Die Zukunft Österreichs. Chancen und Risiken im nanotechnischen Zeitalter

Ernst Eugen Veselsky


Hämmer, zukunftsreich

22 österreichische Experten schauen in die Zukunft und erblicken dabei nicht viel Gutes.

Es ist auch schon wieder 25 Jahre her, dass sieben Studenten der kalifornischen Stanford-Universität Österreich besuchten. Gemeinsam mit drei Kollegen aus Wien interviewten sie damals 32 ausgewählte Intellektuelle, Führungskräfte und Entscheidungsträger zu ihren Erwartungen an das Österreich von 2005. Herausgekommen ist die 1983 im Orac Verlag veröffentlichte Studie "Österreich 2005, Einflüsse der mikroelektronischen Revolution".

Ein Vierteljahrhundert später erscheint nun die Fortsetzung dieser Untersuchung - nicht ohne die alten Ergebnisse zu evaluieren. Nach Ansicht der Autoren hätten sich vor allem die pessimistischen Prophetien erfüllt: Die schleichende Demontage der Sozialpartnerschaft habe den sozialen Frieden im Land nachhaltig gefährdet und zu einem Machtungleichgewicht zugunsten der Unternehmerseite geführt. Eine neoliberale Ellbogenideologie gebe im Land den Ton an. Computer, Handy und Co hätten allerdings nicht zu den prognostizierten Arbeitszeitverkürzungen, sondern zu erhöhtem Lohn-und Leistungsdruck für die Arbeitnehmer geführt.

Auch für das Jahr 2025 schwant den diesmal 22 Experten kaum Gutes. Die Lebenserwartung wird zwar durch moderne medizinische Möglichkeiten weiter steigen, diese würden aber nur noch wohlhabenden Bevölkerungsschichten zugänglich sein. Steigende Arbeitslosigkeit und Überalterung sollen zur Verarmung vieler führen. Gleichzeitig, so behaupten die Auguren, wird Österreich in den Zukunftstechnologien (Bio-, Nano-und Co) Trittbrettfahrer bleiben. Nur fünf Teilnehmer reichten überhaupt positive Szenarien ein.

Auch wenn man nicht glaubt, dass derlei Studien in der Lage sind, tatsächlich die Zukunft vorherzusehen, so lassen sie sich doch als wertvoller Katalog aktueller Wünsche, Befürchtungen und Erwartungen besonders gut informierter Österreicher an die Zukunft lesen. Gerade deshalb ist es schade, dass es im vorliegenden Band schwierig bis unmöglich ist, die Beiträge einzelnen Personen - die meisten davon übrigens im Pensionsalter - zuzuordnen.

Insgesamt fällt ihr Bericht nicht gerade optimistisch aus: Besorgt blickt das Autorenkollektiv auf einen schleichenden Abbau von Arbeitnehmerrechten, Entsolidarisierung, die Abdrängung von immer mehr Arbeitslosen in die Scheinselbstständigkeit, den wachsenden Einfluss von Unternehmen, zunehmende Armut und einen nach wie vor recht sorglosen Umgang mit endlichen Ressourcen.

Manche Aussagen werfen aber doch Fragen über ihre Entstehung auf: So etwa wird für 2025 die Verdrängung "der österreichischen Volkskultur" durch eine weltweit dominante Jugendkultur "hemmungslosester Lebensäußerungen" zu längst globalisierten "Urwald-Rhythmen" befürchtet. Grüß Gott!Was ist ein Gen?

Der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger weiß, dass es die Genetiker auch nicht so ganz genau wissen.

Das ist alles sehr kompliziert." Was Fred Sinowatz dereinst am politischen Parkett jede Menge Häme einbrachte, würde womöglich heute von Molekularbiologen als weises Statement zur Verfassung ihrer Forschungsdisziplin gefeiert werden. Das sieht man nicht nur daran, dass die einschlägigen Lehrbücher immer dicker und unübersichtlicher werden. Das zeigt sich auch an scheinbar geläufigen und einfachen Begriffen, wie etwa jenem des Gens.

Als der Däne Wilhelm Johannsen den Begriff prägte, hatte er damit nicht mehr im Sinn als ein nicht näher definiertes Etwas, das mit körperlichen Eigenschaften von Tieren und Pflanzen in Beziehung steht. "Das Wort Gen ist völlig frei von jeder Hypothese" und sei nur als eine Art Rechnungseinheit zu verwenden, lautete Johannsens bescheidene Formel anno 1909: "Man hat nicht das Recht, das Gen als morphologisches Gebilde zu bezeichnen."

Die Bescheidenheit ist bekanntlich eine Zier, aber Nobelpreise werden dafür selten vergeben. So versuchte man später sehr wohl, der materiellen Basis der Erbfaktoren auf die Spur zu kommen, und entwarf das Konzept vom Gen als "autokatalytisches Protein", wie etwa der Physiker Max Delbrück noch in den Dreißigerjahren annahm. Delbrück bekam den Nobelpreis. Sein frühes Genkonzept musste er indes - wie viele andere auch - revidieren. Seit den Fünfzigerjahren weiß man, dass ein Gen kein Protein ist, sondern vielmehr ein Abschnitt auf der DNA. Wobei sich dieser Abschnitt vor allem dadurch auszeichnet, dass er sich erfolgreich gegen jede begriffliche Eingrenzung gewehrt hat und heute stärker denn je ein unscharfes Konzept repräsentiert.

Das zumindest ist die These des deutschen Wissenschaftshistorikers Hans-Jörg Rheinberger, die er in seiner Aufsatzsammlung "Die Epistemologie des Konkreten" entfaltet. Ein Beispiel dafür ist die einst populäre Ein-Gen-ein-Enzym-Hypothese von Georges Beadles und Edward Tatums, die angesichts widersprechender Befunde ins Ausgedinge biologischer Konzepte befördert wurde.

Spätere Hypothesen, die das Gen in einen stabilen Rahmen pressen wollten, erlitten ein ähnliches Schicksal. Woraus man zwei Konsequenzen ziehen kann: Entweder man folgt Jürgen Brosius und Stephen Jay Gould, die bereits in den Neunzigerjahren für eine völlige Aufgabe des Genbegriffs plädierten, oder man übernimmt den ironisch-pragmatischen Definitionsversuch Rheinbergers, der da lautet: "Ein Gen ist ein Gen ist ein Gen."

Wem Letzteres sympathisch erscheint, der sollte auch die anderen Kapitel in Rheinbergers Buch lesen. Die liefern nämlich - nebst weiteren historischen Fallstudien - den theoretischen Rahmen zum Thema. Darin zeigt der Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, dass Wissenschaft eben keine simple Sammlung gegebener Fakten ist, sondern vielmehr ein konstruktiver Prozess, bei dem die Gegenstände der Forschung erst hergestellt werden müssen.

Robert Czepel in FALTER 11/2006



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