Verräterische Bücher. Eine Verschwörung im alten China

Jonathan D. Spence, Susanne Hornfeck


Pandas ante portas

Ein Blick auf die Wirtschaftsseiten genügt: Kein Land der Welt ist im Moment so stark im Kommen wie China - was sich auch an der Fülle der Buchneuerscheinungen zeigt.

Man schreibt das Jahr 1728. In China herrscht das Geschlecht der Mandschu, ein Volksstamm aus dem Norden, der das Land vor rund achtzig Jahren erobert hat. Die Quingdynastie führte damals ihre eigenen Sitten ein. So verordnete sie etwa den männlichen Untertanen jenen Look mit ausrasierter Stirn und langem Zopf, der uns bis heute als typisch chinesisch erscheint.

Der amtierende Kaiser Yongzheng kämpft gegen tiefsitzende Ressentiments. Schließlich betrachteten die Chinesen die Mandschu bis zur Machtübernahme - so wie alle anderen Ausländer auch - als "Barbaren". Außerdem herrscht Unklarheit über die Rechtmäßigkeit von Yongzhengs Herrschaft. Man munkelt, er hätte einige seiner Brüder für den Thron um die Ecke gebracht. Genug Zündstoff also für kaiserfeindliche und umstürzlerische Bestrebungen.

In "Verräterische Bücher", einer spannenden Mischung aus Historienroman und Thriller, hat der britische Sinologe Jonathan D. Spence eine Staatsaffäre aus dem 18. Jahrhundert rekonstruiert. Als Quellen dienten dem Historiker die kaiserlichen Archive, die jedes Geschehnis im Reich samt den Reaktionen des Regenten minuziös festhielten. Am Anfang der Geschichte steht ein Brief, der zum Aufstand gegen den Monarchen aufruft; am Ende ein Verräter, der zunächst freigesprochen, letztendlich aber doch durch Zerstückelung hingerichtet wird.

Spence schildert die Ohnmacht der Herrschenden gegen die subversive Kraft des Gerüchts. Das Krisenmanagement im Fall Yongzhengs fiel höchst ungewöhnlich aus: In langen Briefwechseln zwischen Hof und Gefängnis bekehrte der Kaiser den Hochverräter und ließ später die Korrespondenz mit dem Staatsfeind für die Allgemeinheit drucken. Der Rehabilitationsbericht "Erwachen aus der Verblendung" wurde im ganzen Land verbreitet, um auch andere Abtrünnige von der Legitimität Yongzhengs zu überzeugen.

Anhand von Spences Buch wird der straff organisierte Kontrollstaat plastisch, dessen Tausende Beamten ein riesiges Land wie China zentralistisch regierbar machten. Obwohl Mao Zedong 200 Jahre später seine eigene Hierarchie von kommunistischen Parteikadern errichten musste, konnte er auf die historische Herrschaftsform einer seit Epochen von Mandarinen überwachten Bevölkerung aufbauen.

Spence hat vor Jahren selbst ein gutes Buch über Mao verfasst, das sich in seinem nüchternen Stil krass von der neuen Mao-Biografie von Jung Chang und Jon Halliday unterscheidet. Schließlich hat die in England lebende Autorin Chang Maos Schreckensherrschaft selbst miterlebt. In ihrem autobiografischen Bestseller "Wilde Schwäne" schilderte Chang das dramatische Schicksal ihrer Familie. Ihre Mao-Biografie basiert auf jahrelangen Recherchen, für die die Autoren erstmals Zugang zu russischen Archiven erhielten und unzählige Zeitzeugen interviewten.

Eigentlich müsste über jeder Seite dieses Wälzers groß "Mörder" stehen: Die detailreichen Schilderungen von Maos Gewaltregime leiden stark unter der moralistischen Schlagseite des Buchs, das die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit unterminiert. Mao wird als durch und durch machtgeiler, narzisstischer Charakter dargestellt, sein Regime als perfider Volksbetrug. So ziemlich alles, was dieser Mann jemals getan hat, wird gegen ihn ins Treffen geführt.

Dabei handelt es sich bei dieser Biografie ja nicht um die erste Beschreibung von Maos Verbrechen. Die ikonoklastische Wucht der Neuerscheinung gibt sich aber dennoch das Gepräge einer empörten Aufdeckung. In Vernachlässigung ihrer Färbung liest sich diese Biografie jedoch sehr lebendig. Etwa das Kapitel über den "großen Sprung nach vorn", Maos größenwahnsinniges Industrialisierungsvorhaben, das dreißig Millionen Chinesen in den Hungertod trieb, oder die von Mao während der Kulturrevolution gegen seine eigene Partei gelenkte Zerstörungskraft der Studenten. Die menschenverachtende Kaltblütigkeit des Diktators lassen es unbegreiflich erscheinen, warum sich so manche linke Westler einmal als "Maoisten" bezeichneten.

Als Voraussetzung für Maos Aufstieg wird oft die fatale Zerrüttung Chinas angeführt, das durch jahrzehntelange Kämpfe gegen Invasoren und Kolonialmächte geschwächt war. Bis heute besteht ein tiefes Ressentiment Chinas gegenüber Japan, von dem es mehrmals überfallen und in Kriege verwickelt wurde. Im Vorjahr gab es etwa große Proteste gegen japanische Schulbücher, in denen das Massaker von Nanjing 1937, bei dem die japanischen Truppen 300.000 Zivilisten sadistisch ermordeten, als "Zwischenfall" verharmlost wurde.

Der Wirtschaftsjurist Karl Pilny geht in seinem Buch "Das asiatische Jahrhundert" den geschichtlichen Beziehungen und dem Status quo zwischen den beiden Ländern nach. Pilny analysiert beide Volkswirtschaften: Er stellt Japans Rekonvaleszenz und Chinas aktuelle ökonomische Blüte dar, ohne die zahllosen Unsicherheitsfaktoren dieses Booms zu verschweigen. Getragen wird die Untersuchung von der Frage, ob China und Japan in Zukunft kooperieren oder sich wirtschaftlich bekämpfen werden. Sehr informativ fallen auch die Kapitel über Taiwan, Korea und Vietnam aus. Nur die Handelsmacht Indien kommt angesichts ihrer Bedeutung zu kurz.


An Pilnys Band fällt positiv auf, dass er sich nicht zu Spekulationen hinreißen lässt und Zukunftsszenarien nur dann entwirft, wenn er die Entwicklungsmöglichkeiten Asiens ausloten will. Ganz anders "Herausforderung China" von Wolfgang Hirn: Der Redakteur der deutschen Wirtschaftswoche sieht nur Superlative, wenn er sich gen Osten wendet. Sein atemloses Buch dient gut als Crashkurs, um sich einen Überblick über den chinesischen Aufstieg der letzten 15 Jahre zu verschaffen.

Hirn erzählt von dem Billigproduktionsland mit seinen unbegrenzten "Humanressourcen" ebenso wie von dem gigantischen Markt, in dem Hunderte Millionen noch von Mittelklassekomfort träumen. Viele der Fakten überraschen, etwa der Know-how-Transfer von West nach Ost in Forschungs-und Entwicklungszentren, zu dem Peking ausländische Konzerne zwingt. "Wir können uns den Luxus der China-Ignoranz nicht mehr leisten", meint Hirn, der in Bezug auf den Westen eigentlich nur einen Schwund an Arbeitsplätzen prognostiziert.

Profunder als Hirn gelingt es seinem Kollegen Frank Sieren, China zu erklären. Der Peking-Korrespondent der Wirtschaftswoche prophezeit in seinem Buch mit dem unsäglichen Titel "Der China-Code" den Niedergang der europäischen Wohlfahrtsstaaten, vor allem Deutschlands. Als die "großen Nutznießer der Globalisierung" würden die Chinesen mit ihrem Wachstumspotenzial bald alle anderen Volkswirtschaften in den Schatten stellen. Durch den Aufstieg zum Global Player würde eine multipolare Machtordnung möglich werden, in der die USA entthront würde. Auch Sierens Buch strotzt vor Phrasen ("selbst während der Kulturrevolution hielten die Chinesen zusammen"). Aber sein Mix aus Mentalitätsgeschichte, internationaler Politik und Marktprognostik weist doch auch eine erhöhte Komplexität auf. Dass Wirtschaftjournalisten allerdings sich für Umweltprobleme, Menschenrechtsvergehen, Arm-Reich-Scheren oder Demokratiedefizite nur en passant interessieren, damit muss man sich bei deren Publikationen eben abfinden.

Nicole Scheyerer in FALTER 11/2006



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