Consummatus

Sibylle Lewitscharoff


Das Große Ohr

Sibylle Lewitscharoffs Roman "Consummatus" verlegt den Orpheus-Mythos nach Stuttgart-Degerloch.

Ralph Zimmermann und Joey müssen auf Erden ein seltsames Paar abgegeben haben. Er aus Stuttgart-Degerloch, was ungefähr so viel heißt wie solide deutsche Bürgerlichkeit. Er studierte Deutsch und Geschichte, um später als Gymnasiallehrer sein Brot zu verdienen. Sie eine amerikanische Undergroundmusikerin, mit der er ein paar Monate in Europa unterwegs war, die ihn mit Andy Warhol bekannt machte, mit Jim Morrison und all den anderen. Dann starb Joey früh, viel zu früh, was aber nicht das Ende ihrer Beziehung bedeutete. Denn Ralph Zimmermann unterhält lebendigen Umgang mit den Toten und hatte auch schon einmal Gelegenheit, seine Geliebte im Totenreich zu besuchen: ein moderner Orpheus, dem aufgetragen ist, den Lebenden von den Toten zu berichten.

Sibylle Lewitscharoffs Roman "Consummatus" mischt die Lebenden mit den Toten. "Consummatus est" lauteten Jesu vorletzte Worte am Kreuz und auf seine irdische Weise hat auch Ralph Zimmermann es vollbracht, als er sich an einem Apriltag des Jahres 2004 im Schneesturm durch die Straßen Stuttgarts kämpft. Viele Stunden lang hatte er im Café Rösler gesessen, mehr Wodka als Kaffee konsumiert (hier entfaltet der Titel eine charmant-blasphemische Zweideutigkeit), und so nach und nach waren ihm seine Toten erschienen: Joey natürlich, aber auch seine Eltern, Andy Warhol, Edie Sedgwick, dazu ein paar Bekannte aus dem Totenreich, wo hinter einer Schleuse ein lachender Jesus sitzt. Ralph Zimmermann kämpft sich durch den Schneesturm, aber er landet am Ende nicht daheim (oder gar im Grab) - sondern in einer württembergischen Weinstube: vom Leben durch den Tod ins Leben.

Der amerikanische Literaturwissenschaftler und Philosoph Robert Harrison entwickelt in seinem neuesten Buch eine Theorie von der Herrschaft des Todes: Er nimmt die Präsenz der Toten unter den Lebenden als Maßstab dafür, wie es um die Zivilisiertheit einer Gesellschaft steht. Lewitscharoffs Stuttgart käme da nicht schlecht weg. Die Toten sind überall und ihr Tod flößt niemandem Angst ein. Aber am Ende des Romans ist ihnen, so scheint es, die Herrschaft über das Leben genommen, wenn Ralph Zimmermann, auferstanden aus dem Café Rösler, sich auf den Weg macht in die nächste Weinstube, als hätte er an diesem Samstag noch nicht genug getrunken. Frommen Seelen gefällt diese Geschichte sicher nicht, weniger fromme könnten sich fragen, ob sie für einen Roman taugt.

Sibylle Lewitscharoff hat ihren Totentanz geschickt instrumentiert. Den größten Part überträgt sie dem Helden in der Funktion des Icherzählers. Seine Rede aber wird immer wieder unterbrochen, ergänzt und kommentiert vom Großen Ohr, das erstaunlicherweise nicht nur den Toten meldet, was hienieden passiert, sondern auch deren Kommentare auf die Erde weiterleitet. Was Zimmermann erzählt, ist im Buch normal, also schwarz gedruckt, was das Große Ohr meldet, erscheint in zartem Grau. Und dann beginnen auch noch auf den letzten Seiten typografisch fein gestaltete Schneeflocken über die Seiten zu rieseln - oder decken sie ein Stück Text zu?

Auf allen Ebenen, die im Medium des Buches möglich sind, löst Lewitscharoff die Grenze zwischen Leben und Tod auf und modelliert an ihrer Stelle einen fließenden Übergang. Der Tod: Das ist eine andere Wirklichkeit, nicht immer leicht zu unterscheiden von den zweifelhaften Wirklichkeiten, in denen man sich zum Beispiel nach dem übermäßigen Genuß von Wodka wiederfinden mag. Der Tod ist so verstanden ein vorzüglicher Ausgangspunkt für eine Prosa, die sich mit poetischer Verve in Assoziationen, Bildfantasien, endlose Monologe stürzt. Was in anderen Fällen oft genug im hermetischen Spiel mit dem sprachlichen Material stecken bleibt, gerät Lewitscharoff, an der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Erzählsinn und Chaos balancierend, zu einem zwingenden Kabinettstück Prosa.

Und das soll ein Buch für den Frühling sein? Warum nicht, endet es doch im April, also irgendwann um Ostern herum.

Tobias Heyl in FALTER 11/2006



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