Meßmers Reisen

Martin Walser


Martin Walser hat ein lesenswertes Buch geschrieben und wird daraus demnächst in Wien vorlesen.

Schön, wenn man aus dem Vollen schöpft. Dann kann man auch noch Gedankensplitter, Notate und Beobachtungen aus längst vergangener Zeit zu einem Buch machen, ohne dass sich wer betrogen fühlte. Ganz im Gegenteil: Die Kritik hat Walsers jüngstes Buch, es heißt "Meßmers Reisen", seiner aphoristischen Brillanz wegen als "funkelnd" oder bar jeglicher "funkelnden Schlaubergerei", aber auch als "still", "erschütternd" und "urkomisch", als "stilles, aber großes" bzw. "großes kleines Buch" gepriesen. Am dollsten hat es eine Rezensentin mit den Namen Regina General ausgedrückt: "Lebensweisheit und Munition - gebündelt von einem, der gerne scharf schießt."

Irgendwie stimmt das alles ja auch ein bisschen. Im Grunde genommen aber sind es halt Reflexionen eines Herrn (dieser Meßmer, so wird überall betont, sei ein Alter Ego des Autors und schon 1985 als Titelheld aufgetreten), der an den geschlechts-, standes- und altersbedingten Melancholien eines in die Jahre gekommenen Mannes laboriert, der oft mehr wollen will, als er können wollen tut ("die Sehnsucht nach Bedürfnis ist so heftig wie vorher die Sehnsucht nach der Frau"). Darüber hinaus ist er prominent genug, um sich über sein Verhältnis zu dem, was dann als "Welt" die Gesamtheit allen Nicht-Ichs umfasst und mal mit Zuneigung, mal mit narzisstischer Gekränktheit, mit Abwehr und Aggression bedacht wird, ständig den Kopf zerbrechen zu müssen: "Die Welt um den Schmerz betrügen, den sie einem zufügen will."

Auch wenn das Nachdenken über die eigenen Feinde Meßmer bis in seine Träume hinein verfolgt, die in kafkamäßiger Kollaboration von Opfer und Täter kulminieren, hat das Buch in Gestus und Ton der diversen Walser-Debatten und mit Walsers entsetzlichem und entsetzlich schlechtem Buch "Tod eines Kritikers" erfreulich wenig zu tun.

Hier bemüht sich einer redlich, trotz ihn anwandelnder Müdigkeit weder in wohlfeile Resignation noch in herrischen Hochmut zu versinken, die Welt zu würdigen und nicht nur mit seinen Meinungen zu behelligen (wobei Walsers Antimeinungsmeinungen gewiss nicht zu den funkelndsten Passagen zählen).

Über die naturgemäß mal mehr, mal weniger geglückten Bonmots wurde in den Kritiken aber das Beste nur unzureichend gelobt: Der Mittelteil umfasst ein Drittel des Buches, ist der einzig zusammenhängende (wenn auch aphoristisch ausfransende) Part, handelt von einer Dienstreise Meßmers in die USA und ist ein ungetrübtes Lesevergnügen: Was sich hier an (Selbst-)Beobachtungen zusammendrängt, ohne mit dem Gewicht von Romanpsychologie und Figurenentwicklung belastet zu sein, aber auch ohne bloß zur polemischen Fixierung von Typen zu verkommen, zählt zum Vergnüglichsten, was ich in letzter Zeit gelesen habe. David Lodge hätte daraus eine Campus-Satire gezimmert, ich bin schon mit Meßmers Beobachtung von Beinen, Brüsten und Bärten vollauf zufrieden: schön, dass einer Bruce Huber heißt; schön, dass er einen Bart trägt; wunderbar, dass der Erzähler dies auch zu würdigen weiß: "Je öfter man Bruce Huber sieht, desto mehr muss man ihn für diesen Einfall, sein Gesicht zu säumen, bewundern." Und Martin Walser. Für seine Bartbewunderungsbeschreibungskompetenz.

Klaus Nüchtern in FALTER 4/2004



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