Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde


Du darfst!

Die westliche Gesellschaft hat sich des Dogmas der Sünde entledigt. Für Gerhard Schulze ist sie im Gegenteil zum Kontrastmittel zur Bestimmung des modernen Glücks geworden.

Zu viele sollten es zwecks Übersichtlichkeit nicht sein, zu wenige aber auch nicht. Am Ende bestimmte Papst Gregor I. im 6. Jahrhundert sieben an der Zahl: Die Völlerei, die Unkeuschheit, die Habsucht, die Trägheit, den Zorn, die Hoffart und den Neid - bekannt als die vom katholischen Christentum aufgeführten Hauptlaster des Menschen, die zu sündhaftem Leben vor Gott führen.

Auch wenn die Sünde als Leitbegriff in der modernen Gesellschaft ausgedient hat, so macht sie der deutsche Soziologe Gerhard Schulze dennoch zum Thema seines neuen Buches - gleichsam unter umgekehrten Voraussetzungen: Anhand der sieben "Todsünden" will der Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Bamberg nämlich die Regeln des schönen Lebens der westlichen Gesellschaft skizzieren.

Die große Herausforderung der Moderne sei, beim Erleben der schönen Dinge das eigene Gleichgewicht zwischen Freiheit und Selbstbegrenzung zu finden. Denn die Abkehr vom Leben für Gott und die Hinwendung zum eigenen Leben - dieser Trend ist für ihn klar vollzogen. "In sechs von sieben Fällen hat der moderne Sieg über die Todsünden den Charakter der Befreiung und Aneignung", resümiert der Autor. Nur der Neid bildet da die Ausnahme, denn er hält semantisch kein positives Gegenstück bereit.

Für Schulze komme die Moderne aber keineswegs bei allen sieben Todsünden zu einer völligen Revision der vormodernen Sichtweise: "Nur Völlerei, Unkeuschheit, Habgier und Hoffart, also die Formen der Suche nach dem eigenen Glück und der Sinnenfreude, gab die Moderne frei. Sie heißen jetzt Gaumenfreude, Sinnlichkeit, Sex, Luxus, Selbstsicherheit oder ähnlich." Zorn und Neid würden in der Moderne ähnlich skeptisch betrachtet wie von den Kirchenvätern, der Genuss des Nichtstuns gelte gar als suspekt.

Dem Verfasser des soziologischen Klassikers "Die Erlebnisgesellschaft" (1992) und zuletzt von "Die beste aller Welten" (2003) geht dabei en passant auf die durch Schönheits-und Gesundheitsideale hervorgerufene "orale Selbstregulierung" ebenso ein wie die instrumentalisierte Habsucht ("erste Bürgerpflicht") als Grundvoraussetzung für Wirtschaftswachstum, die Schnäppchenkultur des Internet oder die Kaffeehauskultur "als zentralen Ort der epikureischen Massenaufklärung". Auch naturwissenschaftliche Exkurse fehlen nicht - wie etwa eine Diskussion von Richard Dawkins Modell des "egoistischen Gens", um die Bedeutung des Neids in der Evolution zu unterstreichen.

Arbeitet sich der deutsche Soziologe in der ersten Hälfte des Buches systematisch entlang der sieben Todsünden vor, so betrachtet er in der zweiten das "schöne Leben" im breiteren Kontext sowie die Moral, die es begleitet. Hier spricht der Autor in knapper, aber umso provokanterer Art unter anderem die Veranlagung zur Religiosität an, charakterisiert das "christliche Abendland" und den "Westen" und bezieht sich auf aktuelle Themen: den Streit zwischen Evolutionsbiologen und Kreationisten sowie den Irakkrieg als schillernden Beweis, dass von einer Entmoralisierung der Gesellschaft keine Rede sein kann.

Auch den Konflikt des Westens mit dem Fundamentalismus spart Schulze nicht aus. Ein zentraler Bestandteil des Westens sei die Negation in Form des ständigen kritischen Hinterfragens, was man besser machen kann - in der Wissenschaft ebenso wie in der Politik und der Technik: "Nichts ist für kulturfremde Beobachter des Westens schwerer zu verstehen als die exzessive Zulassung der Negation." Im Gegensatz dazu dominiere im Fundamentalismus die allgegenwärtige Bejahung - also Gefolgschaft, Glaube und Bekenntnis.

Der Westen jedoch agiere in der Konfrontation mit seinen Kritikern schwach. Denn er würde sich bislang noch verstecken, das Selbstverständliche explizit zu machen: nämlich das Projekt schönen Lebens. Und so sieht Schulze die fundamentalistischen Angriffe nicht so sehr als eine Bedrohung, sondern vielmehr als einen Katalysator dafür, sich erneut und selbstbewusst auf die Moderne einzulassen.

Dem Kulturpessimismus hingegen begegnet der Soziologe mit Ironie und vertraut stattdessen auf individuelle und kollektive Lernprozesse. "Nachdenken führt zum Projekt des schönen Lebens und des persönlichen Glücks." Und so plädiert er auf den knapp 300 Seiten auf sehr unterhaltsame und trotz thematischer Vielfalt stringente Weise für das Diesseits und all die Sinneseindrücke, die es bereithält. Dem entspricht formal, dass die Kapitel des Buches gespickt sind mit zahlreichen Bezügen zu und erhellenden Zitaten aus Literatur, Film, Kunst und Musik.

Das Buch polarisiert, die Kontroverse ist vorprogrammiert, doch damit auch ein öffentlicherer Diskurs über das Projekt "Schöner Leben". Dem Überwinden der Gräben zwischen dem Westen und seinen Kritikern ist der Ansatz dagegen wohl weniger zuträglich. Es sei allen empfohlen, die sich für das Projekt Lebensglück in der westlichen Gesellschaft interessieren. Wer hingegen ein Buch für besseres Leben sucht, sollte sich an die einschlägigen Ratgeber halten.

Lena Yadlapalli in FALTER 11/2006



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