Am Seil

Thomas Lang


Auf wackligen Beinen am Abgrund

Thomas Langs Roman "Am Seil" thematisiert eine Vater-Sohn-Verstrickung, die hier ganz buchstäblich verstanden werden darf - so wie auch der Begriff der "Fallhöhe" in sämtlichen Bedeutungen zu schillern beginnt.

Am Ende des Romans turnen die beiden, Bert und Gert, der Vater und der Sohn, der ehemalige Turnlehrer und der verkrachte TV-Showstar, im Gebälk der Scheune herum, obgleich sie für dergleichen Aktivitäten in denkbar schlechter Form sind. Bert lebt in einem Pflegeheim und kann alleine nicht einmal mehr aufs Klo gehen, und Gert ist nach einem schweren Autounfall, den er - im Unterschied zu seiner verstörend jungen Beifahrerin - knapp überlebt hat, auch nur beschränkt beweglich: Er hinkt, und sein linker Arm neigt dazu, taub zu werden. Das Finale des Romans, mit dem sich Thomas Lang, Jahrgang 1967, im vorigen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis erlesen hat, weist durchaus Slapstickzüge auf. Nur, dass Bühnenbild, dieses ganze Arrangement aus Architektur und Technik, das ein Buster Keaton zu traumwandlerischem Davonkommen genutzt hätte, hier ganz im Zeichen der (Selbst-)Auslöschung steht: "Zwischen ihnen liegt wie das letzte übrig gebliebene Feld eines Schachbretts das Loch."

Für Menschen mit begrenztem räumlichem Vorstellungsvermögen wird auch nach mehrfacher Lektüre dieser dramatischen Schlusssequenz nicht klar, was genau da vor sich geht. Man neigt freilich dazu, dem Autor zu vertrauen, hat er seinen Roman doch dermaßen sorgfältig vertäut, dass die Vorstellung, er könnte beim Kulissenbau gepfuscht haben, absurd erscheint. Und dennoch: Wo der sublime Humor und der kinetische Heroismus Keatons in der Evidenz von Physis und Physik gründen (keine Tricks!), da bleibt an der Literatur immer etwas vom Verdacht der bloßen Behauptung kleben. Also erfindet sie sich ihre Notwendigkeiten und Gesetzmäßigkeiten selbst. Vor ihnen muss man freilich auf der Hut sein: Die existenzielle Auslegung ästhetischer Folgerichtigkeit führt in politisch trübe Tümpel.

Angesichts des schon in der Namensähnlichkeit der beiden Protagonisten buchstäblich anklingenden Faibles für Doppelungen, Spiegelungen und Echos mag man auch Langs Roman gegenüber Skepsis entwickeln: So unsicher sich das Personal da auch am Rande des Abgrunds entlanghangelt und schwitzend um Balance kämpft - schnurrt die Handlung nicht recht mechanisch dem vorgezeichneten Ende entgegen? Und bilden nicht gerade die Verknüpfungen aller dieser Motive des Umkippens, Abstürzens und Aufhängens ein ganz komfortables Sicherheitsnetz, in dem es sich gemütlich vom Untergang erzählen lässt?

Es ist gar nicht leicht zu sagen, ob "Am Seil" viel riskiert. Und was hieße das überhaupt? Nur wer wagt, gewinnt (die Wahrheit) - auch das ist mittlerweile zum Klischee der Kunstkritik geworden; und die treuherzige Versicherung, ein Text riskiere ungeheuer viel, findet sich heute ebenso verlässlich im Nähkästchen biederer Rezensentenprosa wie das Funktelefon in der Grundausrüstung der Adventure-Urlauber.

Nehmen wir zum Beispiel folgenden Satz: "Das eigentlich mickrige Klick, mit dem der Karabiner einhakt, hallt schwer durch die sonst totenstille Scheune. Auch Gert hat das Seil an seinem Gurt befestigt. Jetzt hängen sie aneinander. So eine Verbindung, das geschieht ganz automatisch, bedeutet immer mehr als ein an beiden Enden festgemachtes Seil. Es bedeutet etwas Emotionales. Man ist nicht mehr für sich."

Keine Ahnung, ob so etwas "riskant" ist. Vielleicht sollte man es auch mit "irritierend" genug sein lassen. Irritierend ist, dass hier sowohl die Grenze zwischen den beiden monadisch gegeneinander abgeschotteten, dem anderen gegenüber nicht artikulierten Innenperspektiven (aus denen der Roman seine psychologische und existenzielle Dynamik bezieht) verwischt wird als auch die Grenze zwischen "objektiver" Beschreibung und innerer Rede. Der Satz "Jetzt hängen sie aneinander" bringt die bis dahin - sieht man vom Adjektiv "totenstill" ab - ganz sachlich gehaltene Rede plötzlich zum Oszillieren: Er ist matter-of-factish ebenso wie metaphorisch. Danach taumelt die Passage in eine seltsam banale, sich hinter dem anonymen "man" verschanzende Schwatzhaftigkeit, wie man sie aus sogenannten Beziehungsdiskussionen kennt. Figurenperspektive? Welche? Erzählkommentar?

An dieser Stelle "riskiert" der Text Unschärfe ebenso wie penetrante Plakativität: Hallooo, man kann mich auch metaphorisch verstehen! Als ob man das nicht längst geschnallt hätte und als ob man das Angebot aufgreifend nicht umso unvermeidlicher dem Kitsch sich auslieferte - denn kitschig sind nicht platterdings Texte, kitschig ist der Gebrauch, den man von ihnen macht.

Am Seil" ist handwerklich sehr gut gemacht. Der Roman enthält grandiose, zum Teil sogar komische Szenen, stimmige Beschreibungen von (fader) Gebrauchsarchitektur und (faden) Landschaften - das muss man erst mal können. Er verhandelt Themen aus der philosophischen und feuilletonistischen Kategorie-I-Klasse mit Topaktualitätsindex: Sinn und Unsinn von Leben und Sterben unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Apparatemedizin sowie der Euthanasiedebatte.

Das alles fiele unter die Kategorie "sehr gut - setzen". Was den Roman darüber erhebt, ist der Umstand, dass er die (Selbst-)Verachtung der beiden beschädigten Protagonisten dem Leser nicht als Aufforderung weiterreicht, sich darin einzuüben. Die Unvermeidlichkeit steht in jeder Hinsicht auf wackligen Beinen. Es kommt wie es kommt, es hätte aber nicht so kommen müssen; oder eben nur in dem Roman, der die Kontingenzen, Zufälle und Verfehlungen nicht ästhetisch applaniert und zum Schicksal mystifiziert, sondern uns im Gegeneinander der Perspektiven mehr sehen lässt, als Bert und Gert sehen können. Das Leben zu fingieren, damit wir für einen Moment nicht in unserem eigenen stecken müssen - das wäre nicht die anspruchsloseste Aufgabe von Literatur.

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2006



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