Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933-1939

Wolfgang Schivelbusch


Senfgas und Mandoline

Für Silvio Berlusconi war der Diktator Benito Mussolini halb so schlimm. Vor dem Angriff auf Abessinien 1935 dachten das alle. Da hatte die faschistische Mordmaschine aber bereits zu arbeiten begonnen.

Am 12. April 1941 lief Bubi wie viele andere Einwohner der slowenischen Hauptstadt Ljubljana auf die Straße. Vom Dach des Burgturms hing bereits eine weiße Fahne, ein Zeichen für die Kapitulation des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Doch statt der erwarteten zackigen deutschen Wehrmachtsverbände füllten am späten Abend Soldaten mit grünen, kürbisgroßen Helmen und schwarzen Federn drauf den Rathausplatz. "Die italienischen Soldaten waren inmitten der ernsten Stadt, voller Bücher und gebildeter Menschen, wie Clowns", erzählt Bubi, das autobiografische Double des slowenischen Schriftstellers Lojze KovacÇicÇ in dessen dreibändigem Roman "Die Zugereisten".

So wie dem 13-jährigen Bubi geht es den meisten Europäern bis heute. Die Armee des faschistischen Italien wirkt gegenüber den monströsen Verbrechen des nationalsozialistischen Militärs als harmlos, gar etwas lächerlich. Dabei war es ein Hauptanliegen faschistischer Politik, das Image des Italieners als wohlgefällig belächelten Mandolinenspieler zu korrigieren, wie es in der Hollywoodproduktion "Corellis Mandoline" wiederbelebt wurde. Der Idee des "homo fascisticus" entsprach es allerdings ganz und gar nicht.

Wie ungerechtfertigt das gnadenlos friedfertige Image des italienischen Militärs ist, stellt nun das Buch des Schweizer Historikers Aram Mattioli unter Beweis, das Italiens afrikanische Feldzüge vor dem Zweiten Weltkrieg untersucht. In seinen Augen begann der Weltkrieg nicht im September 1939 mit dem deutschen Einmarsch in Polen, sondern am 3. Oktober 1935 mit der faschistischen Aggression gegen den unabhängigen ostafrikanischen Staat Äthiopien (damals Abessinien genannt).

Diesem ersten großen, von einer europäischen Macht entfesselten Angriffs-und Eroberungskrieg nach 1918 fielen zwischen 350.000 und 760.000 der rund zehn Millionen Abessinier zum Opfer. Anders als von der faschistischen Propaganda behauptet, handelte es sich um keinen Blitzkrieg: Es folgten nämlich fünf Jahre Guerillakrieg, die mehr Menschenleben forderten als die Angriffsphase selbst. Noch Ende 1936, also nach der in Italien selbst enthusiastisch gefeierten Kapitulation von Haile Selassie I., waren 360.000 Soldaten unter Waffen.

Mattioli beschreibt den Überfall auf das einzige afrikanische Mitglied des Völkerbunds als zynischen Freilandversuch für moderne Formen militärischer Gewalt. Lange vor der Zerstörung von Guernica im April 1937 wurden hier die bis dahin brutalsten Luftwaffeneinsätze geflogen, auch gegen Lazarette des Roten Kreuzes. Die verbotenen Yperitbomben, besser bekannt als Senfgasbomben, wurden nicht nur gegen militärische Ziele eingesetzt. Tausende Zivilisten starben durch Repressalien.

Nach einem Attentat auf den Vizekönig Rodolfo Graziani wurden in einem wilden, von Militärs und Zivilisten ausgeübten Pogrom in der Hauptstadt 6000 Menschen ermordet, abgehackte Köpfe zur Abschreckung aufgestellt. "Die koloniale Peripherie bildete gleichsam das Experimentierfeld für die europäischen ,Gewaltmenschen'", schreibt Mattioli, dem es auch darum geht, ein Axiom der italienischen Zeitgeschichte infrage zu stellen, das der Doyen der Faschismusforschung Renzo de Felice noch 1999 so formulierte: "Der Faschismus kann weder als rassistisch noch als antisemitisch bezeichnet werden."

Abessinien war freilich nicht der erste, auf einen Genozid abzielende Angriffskrieg Italiens. Der von Mussolini propagierte "Marsch an die Ozeane", der das arme, von Massenabwanderung geprägte Land in die Reihe der Großmächte führen sollte, begann in den ehemaligen osmanischen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika, die schon 1911 angegriffen, aber nie unter Kontrolle gebracht werden konnten. Der von Mussolini initiierten und vom späteren Vizekönig von Abessinien Rodolfo Graziani kommandierten "Wiedereroberung" fielen im Zeitraum von 1923 bis 1932 100.000 der 800.000 Bewohner zum Opfer. Bereits hier wurde Zwangsumsiedelung betrieben, ein Viertel der Bevölkerung der Cyrenaika in 15 KZs gesperrt. Wie später in Abessinien sollte Lebensraum für italienische Siedler geschaffen werden, bar jeder ökonomischen Vernunft, handelte es sich doch um heiße und trockene Gegenden, vor denen bis dahin andere Kolonialmächte zurückgeschreckt waren.

Zu Hause zelebrierte die faschistische Traumfabrik die afrikanischen Abenteuer Mussolinis als Erfolg. Die Niederlage Haile Selassies im Mai 1936 löste einen kollektiven Siegesrausch aus. Am 9. Mai 1936 ließ sich Mussolini als "Gründer des zweiten Weltreichs von Rom" feiern. 20,9 Prozent des Staatshaushalts flossen jährlich in die Entwicklung des bettelarmen Landes, etwa den Bau einer "Strada imperiale" zwischen Addis Abeba und Asmara. 300.000 Siedler kamen statt der geplanten zwei Millionen. "Abessinien bildete für viele Italiener eine Projektionsfläche für ein besseres Leben", schreibt Mattioli. Zwar wandte sich der Kaiser im Exil an den Völkerbund. Dessen Reaktion bestand in unbedeutenden Sanktionen, die rasch wieder aufgehoben wurden. Abessinien wurde von den europäischen Mächten nie als gleichwertiges Mitglied der Völkergemeinschaft anerkannt.

Britische Truppen befreiten 1941 das Land, als Italien bereits zum unbedeutenden Waffenbruder des "Dritten Reichs" degradiert war. Nach 1945 wurde ein von Äthiopien gefordertes Kriegsverbrechertribunal verhindert, nicht einmal die zehn wichtigsten Kriegsverbrecher, allen voran der Oberbefehlshaber Pietro Badoglio und der Vizekönig von Italienisch-Ostafrika Rodolfo Graziani, mussten sich verantworten. Die Briten wollten kein afrikanisches Nürnberg und verwiesen die Äthiopier auf bilaterale Auslieferungsanträge, die von den italienischen Behörden abgelehnt wurden. Für Mattioli ist das Ausbleiben einer Strafverfolgung der italienischen Militärs ein wichtiger Grund dafür, dass die italienischen Kriegsverbrechen in Afrika nie ins kollektive Gedächtnis der Europäer eingingen.

Der Überfall auf Abessinien bedeutete ein böses Erwachen für all jene Regierungen, die in Mussolini bis dahin eine überzeugende Alternative zur liberalen Demokratie und dem sowjetischen Kommunismus gesehen hatten. Warum war aber Mussolini bei der eigenen Bevölkerung so populär? Der deutsche Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch greift die These des Historikers Götz Aly auf, nach der die Popularität des Nationalsozialismus nicht auf den repressiv-mörderischen Seiten des Regimes beruhte, sondern auf dessen sozialegalitären Aspekten.

Schivelbusch dehnt diese These auf den italienischen Faschismus aus und überraschenderweise auf die Politik des US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, dessen Reformpolitik des New Deal (1933-1939) sich ähnlicher Mittel bediente wie vor ihm Mussolini und anfänglich Adolf Hitler in Deutschland. Ähnlichkeiten bestanden in der von allen drei beschworenen Ideologie von Nation, Volk und Boden, der medialen Inszenierung einer charismatischen Führerfigur und einem sozialen Dirigismus, der die Plutokratie des liberalen Kapitalismus beenden sollte.

Die liberale Demokratie in der Weltwirtschaftskrise 1929 galt keineswegs als unumstrittenes politisches System. Erst durch den Erfahrungshintergrund des Zweiten Weltkriegs konnte sie ihren Siegeszug antreten. Das ständestaatliche System des Faschismus hatte eine große Faszination, gerade für amerikanische Politiker. Ähnliche identitätsstiftende Projekte wie die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe oder der Siedlungsbau als Alternative zur anonymen Industriestadt oder die Idealisierung der Scholle verband die Eliten diesseits und jenseits des Atlantiks, die bereits während des Ersten Weltkriegs das Gemeinschaftserlebnis einer Art von Kriegssozialismus erfahren hatten.

Besonders aufschlussreich ist Schivelbuschs Rückbindung dieser Ideen an die Reformbewegungen um 1900, die bereits die Kritik am Laisser-faire-Kapitalismus formulierten. Dass sich die daran anschließende Raumplanung der Faschisten in der Folge auf Afrika, die der Nationalsozialisten auf osteuropäischen "Lebensraum" ausdehnen sollte, gehört zu den tragischen Konsequenzen, die 1933 - auf dem Höhepunkt der faschistisch-totalitären Ordnung in Europa - falsch eingeschätzt wurden.

Mit der Restitution des Obelisken von Axum an Äthiopien und der Rückgabe geraubter Kunstwerke an Libyen signalisierte die italienische Regierung Ende der Neunzigerjahre eine späte historische Einsicht. 1996 räumte der Verteidigungsminister erstmals den Einsatz von Giftgas während der afrikanischen Feldzüge ein. Die Regierung von Silvio Berlusconi führte 2004 einen "Giorno del Ricordo" ein. Erinnert wird an diesem Tag an jene italienischen Istrianer, die von jugoslawischen Partisanen kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet und in die Foibe genannten Karsthöhlen geworfen wurden. Die Jahre vorher bleiben dadurch weiterhin aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt.

Matthias Dusini in FALTER 11/2006



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