Christbaum kaufen, baden gehen. Traditionen zum Richtigmachen

Helmut Pokornig, Ernst Molden, Oliver Lehmann


Ernst Molden, Stadterforscher und poetischer Kraftkerl, präsentiert in seinem jüngsten Buch Traditionen zum Richtigmachen.

Tradition muss also nicht untertänigst absolvierte Pflichtübung sein, beraubt jeglichen Ursprungssinns. Ernst Molden sitzt im Kaffeehaus, er tastet fahrig sein Sakko ab, das Rauchen hat er aufgegeben, keine Zigarettenschachtel ist zu finden. Molden, der Schriftsteller und Sänger, sitzt also ohne Rauchzeug da, gleichsam entgegen aller Tradition, und denkt zum Thema Traditionen laut vor sich hin. Er denkt etwa, in seiner eigenen, so ganz fein gesponnenen Art, an das schöne, noch zu gründende Rattenaufnageln. Fünf verelendete Ratten, fünf Jahre lang von fünf Hausparteien an einem Stichtag aufgenagelt, das sei bereits ein Ritual. Ja, sagt Molden, Gegner jeder Dogmatik in Person, "das ist durchaus bereits ein Brauch, wenn sich eine Anzahl von Menschen, die über die Kleinfamilie hinausgeht, alljährlich an einem bestimmten Tag trifft, da können durchaus auch Ratten mit im Spiel sein".

Es wäre noch mancherlei zu klären: Dürfen es auch drei, vier tote Ratten sein? Und, nicht zuletzt, der Sinn des fröhlichen Rattenmalträtierens? Aber Molden sagt lieber "Badebeginn", "Drachensteigen",
"Weltspartag", "Winterreifenwechsel". Die Namen fallen, als ob man sie kennen müsste.

Ernst Molden ist annähernd so beschrieben: Geboren 1967 in Wien, Verfasser von prächtigen Romanen (etwa "Doktor Paranoiski", 2001) und Songwriter (aktuelle CD: "nimm mich, schwester"). Darüber hinaus auffälliger, "nach Wienerischem fast aller Art mittelschwer süchtiger" Stadterforscher, mit seinen Texten immer wieder auch ein großer Lustmacher auf die Stadt. Neben dem Vatersein (Leopold, Karl), dem Rauchentzug, dem Schreiben eines neuen Romans und dem Projekt einer regelmäßigen Wetterkolumne hat sich Molden die letzten Jahre schwer mit Brauchtum und Tradition befasst. "Brauch und Rauch" waren die Texte in dem von Oliver Lehmann herausgegebenen Magazin Universum übertitelt, erschienen sind sie zwischen Februar 1999 und Dezember 2003 in jeder der zehn jährlichen Universum-Ausgaben, jeweils 2900 Anschläge (inkl. Leerzeichen) lang.

"Christbaum kaufen, baden gehen" versammelt jetzt fünfzig Kolumnen, "Essaytscherl" nennt sie Molden. Feine, witzige Lektüre sind sie auch zu nennen - muss man sich hier nicht, wie bei gesammelten Zeitungskolumnen üblich, durch ein albernes, die Zeitläufe nicht mehr tangierendes Kunterbunt quälen; auch outet sich Molden nicht als hemmungsloser Fan seiner selbst, sondern präsentiert als poetischer Kraftkerl, der mittels Abschweifungen und Randständigem (grandios, wie Molden anhand des Erntedankfest den kuschenden österreichischen Nationalcharakter offen legt) alte und neue Jahrestraditionen beschreibt.

Ein derartiges Unterfangen erzeugt selbstredend Erwartbares: Sternsingen, Heringschmaus, Aprilscherz, Eierpecken, Erster Mai, Kürbiszeit, Adventkranz oder Kastanienklauben sind solch kollektive Ausnahmesituationen im Jahreslauf, über die Molden immer um einen Tick verschroben, also: erhellend und nie von oben herab, erzählt.

Urbanes Brauchtum jüngeren Ursprungsdatums sind dagegen: Badebeginn (Anfang bis Mitte Mai), Drachensteigen (herbstlicher Brauch im Dienste der Aufklärung: "Wo sonst können Kinder so schön die Fehlbarkeit und Wut ihrer Väter studieren?"), Weltspartag (am 31. Oktober 1925 wurde erstmals in Wien weltgespart) oder eben Winterreifenwechsel.

Beispiel Reifenwechsel, Ende des Winters: Furtlehner heißt Moldens Mechaniker, das moderne Winteraustreiben sei "keineswegs ein profaner Brauch, sondern tief ins Unterbewusstsein des Menschen und in seine Restinstinkte den Wechsel der Jahreszeiten betreffend gedrungen". Geht Furtlehner ins Reifendepot, holt er die neuen Patschen, ist Molden, wie bei jeder gehörigen Tradition, ergriffen: "Ich schließe die Augen, und jetzt bleibt nur der Geruch: Frühling in der Stadt. Alter Gummi, der Duft zunächst muffig und feucht, im Abgang aber lebensbejahend, ja frivol!"

Ein letztes Beispiel: Firmung, vollzogen alljährlich an einem Junimorgen. "Alle Freuden des Buben und beinah alle des Mannes" seien, stellt Molden fest, an diesem Tag erstmals gleichzeitig zu ertragen: der neue Anzug, am Handgelenk eine Seiko, die kindische Fiakertour - und ein erster, hochoffizieller Rausch mitsamt sanktioniertem Speiben.

Wolfgang Paterno in FALTER 4/2004



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