Justyna

Elke Naters


Fräulein Sartoris

Mit "Veras Tochter" knüpft Elke Schmitter gekonnt an ihren Erfolgsroman "Frau Sartoris" an.

Sie scheint ja wirklich eine Nette zu sein. Nicht nur, dass die Frau (Mitte vierzig aus Krefeld gebürtig, Ex-taz-Chefredakteurin, Exverlagslektorin, Exgelegenheitsmitspielerin beim Literarischen Quartett, jetzt beim Spiegel) klug und witzig ausschaut, nicht nur, dass sie klug und witzig zu schreiben versteht, nein, Elke Schmitter ist auch noch eine äußerst höfliche Autorin. So schreibt sie den Protagonistinnen ihrer Romane etwa einfühlsam-beschwichtigende Briefe, wenn diese sich in einer Figur eines ihrer früheren Romane wiederzuerkennen glauben, schließend mit: "Ich wünsche Ihnen alles Gute und bin mit freundlichen Grüßen Ihre Elke Schmitter."

Verwirrend? Kompliziert? Also: Elke Schmitter hat anno 2000 ihren Debütroman veröffentlicht. "Frau Sartoris" führt darin eine unglückliche Ehe in der Provinz, verliebt sich noch unglücklicher und überfährt am Ende aus Rache am männlichen Geschlecht den mutmaßlichen Verführer ihrer Tochter. "Veras Tochter", Schmitters neuester Roman, ist nun eine Art belletristisches Spin-off von "Frau Sartoris": Katharina Meininger, die Protagonistin, meint sich in der Figur von Frau Sartoris' Tochter Daniela literarisch dargestellt zu sehen und hegt den Verdacht, dass der von Frau Sartoris auf fiktionalem Wege über den Haufen Gefahrene realiter der großen Liebe ihres Lebens mit Namen Robert entspricht.

Wir sehen: Da finden also einige Teile Kriminalroman (nicht sehr viele) sowie einige Teile traurige Liebesgeschichte (sehr viel mehr) zusammen in Schmitters neuestem Werk. Unter Beifügung einer üppigen Portion detailgenauer Siebzigerjahre-Jugend-in-der-bundesdeutschen-Provinz-Erinnerungen ergibt das in Summe ein sinnenfreudig konsumierbares belletristisches Backwerk. Schmitter kann präzise beobachten und Schmitter kann schreiben - schön normal zumeist, mit gelegentlichen, leckeren Ausreißern in eine ihrem journalistischen Vorleben bzw. Leben zu schuldende Showpferdchenhaftigkeit: Die gut gesetzte Pointe, die geschliffene Formulierung muss dann und wann schon mal sein.

So lässt sie etwa ihre Protagonistin über deren leichte emotionale Blockiertheit wie folgt erzählen: "Wenn andere sich in ihren Schmerz kuscheln wie in ein mit Samt bezogenes Kissen, bleibe ich steif wie ein Stock, und wenn andere brüllen und weinen, etwas an die Wand knallen, sich aufs Bett werfen und wimmern, merkt man mir kaum etwas an; ich werde nur immer blasser und bewege mich schließlich gar nicht mehr." Conclusio: "Kathartisch bin ich eine Niete." Und die liebeskriegsversehrte Protagonistin räsoniert wie folgt über Beziehungen und deren Verenden im Alltag: "Und wer kann jemals sagen, sogar bei sich selbst, wo der Krieg gegen den anderen nichts anderes ist als ein Bürgerkrieg, weil sein Haarausfall ihr Alter verrät und seine laue Abwärme im Bett auch Ausdruck ihrer Erkaltung ist?"

Wenn man denn unbedingt meckern möchte: Etwas vollgeräumt ist "Veras Tochter" ab und zu schon, mit Bildern und Bildchen, mit Ambiente und dem, was Elke Schmitter eben alles Weises sagen und erzählen möchte über die Jugend von damals, über Ehehöllen, Altersangst, die Generation Wohlstand, die Liebe, das Leben und so weiter. Egal: ein schönes Buch, ein kluges und ein witziges. Nett. So wie die Autorin wahrscheinlich auch.Sex. Streit. Saufen.

In "Justyna" protokolliert Elke Naters den abwärtstrendigen Lebenslauf einer deutschen Frau.

Neunzehnneunundsiebzig: Sex, mit 16, zum ersten und zum zweiten Mal. 1980: Ferien, Arbeit in einer Fabrik, Geld verdienen und weg, weit weit, weg - Jamaika. Dschungel, Dorf, Zufallsbekanntschaften, Sex, erster richtiger Freund: Dervall. Dann Rohan; Fastvergewaltigung.

1981: Wieder in Deutschland. Mit Susi: Disco, Saufen bis zum Kotzen, Drogen. Rausschmiss mütterlicherseits. Bei David. 1982: Immer noch David. Arbeit als Schneiderin wochentags, wochenends: Kampfsaufen.

1983: Vater stirbt. Neue Bekanntschaft bei der Beerdigung: Sol. Sex. 1984/1985: Ménage à quatre: Karla, Sol, Justyna, David. 1986: Immer noch: Party, Party, Party. Sex. Neuer Freund: Tom. Sex. Streit. Saufen. 1989: New York. 1992: Totgeburt. 1994: Geburtstagsfest. Ian.

2001: zwei Kinder plötzlich, Max und Mia. 2002: Fotoausstellung in Kapstadt. Baden im Meer.

Jau: Elke Naters hat wieder einen Roman geschrieben, nach "Königinnen" (1998), nach "Lügen" (1999), nach "Mau Mau" (2002). Die schriftstellerischen Anfänge der Deutschen wurden seinerzeit mit den Trendstempeln "Popliteratur" und/oder "Fräuleinwunder" versehen - beide Klassifizierungen sind inzwischen schon wieder complètement démodé. In den sprachlich angenehm einfach gehaltenen Werken (Sag ja zur Hauptsatzreihe!) konnte man vergnüglich über unser aller konsumfixiertes, werbungsgesteuertes bzw.-bescheuertes Leben lesen. So weit, so gut.

Jetzt also neu im Programm: Härte, Gewalt, Hoffnungslosigkeit. Eine Protagonistin, die frei sein möchte, raus möchte, unbedingt und sofort. Warum? Die Mutter? Weiß man nicht, erfährt man nicht. Der Freiheitstrip wird zum Selbstzerstörungstrip, der im Romanfinale doch wieder in sonnigerem Ambiente sein Ende findet. Aber immer und allezeit: das Innenleben Justynas ein blinder Fleck, der Roman ein endloses Protokoll der Äußerlichkeiten.

"Aus dem Bücherregal suchte sie sich ein Buch aus und legte sich damit ins Bett. Sie ließ das Licht im Flur brennen. Sie konnte nicht lesen, machte die Nachttischlampe aus und versuchte zu schlafen. Sie fand keine Ruhe, weil es vom Fenster her zog. Außerdem hatte sie das Gefühl, jemand würde sie von draußen beobachten. Sie spürte, dass ihre Fußnägel zu lang waren, und überlegte, wo sie den Nagelknipser hingeräumt hatte. Sie zog das Laken ab und wanderte mit ihrem Bettzeug in das hintere Zimmer. Sie überlegte, ob sie ein Bad nehmen oder noch einmal versuchen sollte, Ian anzurufen, nahm sich vor, am nächsten Tag ihre Zehennägel zu schneiden, und schlief darüber ein."

Gute Nacht.

Stefan Ender in FALTER 11/2006



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