Die Kinder-Uni - Erstes Semster. Forscher erklären die Rätsel der Welt

Ulrich Janßen, Ulla Steuernagel, Klaus Ensikat


Einstein junior

Donata Elschenbroich behauptet, dass Neugier und Forscherdrang den Kindern angeboren sind.

Science is patience", meinte einmal der renommierte US-Physiker Richard Feynman. Nicht ganz so berühmt wie sein US-Kollege war der deutsche Physiker und Pädagoge Martin Wagenschein, der so wie Feynmann 1988 starb und ebenfalls meinte, dass es beim Naturforschen "Zeit wie Heu" gäbe. Deswegen sei besonders die Kindergarten-und Vorschulzeit dafür geeignet, folgert Donata Elschenbroich, die selbst im Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung arbeitet.

Wie "echte" Wissenschaftler besitzen auch die Kinder einen Erkenntnisdrang und wollen nicht besichtigen, sondern begreifen, meint Elschenbroich in ihrem neuen Buch "Weltwunder", in dem es um "Kinder als Naturforscher" geht. Kinder erproben ständig die eigenen Kräfte, bewegen und untersuchen die Dinge. Sie fragen nach dem Warum, selbst wenn sie scheinbar sinnlose Handlungen durchführen, wie mit einem Löffel auf verschiedene Gegenstände zu klopfen oder etwas vom Tisch zu werfen.

Schon in ihrem Bestseller "Weltwissen für Siebenjährige" beschäftigte sich die Kinderwissenschaftsexpertin mit der Bildung von Kindern. Ging es dabei vor allem darum, einen umfassenden Wissenskanon für die Volksschule zu erstellen, behandelt das neue Buch die Art der Wissensaneignung. Ihre These: Neugier und Forscherdrang sind den Kindern angeboren und der Alltag bietet genügend Möglichkeiten, elementare Naturwissenschaft zu entdecken und zu betreiben.

Zur Untermauerung ihrer Behauptungen versammelt Elschenbroich eine ganze Menge Experten: Naturwissenschaftler, Didaktiker, Hirnforscher, Eltern und viele mehr wurden zum Interview gebeten oder zitiert. Dabei werden zwar die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet, mitunter wird das Buch dadurch etwas schwer lesbar. Aussagen historischer Geistesgrößen, zeitgenössischer Forscher oder Erzählungen aus Kindergärten stehen manchmal scheinbar wahllos nebeneinander.

Zwischen den ausschweifenden Erzählungen und Gesprächen schafft es Elschenbroich dennoch, die wesentlichen Aussagen zu vermitteln. Die anfängliche Begeisterung für Natur nehme bei Kindern während des Älterwerdens zunehmend ab. Naturwissenschaftliche Bildung ist nichts, worauf man stolz ist, nicht einmal die Erwachsenen. Selbst Fachleute haben ihr Wissen kaum mit dem Leben verknüpft, und genau dieses Spezialwissen färbt wiederum auf die Schule ab.

Das Problem beginne schon im Kindergarten, deshalb beschreibt die Autorin sehr ausführlich die Vorteile von sogenannten Waldkindergärten. Dort könnten die Kinder die Welt mit allen Sinnen erfahren und entdecken. Die Natur sei von sich aus sehr reichhaltig und man benötige entsprechend wenig Hilfsmittel. "Draußen sein" mache die Kinder instinktiv wachsamer und aufmerksamer.

Mit ihrer Aussage, dass "Grundlagen unseres physikalischen Weltbilds viel früher erworben als traditionell angenommen" würden, widerspricht Elschenbroich im Übrigen der bekannten Kognitionspsychologin Elsbeth Stern. Diese behauptet nämlich, den Kindern mangle es im Vorschulalter am nötigen Grundwissen zum Verstehen naturwissenschaftlicher Gesetze, die Erkenntnisse seien höchstens angelernt.

Für die Autorin ist es entscheidender, ob Kinder überhaupt fragen, etwas wissen wollen oder auf bestimmte Fragen ansprechbar sind. Liest man ihre Anregungen für den Alltag, ist man geneigt, ihr zu glauben. So begreifen Kinder beim Schaukeln oder beim Wippen körperlich physikalische Grundgesetze, beim Putzen oder Kochen können sie eine Menge über biologische oder chemische Wirkungen erfahren.

Viele dieser Erkenntnisse sind leider noch nicht bis in unsere Erziehungsstätten vorgedrungen. Dass es erste Ansätze zur Verbesserung gibt, zeigt die Autorin in ihren abschließenden Kapiteln mit einem Überblick von internationalen und europäischen Projekten, die versuchen, den Reduktionismus naturwissenschaftlicher Didaktik zu bekämpfen.

Wer kennt sie nicht, die berüchtigten "Warum?"-Fragen von Kleinkindern, mit denen sie die Befragten an den Rand der Verzweiflung bringen können. Nach der Lektüre dieses Buchs erscheint dieses kindliche Verhalten in einem anderen Licht: Hinter den simplen Fragen steht ein grundsätzlicher Erkenntnistrieb, der Wunsch, die Welt zu verstehen. Wir sollten alles dazu tun, diesen nicht zu bremsen.Auch für Eltern

Während sich Donata Elschenbroich vehement für "learning by doing" ausspricht, wird in "Die Kinder-Uni" ein eher akademischer Zugang vertreten. Die seit 2002 in Tübingen durchgeführte Veranstaltung hatte einen durchschlagenden Erfolg: Im Dezember des Vorjahres erhielt die Kinder-Uni den Descartes-Preis für Wissenschaftskommunikation, die höchste Auszeichnung für wissenschaftliche Projekte der Europäischen Kommission. Mittlerweile hat das Modell in der ganzen Welt zahlreiche Nachahmer gefunden - und führte zu bereits drei gleichnamigen Begleitbüchern. Das erste davon ist kürzlich auch als Taschenbuch erschienen.

Auch in diesen Bänden geht es um die berühmten "Warum?"-Fragen, die bei den Vorlesungen von Professoren verschiedener Fachrichtungen zwar theoretisch, aber durchwegs anschaulich beantwortet werden. Was im Alltag oft zu wenig Platz hat oder die befragten Eltern schlicht überfordert, wird hier in einem adaptierten universitären Rahmen erledigt. Niedergeschrieben haben das Ganze die Kinder-Uni-Erfinder Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel, übersichtlich und reich illustriert. Und vor allem: sehr lesbar, was auch Erwachsene zu schätzen wissen, die das Buch mitunter auch für sich selbst kaufen, wie man auf Verlagsseite gerne bestätigt.

Eva Obermüller in FALTER 11/2006



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