Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist

Peter von Matt


Der gute Schuft

Peter von Matts Studie über "Die Intrige" würdigt die Großmeister dieser Disziplin zwischen Richard III. und Ripley.

Das Thema Intrige ist attraktiv; darüber wollen wir mehr wissen, doch Peter von Matts Buch ist nicht, wie der Untertitel "Theorie und Praxis der Hinterlist" nahe legen könnte, ein Sachbuch, das der allzu menschlichen Tätigkeit des Intrigierens den Weg zum guten Gelingen weist. Nein, da hilft nur training on the job. Der Autor lässt sich auch nicht darauf ein, sein Thema einer sturen Systematik zu unterwerfen. Das registriert man schon nach den ersten Seiten mit Wohlgefallen.

Matt verhält sich deskriptiv zu seinem Gegenstand und verknüpft souverän verschiedene Texte, meist Meisterwerke der Weltliteratur, von Homer über Shakespeare, Goethe und Balzac bis zu Canetti, vom Märchen bis zum Kriminalroman, schert sich nicht um die Chronologie, meidet allzu allgemeine Formulierungen und weiß, dass bei diesem diabolisch grundierten Thema Gott im Detail steckt - und unzählige Details werden mit liebevoller Deutlichkeit ins rechte Licht gerückt.

Das Verhältnis zur Sekundärliteratur ist ausgesprochen leger, und niemand wird es dem Autor verargen, dass die in jüngster Zeit so prosperierende Literatur über das Böse so gut wie gar nicht vorkommt. Es ist die Tugend und auch das Defizit der Literaturwissenschaft, dass der Umgang mit solchen denkerischen Anstrengungen eher lax ist, doch drückt sich von Matt auch nicht um die definitorische Bemühung. So liefert er - da hat man allerdings schon gut fünfzig Seiten hinter sich - eine praktikable Definition der Intrige, wie sie auch in einem Lexikon stehen könnte: "Intrige ist geplante, zielgerichtete und folgerichtig durchgeführte Verstellung zum Schaden eines anderen und zum eigenen Vorteil. Und man darf sagen, dass die Art und Weise der Verstellung das je Besondere einer Intrige ausmacht."

Um dieses "je Besondere" geht es in dem Buch, das von Fall zu Fall von der stets aufrechten Spannung zwischen typologischer Fixierung und individueller Durchführung lebt. So ist es auch möglich, einen Erzschurken wie Shakespeares Richard III. sowie den uns doch nicht ganz unsympathischen Mephisto aus Goethes "Faust" und Patricia Highsmiths "Null Ripley" unter demselben Dach unterzubringen. Zugleich mobilisiert von Matt stets seine kritischen Energien gegen allzu platte Deutungsmuster. So verwahrt er, der wie nur wenige mit der psychoanalytischen Methode in der Literaturwissenschaft vertraut ist, sich gegen "eine auf die heute geläufige Weise" psychologische Diagnose des "Talented Mister Ripley": Der Roman verlöre seine "geheimnisvolle Mitte"; diese würde mit "theoretischem Schrott" aufgefüllt.

Auch wenn mir die fast mystisch anmutende Formulierung von der "geheimnisvollen Mitte" nicht so recht behagen will, so ist mir diese doch allemal lieber als der "theoretische Schrott", mit dem so viele gelehrte literaturwissenschaftliche Schriften auf ihrem Weg in die Hölle des Vergessens belastet sind. Dabei ist von Matt alles andere als theoriefeindlich, ganz im Gegenteil: Alles kreist um die Mitte einer sorgfältig bedachten Methode, um in behutsamer Abgrenzung von der Philosophie die Unverwechselbarkeit der literarischen Leistung zu profilieren.

Von Matt, emeritierter Professor für deutsche Literatur an der Universität Zürich, ist mit allen Wässerchen der Theoriediskussion bis hin zur Genderdebatte gewaschen und hat sich doch den eleganten Pelz nicht nass gemacht. Er ist gelehrt, aber listig genug, damit nicht zu prunken, sondern zu punkten. So gilt nach seiner Auffassung die Sympathie der Literatur den begnadeten Schelmen, und er nimmt diese wie auch die deswegen als frivol geltenden Texte gegen ihre Tadler in Schutz. Also für Goethe und seinen Reineke Fuchs, der Fausts Bruder nur insofern sei, "als Faust und Mephisto eine einzige Person in zwei Gestalten sind", eine Aussage, die man in dieser Deutlichkeit in der Forschung noch kaum vernommen hat. "Ein unternehmungslustiger Schuft ist mehr als ein guter Mensch, der nichts tut. Damit muss sich abfinden, wer Goethe lesen will. Man hat den Skandal tausendfach zu verwischen versucht, er taucht doch wieder auf."

Dadurch, dass Goethe das ihm zustehende Quantum an skandalisierenden Fermenten zurückbekommt, wird wenigstens ein Teil des Schutzwalls biederer Moral abgebaut, den nun bald zwei Jahrhunderte Goethe-Forschung errichtet haben. So bewegen wir uns bei der Lektüre dieses Buchs auf einem Gelände, das so gar nicht nach bedachter Schweizer Landschaftspflege aussieht. Aber von Matt verbrämt seine Beobachtungen nicht mit dem Pathos des Entzauberers, sondern präsentiert sie in unprätentiöser Form, die den Konsum auch leichter macht. Unter der Hand wird aus dem Buch ein Plädoyer für die Literatur und die Widersprüche, die sie am Leben erhalten. In den Lücken, die die "Konstrukte der Theorie" ließen, würde eine "Fülle von Szenen, Bildern und Gestalten" sichtbar, und daran vermögen wir uns zu ergötzen. Und eine kräftige Sentenz sollte den Streit der Disziplinen entfachen: "Die Kunst bleibt der Stachel im Fleisch der Philosophie."

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 11/2006



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