War es ein Gott?. Zufall, Notwendigkeit und Kreativität in der Entwicklung...

Henning Genz


Erklärte Mysterien

Anton Zeilinger alias Prof. Quantinger gewährt einfallsreiche Einblicke in die Welt der Quantenphysik.

Ohne Offenheit und Neugier geht es in der Wissenschaft nicht." Mit dieser Bemerkung startet Anton Zeilinger sein neuestes Buch, nachdem ihm mit "Einsteins Schleier" (2003) ein Bestseller gelungen war. Das neue Buch kreist um die von ihm und seinem Team erstmals experimentell nachgewiesene Quantenteleportation, und Zeilinger entführt die Leser im Gespräch mit den beiden jungen Physikstudenten Alice und Bob in die bizarre Welt der Quantenphänomene. Eine Welt, die unserer Alltagswelt, unserer Alltagserfahrung so völlig fremd ist, dass wir die Rätsel staunend zur Kenntnis nehmen, die diese Quantenwelt bereithält.

Zeilinger versteht es, unser Staunen behutsam in Verständnis zu transformieren, bedient sich dabei des fiktiven Gesprächs zwischen Alice und Bob mit Professor Quantinger/Zeilinger und erlaubt auch Rückfragen des Lesers, wenn's einmal kompliziert wird. Die Lektüre erfordert Offenheit und Neugier - und ein wenig Geduld beim Lesen, wenn sich die Details der Experimente nicht sofort erschließen. Doch Professor Quantinger ist ein geduldiger Lehrer.

Zeilinger ist nicht nur als Physiker innovativ, er ist auch ein einfallsreicher Autor, wenn es darum geht, komplizierte Konzepte der Physik verständlich darzustellen. Einfachheit und Anschaulichkeit der Darstellung gelten auch für den Text. Sperrige Argumentationen wie jene von Einstein, Podolsky und Rosen, das berühmte EPR-Paradoxon (1935) oder John Bells bahnbrechende Antwort auf das EPR-Paradoxon (1964) zur Messung eines Quantenteilchens übersetzt der Autor in Alltagssprache, ohne dabei die Strenge der physikalischen Aussage zu verlieren.

Und jenes erstaunliche Phänomen, dass die Beobachtung eines Teilchens ein noch so weit entferntes anderes Teilchen beeinflusst - von Schrödinger "Verschränkung" genannt und von Einstein als "spukhaft" abgelehnt - das die physikalische Grundlage der Teleportation ist, akzeptieren wir als Teil der realen Welt, nachdem wir Zeilingers Buch gelesen haben. Besonderes Vergnügen bereiten die Illustrationen zum Text: Sie sind Abbildungen von Kreidezeichnungen, wie sie der Wiener Professor auch in seinen Vorlesungen verwendet. Auch aufgrund der Abbildungen ist "Einsteins Spuk" ein spannendes Buch geworden, das einen Blick über die Schultern der Experimentatoren ins Laboratorium freigibt und dabei ihren Enthusiasmus bei der Enträtselung der Welt der Quanten auf seine Leser zu teleportieren vermag.

Auch Technikfreaks kommen bei der Lektüre im Übrigen auf ihre Rechnung: Quanteninformation, Quantenkryptografie und Quantencomputer gehören laut Zeilinger zu den Technologien der Zukunft. Wann diese Zukunft beginnen wird, lässt er offen. Der Teleportation als Technik zur Reiseerleichterung erteilt er allerdings eine glatte Absage. Der "Heisenberg-Kompensator" aus "Star Trek" bleibt auf Dauer Science-Fiction.

Haben die auf der Quantenphysik beruhenden Erkenntnisse einen Einfluss auf unser Weltbild, unsere Weltanschauung? Bisher, meint Zeilinger, hat die Quantenphysik hier keine Änderung bewirkt, "weil die Änderungen weit radikaler sein müssen, als vielen lieb ist". Im Ausblick seines Buchs betätigt sich Zeilinger auch noch als Bastler am neuen Weltbild. "Offenbar hat das, was wir im Prinzip über die Welt sagen können, einen wesentlichen Einfluss darauf, was Wirklichkeit ist Wir haben hier eine andere wichtige Beobachtung zu machen. Das ist die, dass die Konzepte Wirklichkeit und Information nicht voneinander getrennt werden können."

"Einsteins Spuk", schreibt Zeilinger einleitend, "zeigt meine persönliche Sicht, die sicher nicht von allen Physikern geteilt wird." Diese Offenheit teilt der Rezensent.Gott oder was jetzt?

Es war im Juli 2005, als sich der Wiener Kardinal Christoph als Export-Importhändler des als intelligent design maskierten Kreationismus betätigte und - nicht nur die heimischen - Kommentatoren zu heftigen Pro-und Kontrachorgesängen animierte. Nun legt Henning Genz, pensionierter theoretischer Teilchenphysiker der Universität Karlsruhe, unter dem Titel "War es ein Gott?" einen umfangreichen Essay vor, in dem er unter anderem die Frage nach den Voraussetzungen der Entwicklung intelligenten Lebens im Universum stellt und sie mit der Quantentheorie, der Relativitätstheorie und Kosmologie beantworten möchte.

Das Kernthema des Buchs sind sogenannte "Naturgesetze" und die spezifischen Werte der "Naturkonstanten", die in ihrem Verhältnis zueinander erst intelligentes Leben ermöglichen. Da steckt eben der Designer dahinter, sagt der Kardinal. Was allerdings Genz genau sagen will, blieb dem wohlwollenden Rezensenten nach der Lektüre von 211 Seiten verborgen.

Genz' Argumentation führt den Leser in ein Labyrinth philosophischer Diskussionen von Plato bis Leibniz, physikalischer Erklärungen der Eigenschaften des Universums von Newton bis Einstein, die nur dann verständlich sind, wenn der Leser mehr als nur populäres Wissen über Einsteins spezielle und allgemeine Relativitätstheorie oder Heisenbergs Quantenvakuumfluktuationen mitbringt.

Zu allem Überfluss ist das Ganze zudem in einem schauerlichen Deutsch geschrieben, das nach der Eleganz populärer englischsprachiger Darstellungen von Quantentheorie und Kosmologie lechzen lässt. Und so ist das Buch leider eine verpasste, ja verpatzte Gelegenheit, die alten Menschheitsrätsel in den neu designten Kleidern mit den Ergebnissen der modernen Naturwissenschaften auf eine allgemein verständliche Weise zu konfrontieren.

Wolfgang L. Reiter in FALTER 11/2006



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