Citizen Berlusconi

Alexander Stille


Der Medienpräsident

Berlusconi, der Anfang April mit seiner Partei bei den Parlamentswahlen antritt, fand schon mal direktere Worte zur Verteidigung Mussolinis. In einem Interview 2003 relativierte er Mussolinis Verbrechen mit den Worten, er habe ja niemanden umgebracht. Er habe gerade einmal ein paar Regimegegner auf Urlaub in Grenzgebiete geschickt. In der autoritären Art des Regierens und der Vermischung von Propaganda mit Entertainment wurde Berlusconi selbst des Öfteren mit Mussolini verglichen.

Der US-amerikanische Journalist Alexander Stille zeichnet in einer neuen Biografie den Weg des reichsten Manns Italiens von den frühen Projekten im Immobilienbereich hin zum Medienunternehmer nach. Mehrere Paradoxa gilt es dabei zu erklären. Wie ein in mafiöse Geschäfte und politische Korruption verstrickter Unternehmer nach dem Zusammenbruch des alten Parteiensystems 1994 innerhalb von zwei Monaten mit der Instantpartei Forza Italia zur Lichtfigur der italienischen Politik avancieren konnte. Wie ein gnadenlos auf seine Privatinteressen bedachter Multimillionär sich dermaßen in die Seelen des italienischen Wahlvolks schleichen konnte, dass es ihn, trotz erwiesener Korruption und zahlloser Gesetzesbrüche seiner engsten Freunde und Verwandten, 2001 zum zweiten Mal zum Ministerpräsidenten machte.

Ein Hauptaugenmerk richtet Stille in "Citizen Berlusconi" nicht nur auf die italienische TV-Landschaft, sondern auch auf die Entwicklung des Printjournalismus, der von Berlusconi schleichend unterwandert, mit Gefolgsleuten besetzt, schließlich zum Symptom für den Verlust gesellschaftlicher Wahrheit schlechthin wurde. Er habe es, und dabei vergleicht Stille Berlusconi mit der US-amerikanischen Rechten, fertig gebracht, den Glauben daran zu untergraben, "dass eine Gesellschaft über unabhängige Institutionen - Gerichte, Universitäten, parteiübergreifende Kommissionen oder Presseorgane - verfügen kann, die ohne politische Hintergedanken einen gewissen Bodensatz an unstrittigen Tatsachen zu etablieren versuchen". Mit solchen komplizierten Argumentationen kann man allerdings keine Wahlen gewinnen.

Matthias Dusini in FALTER 11/2006



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