcher Erwachsene könnte aus dem Stegreif sagen, warum die Blätter im Herbst rot und gelb, aber nicht blau werden? Die Zielgruppe der Achtjährigen wird gern in dem Buch blättern, manchmal aber erwachsenen Beistand brauchen. Die Antworten sind nämlich nicht immer ganz einfach. Aber das sind die Fragen ja auch nicht.

Seit dem Tod ihres Vaters interessiert sich die zwölfjährige Gilda für alles, was nicht mehr ganz das Leben ist: Seancen, Gespräche mit der "anderen Welt", automatisches Schreiben. Ihre unverblümte, ja unverschämt direkte Art, andere nach ihren innersten Gefühlen zu fragen, will da gar nicht dazu passen. Es gelingt Gilda, sich zu einer entfernten Kusine nach San Francisco einzuladen. Auch dort wartet ein unverarbeiteter Todesfall auf die "psychische Ermittlerin" Gilda Joyce - und eine Kusine mit ähnlich vielen Macken. Es entspinnt sich ein schräger, geheimnisvoller Plot, der dennoch bis zum runden Finale auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Die Amerikanerin Jennifer Allison zieht die Fäden aus Vergangenheit und Seelenleben ihrer Heldinnen so souverän, dass man gar nicht glauben möchte, dass es sich um einen Debütroman handelt. Mit diesem Buch steigt sie ganz hoch ein, und auch die sympathische Gilda bleibt uns erhalten: In den USA steht Teil zwei vor der Veröffentlichung. Vergessen Sie den Buchtitel "In geheimer Mission" - der Originaltitel "Gilda Joyce Psychic Investigator" trifft es besser.

Original und ernst gemeint ist der Titel von Eva Maria Schmids Debüt "Ein krasser Sommer". Der penetrante Jugendslang zieht sich durch das ganze Buch. Dabei ist die Geschichte von Nadja, deren Mutter gerade Lebensabschnittsgefährten Nummer fünf in die Familie einbringt, interessant und voll Mitgefühl. Nadjas Gegenüber ist Deniz, der "Quotenausländer" in der Klasse. Dieser schreibt seinem Vater Briefe in die Türkei über Nadjas ebenso strikte wie faszinierende Ablehnung jeglicher Kommunikation. Ein Buch, das dort aufhört, wo all die Liebesgeschichten anfangen. Ob man Sätze wie "Die Sonne knallt auf den Planeten" goutiert, muss jeder für sich entscheiden.

Morton Rhue hat sich einen Namen mit Romanen gemacht, die ganz dicht an den Tatsachen bleiben. Millionen Schüler haben "Die Welle" gelesen, seinen 25 Jahre alten Klassiker über ein Faschismusexperiment. Noch schockierender ist "Boot Camp", der Blick in ein Umerziehungslager für Minderjährige mit "unpassendem Verhalten".

Louis Sacher hat in "Löcher" die Skurrilität dieser Camps beschrieben, Morton Rhue berichtet über dessen schiere Brutalität: Der hochintelligente Connor durchschaut das ebenso primitive wie effektive System, das nicht nur sein Verhalten reguliert, sondern auch seinen Willen brechen will, bis er Gehorsam nicht als Pflicht, sondern als Haltung begreift. Aber selbst die gnadenlose Härte der Methoden im Camp hält Connor nicht davor ab zu flüchten Er geht im "Boot Camp" nicht zugrunde, doch das Ende ist verstörender, als es sich der ohnehin schon auf alles gefasste Leser ausgemalt hat.Feen, Flonx & Frederick

Florian Norbert Xaver Müllheimer, kurz: Flonx, ist vermutlich ein wichtigtuerischer Streber, womöglich aber auch nur ein kleiner Loser, der sich in eine Fantasiewelt flüchtet. Er kann jedenfalls alles: Luft essen, fliegen, übers Wasser laufen, unter wilden Tieren leben, den Wind anhalten und so laut schreien, dass sie die Stille fürchtet. "Ich bin Flonx" hat zwar kaum Text zum Vorlesen, überzeugt dafür aber umso mehr durch seine ebenso farbprächtigen wie fantasiereichen Illustrationen.

Diese sind im Falle von "Hexenfee" derart düster und gruselig, dass sie kaum Lust auf die sehr schöne Geschichte machen. Rosemarie hat genug vom langweiligen Leben als adrette kleine Fee und beschließt gegen den Willen ihrer Mutter eine Hexe zu werden. Der Bruch mit den Konventionen zieht diverse familiäre Dramen nach sich; am glücklichen Ende ist Rosemarie aber je nach Tageslaune Hexe oder Fee - eine Hexenfee eben - und ihre Mutter liebt sie in all ihrer Individualität.

Auch Line will lieben und geliebt werden und fragt deshalb: "Bist du mein Schatz?" Sie sucht einen ganzen Tag lang und findet ihn letztlich in sich selbst - eine liebenswerte Geschichte, deren Text ganz wunderbar mit den ebenso detailverliebten wie bezaubernden Illustrationen inklusive eines mit dem Mond knutschenden Schafes korrespondiert.

Ein zeitloser Klassiker ist Leo Lionnis 1967 erschienene Hippieparabel "Frederick". Gemeinsam mit sechs anderen Mäusegeschichten des 1999 verstorbenen Kinderbuchkünstlers findet er sich im Sammelband "Frederick und seine Mäusefreunde", einem der klügsten, unterhaltsamsten, berührendsten und stimmungsvollsten Kinderbücher, das man für Geld kaufen kann. Die in ihrer schlichten Machart ungemein lebendigen Bilder korrespondieren hier mit außergewöhnlich poetischen Texten, deren Übersetzung unter anderem von Harry Rowohlt und Ernst Jandl stammen.

Gerhard Stöger in FALTER 11/2006



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