Zombie Nation

Joachim Lottmann


"Schön war das nicht"

Mit fünfzig ist Joachim Lottmann, der nette Irre der Popliteratur, auf einmal eine Instanz.

Statt eines Porträts stände hier besser ein Original-Lottmann-Text. Niemand kann Joachim Lottmann so gut erklären wie er selbst, schließlich übt er sich als Autor seit mehr als zwanzig Jahren in Selbstbetrachtungen und Selbstinszenierungen. Lottmanns Romane kennen nur einen wahren Protagonisten: Joachim Lottmann, der sich hinter der Figur des Jolo bis zur Kenntlichkeit tarnt und gnadenlos drauflosplappert.

Das liest sich zum Beispiel so: "Und so fuhr ich nach Köln und setzte mich vor den WDR in ein Straßencafé, in dem die Medientante mich abholte. Ich war etwas zu früh und sah mir die Menschen an. Ich war kein bisschen ängstlich. Lampenfieber kannte ich grundsätzlich nicht, genauso wenig übrigens wie Schreibfieber. Ich war manchmal nur etwas autistisch. Um das zu bekämpfen, sah ich allen Leuten, die vorübergingen, ins Gesicht. Dann steigerte ich das, indem ich sie anlächelte."

Jolo soll im Fernsehen auftreten, denn in seinem neuen Roman "Zombie Nation" ist er plötzlich ein gefragter Mann. Sein letztes Buch über "Die Jugend von heute" war ein voller Erfolg, ständig wollen die Süddeutsche Zeitung oder die taz Grundsatzbetrachtungen über den Popstandort Deutschland von ihm haben. Er kommt allen Anfragen gern nach, obwohl er privat nur den Spiegel und die Bild liest, denn die Honorare ermöglichen ihm weitere Feldstudien - diesmal über Deutschland als Rentnerland - sowie persönliche Ahnenforschung.

Einen großen Reiz an Lottmanns Texten stellt, ähnlich wie bei Bret Easton Ellis, das Spannungsverhältnis zwischen Realität und Fiktion dar. Massenhaft treten in "Zombie Nation" Figuren des öffentlichen Lebens und der Medienwelt auf, die sich ganz ähnlich verhalten wie im richtigen Leben und doch Kunstfiguren sind. Die Sensationslust des Lesers wird heftig gekitzelt, ohne dass der Autor sie je ganz befriedigen würde.

Auch über Lottmann existieren einander seltsam widersprechende Angaben. Er erblickte wahrscheinlich 1956 in Hamburg das Licht der Welt, führt neuerdings aber auch 1958 als gültiges Geburtsjahr an. Er hat angeblich schon über zwei Dutzend Romane geschrieben, von denen bislang allerdings nur magere vier Stück erschienen sind. Sein Vater wiederum, der angeblich auch auf den Namen Joachim Lottmann hörte, soll die FDP mitbegründet haben, obwohl sich dafür im Internet keinerlei Hinweise finden.

Wenn es Joachim Lottmann nicht schon gäbe, hätte er sich also bloß selbst erfinden müssen.

Beharrlich behauptet Lottmann, 1987 mit dem Roman "Mai, Juni, Juli" die deutsche Popliteratur erfunden zu haben, obwohl Rolf Dieter Brinkmann oder Hubert Fichte - um nur zwei mögliche Gründerväter zu nennen - doch wesentlich früher in dieser Mission unterwegs waren. Aber die Welt so umzudichten, dass sie ihm in den Kram passt, hat dem alten Schalk noch nie ein Problem bereitet.

Mit dem Geriatrieroman "Zombie Nation" hat Lottmann die logische Fortsetzung von "Die Jugend von heute" (2004) geschrieben. "Der Deutschland-Roman geht weiter", jubelt die Werbeabteilung seines Verlags und bringt auch Teil zwei als Taschenbuch mit ausgesucht hässlichem Trashcover heraus.

Zum Preis von nur drei Bieren ist der Leser mittendrin im deutschen Umbruchsjahr 2005. Gerhard Schröder ist am Ende, doch sein glühender Verehrer Jolo will es nicht wahrhaben (Lottmann hat dem Buch die Widmung "Dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seiner Frau Doris" vorangestellt). Er stürzt sich in Recherchen über seinen stark verästelten Stammbaum, wird beim Betrachten des neuen Papsts religiös und kuschelt ein bisschen mit einem (natürlich unfassbar schönen) jungen Mädchen - alles auch, um seine Ehekrise zu vergessen. Kurz und gut: "Zombie Nation" entpuppt sich als hundertprozentiger Lottmann - geschwätzig, witzig, anstrengend, unkorrekt, herrlich. Es bleibt völlig unklar, wozu man das alles lesen soll, aber man hat sich auf wechselndem Niveau ein paar Stunden bestens amüsiert (und einige konfuse Seiten Lottmann-Stammbaum überblättert).

Was sagt uns nun Lottmanns Erfolg? Zunächst wohl, dass es um unsere Megatrendexperten nicht zum Besten bestellt sein kann, wenn ausgerechnet ein Privatforscher, dessen Bücher bislang bleischwer in den Restbestandregalen von Kiepenheuer & Witsch lagen, plötzlich eine Startauflage von 30.000 erreicht. Andererseits hat Lottmanns Kernthese, die "Zombie Nation" und "Die Jugend von heute" zusammenhält, schon etwas für sich: "So wie die Jugend nicht mehr rebellisch und jung war, so war das Alter nicht mehr störrisch und alt. Es gab nur noch das Eine. Adorno hätte sich entsetzt die Augen gerieben bei dieser Implosion der Dialektik. Schön war das nicht."

Joachim Lottmanns Comeback erinnert an einen Slalomfahrer, der sich kaum je für den zweiten Durchgang qualifizieren konnte und auf einmal ein Rennen gewinnt. Und der das wohl nicht einmal wollte.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2006



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