Brief in die Oase. Hundert Gedichte

Ralph Dutli, Joseph Brodsky


"Der Winter ist da!"

Zehn Jahre nach dessen Tod erscheinen hundert Gedichte des russisch-amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky - eine Art "Best of".

Gedichte sind wichtiger als das eigene Leben, lautete die Maxime des 1940 in Leningrad geborenen Lyrikers Jossif Brodskij als junger Mann. Als amerikanischer Staatsbürger erhielt der bedeutendste russische Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts 1987 den Nobelpreis für Literatur. "Ich aber trotte wieder in Gedanken / von dem Verhör zum anderen durch die Flure / in jenes ferne Land, wo's nichts mehr gibt / nicht Januar nicht Februar nicht März", heißt es in einem der für den Band "Brief in die Oase" erstmals ins Deutsche übersetzten Gedichte.

Das Sonett entstand am Vorabend jenes Prozesses, in dem die Sowjetmacht dem Dichter 1964 "Parasitentum" vorwarf. Brodsky, der mit 16 die Pflichtschule verlassen und sich mit Gelegenheitsjobs und Übersetzungen durchs Leben gebracht hatte, verteidigte sich selbstbewusst: Er spreche im Namen Gottes. Tatsächlich hatten die neoklassizistischen "Stanzen an Augusta" mit Anspielung auf den verbannten Ovid, die saloppen Romanzen und Ansichten von Leningrad als "Haltestelle in der Wüste" wenig mit dem eingeforderten Sozialismus zu tun. Und der Realismus, mit dem der junge Brodsky sein lebenslanges Vorbild, den metaphysical poet des 17. Jahrhunderts John Donne, in einer Elegie bedachte, bewegte sich in recht düstere, nicht sehr kommunismusaffine Bereiche: "John Donne ist eingeschlafen. Alles schläft. / Gemächer, Betten, Wände, Bilder schlafen. / Tische, Teppich, Schlösser schlafen, Tür, Büfett, / Gardinen, Riegel, Kerzen, Mantelhaken." Hundertachtzig Verse lang, in welchen der ganze Kosmos bis zum Auftauchen des Friedenssterns aufgelistet wird.

An die in einem seiner berühmtesten Gedichte ("Ende einer schönen Epoche") formulierte Antimaxime "Hier auf der Welt / von der Zärtlichkeit bis zum extremen Rasertum, / sind alle Formen des Lebens Anpassung" hielt sich Brodsky selbst nicht: Am Höhepunkt der Ära Breschnew, mit ihrem Massenexodus von Intellektuellen, verließ er 1972 die Sowjetunion. "Mein teurer Telemach, / der Krieg um Troja / ist nun vorbei. Ich weiß nicht mehr, wer siegt", schrieb er an den in Russland zurückgebliebenen Sohn. Die großen Poeme der 1970er-und 1980er-Jahre zeigen Brodsky, der einmal meinte, er wolle in seinen Gedichten Beckett und Mozart miteinander kreuzen, auf dem Höhepunkt seines dichterischen Vermögens. Er entwirft riesige, mitunter ironische Weltlandschaften wie in dem "Wiegenlied von Cape Cod"; der ebenso monumentale "Habichtschrei im Herbst" endet mit freudigem Kindergeschrei à la Breughel: "Der Winter ist da!"

Anlässlich des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan verfasst Brodsky, der sehr zum Missfallen seiner engagierten Zeitgenossen immer wieder erklärte, kein politischer Dichter zu sein, die "Verse von der Winterkampagne 1980", in denen er in selbstironischer Schlusswendung sein Schreiben als "Lebensspur eines Hasen" definiert, die sich in einer zunmehmend pessimistischer werdenden Poetik der Emigration als "wundersame Schneise" ausnimmt. "Es riecht nach Eiszeit" heißt es leitmotivisch in der "4. Ekloge: Winter"; in der "5. Ekloge: Sommer" ist Wärme "ein Zeichen der Vermehrung jenseits des Horizonts". Die zahlreichen Italiengedichten und Zyklen über Florenz, Rom oder das immer wieder besuchte Venedig führen auf die radikalisierte Variante des Exils, den Tod, zu: "Ich halte hier ein Weichbild fest, das auch ohne mich vollständig ist."

Der Literaturnobelpreis ermöglichte Brodsky, der bis dahin an diversen amerikanischen Universitäten russische Literatur lehrte, die Veröffentlichung seiner Essaybände (Erinnerungen, Reisen und Literatur), an seiner Weltsicht änderte sich nichts mehr. "Vereisung ist eine Kategorie der Zukunft, einer Zeit, wo du niemanden mehr lieben wirst / auch dich selber nicht", heißt es in einem dem etruskischen Gott des Jahreszeitenwechsels Vertumnus gewidmeten Poem. Die Ermordung von Rosa Luxemburg, Erinnerungen an den Vater, die letzten der fast alljährlich verfassten Weihnachtsgedichte, Stadtporträts von Lissabon bis Amsterdam sowie das lebenslang bedichtete Meer sind Gegenstände des 1996, in Brodskys Todesjahr posthum erschienenen Bandes "Landschaft mit Hochwasser", in dem es einmal heißt: "Die Abwesenheit ist letztlich nur die Privatadresse des Nichts."

Offenbar als eine Art Best of Brodsky gemeint, stellt der "Brief in die Oase" zwar einen repräsentativen Querschnitt durch Brodskys Werk dar, die von Herausgeber Ralph Dutli erstellten Neuübersetzungen geben aber keinen Anlass zu ungetrübter Freude. Auf ein maniriertes "Sind wir im Leben manchmal auch gesellt" folgt zwänglerisch gereimt: "Ein Loch ist im Gewebe. Wem's gefällt." Mit dem zwischen Flapsigkeit und erhabenem Ton changierenden Original hat die oft altertümelnde Umdichtung Dutlis wenig zu tun. Und man muss schon eine rechte Frohnatur sein, um Zeilen folgender Statur für zeitgenössische Lyrik zu halten: "Den Körper reun die Leidenschaften / Vergebens sang er, schluchzte, dass die Zähne klafften." Armer Brodsky!

Erich Klein in FALTER 11/2006



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