State of War. Die geheime Geschichte der CIA und der Bush-Administration

James Risen, Norbert Juraschitz, Friedrich Pflüger


Zustand USA

Der Pulitzer-Preisträger James Risen gibt in "State of War" spektakuläre Einblicke in das Chaos der Bush-Administration.

Ein verwirrter russischer Wissenschaftler, der an einem kalten Februartag durch die Wiener Innenstadt irrt und im Auftrag der CIA mit fehlerhaften Bauplänen für eine Atombombe nach iranischen Mittelsmännern sucht. Eine CIA-Mitarbeiterin, die versehentlich dem falschen Agenten die richtigen Informationen über sämtliche US-Spione im Iran übermittelt und so die Geheimdienstarbeit im Achsenland des Bösen auf Jahre hinaus lahm legt. Das ist das Personal, das auf unterer Ebene US-amerikanische Weltpolitik betreibt - zumindest nach den Recherchen von James Risen.

In "State of War. Die geheime Geschichte der CIA und der Bush-Administration" stellt der renommierte New York Times-Journalist und Pulitzer-Preisträger aber nicht nur die Machenschaften des mächtigsten US-amerikanischen Geheimdiensts dar. Er beschreibt auch all jene Aktionen, Irrtümer und Machtverflechtungen, die während der vergangenen Jahre die Welt ganz allgemein und den Nahen Osten im Speziellen politisch veränderten. Konkret geht es also um den Untergang der CIA, den Fanatismus bei der Vorbereitung des Irakfeldzugs, die Desorganisation im Nachkriegsirak oder die Orientierungslosigkeit in der Iranpolitik.

Mit seinen schockierenden Reportagen sorgte Risen während der vergangenen Monate in seiner Heimat für hellen Aufruhr. Unter anderem deckte er auf, dass die NSA (National Security Agency) im Auftrag des Präsidenten seit Jahren im eigenen Land rigoros Bürger belauscht hatte. Was unter dem Namen "das Programm" läuft und bisher nur einzelnen Personen in Regierungskreisen bekannt war, ermächtigt die NSA ohne Kontrolle von Gerichten oder Politikern, zahllose E-Mails und Telefonate im Namen der Terrorbekämpfung zu durchkämmen.

Risens Recherchen beruhen hauptsächlich auf Gesprächen mit geheimen Informanten. Den neun Kapiteln seines Buchs, dessen Titel auf Deutsch "Kriegsstaat" ebenso meint wie "Kriegszustand", stellt der Autor einen "Hinweis zu den Quellen" voran, in dem er betont, dass man bei den "besten Geschichten, brisantesten und vertraulichsten Themen" eben auf anonyme Informanten angewiesen sei. Risen bleibt die Superlative tatsächlich nicht schuldig; doch weder lassen sich viele seiner Aussagen verifizieren, noch wird klar, ob und wann er damit übertreibt.

Die meisten der Kapitel sind nahezu prosaisch erzählt, bauen Spannung auf und erklären Weltpolitik anhand von scheinbar unbedeutenden Personen. Andere Abschnitte wieder nehmen sich wie Vertiefungskurse für hartgesottene Spezialisten für internationale Politik aus. Zusammengenommen entwirft "State of War" jedenfalls ein zutiefst erschreckendes Bild der Bush-Administration - selbst wenn einige grelle Details überzeichnet sein mögen.

Wolfgang Luef in FALTER 11/2006



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