Hungerkünstler in Wien. Eine verschwundene Attraktion (1896-1926)

Peter Payer


Wie riecht Wien?

Vor zehn Jahren publizierte Peter Payer seinen ersten Zeitungsartikel zum Thema Wien - mittlerweile hat der Historiker und Ausstellungsmacher eine neue Form der Metropolenforschung etabliert. Porträt eines rastlosen Stadterforschers.

Eines Tages begann Peter Payer das Unmögliche. Er machte sich auf den Weg, und er erfand Wien neu. Payer marschierte schnurstracks dorthin, worum andere einen großen Bogen machten. Er war regelrecht berauscht von seinen verschlungenen Wanderungen, vom Eigenbrötlersein, von der Wien-Erforschung, bei der er besonders die Zwischenräume, die Alltagsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erkundete. Payer verfeinerte, fast zehn Jahre ist das nun her, planvoll die Beobachtung des Abseitigen: Er führte etwa Gespräche mit Wartefrauen, er inventarisierte WC-Anlagen, er schrieb und publizierte eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten. Er gab einen vergriffenen Memoirenband heraus: "Leben, Meinungen und Wirken der Witwe Wetti Himmlisch", Toilettefrau zu Wien, erstmals erschienen 1906. Die weiteren Forschungsthemen, Leidenschaften von Peter Payer, rastloser Stadterkunder, ruheloser Stadterforscher? Urbane Phänomene wie Hungerkünstler, Abfall, Lärm, Brücken, Glocken, Stadtimage, Aussichtspunkte, Litfaßsäulen, Hupverbote oder Hausmeister. Erst jüngst veröffentlichte Payer den Band "Ansichtssachen": Die Grätzelforschung versammelt zahlreiche, zwischen 1945 und 1980 entstandene Fotos aus dem 20. Bezirk. In der Brigittenau, einem Lieblingshieb, kuratierte er kürzlich auch eine Ausstellung, eine Geschichte der Bezirkswirtshäuser von 1900 bis 1960. Er hat dabei Fotos von historischen Bierhallen und Weinhäusern sowie sepiabraune Bilder von Stammtischrunden mit derben Vorstadtgesichtern ausgegraben, fern jeder touristisch verbrämten Gemütlichkeit. Und er hat ein schönes Nestroyzitat wieder entdeckt: "Im Haus schmeckt einem der beste Trunk nicht; im Wirtshaus muss man sein, das ist der Genuss, da ist das schlechteste Gsäuf ein Hautgout." So funktioniert das Prinzip Payer: Er erschließt Details, Randständigkeiten, die sich alsbald zur großen Geschichte der Stadt, zum Panoramabild fügen können, weitläufig und bodenständig zugleich. Seine Expeditionen wirken sehr oft wie eine wissenschaftliche Beglaubigung eines Buchtitels von Gerhard Roth: "Eine Reise in das Innere von Wien."

Die Feldforschungsmethoden hat Payer, 43, mittlerweile verfeinert. Seine Füße stecken in schwarzen Halbschuhen, vier Ösen, zwei Haken, Schnürung bis über den Knöchel, er kann jederzeit zu einer Exkursion aufbrechen; ein schwarzes Notizbuch, Marke Moleskine, steckt in der Innentasche des Sakkos. Die Haare sind ergraut seit seinem ersten Zeitungsartikel zum Thema jüdische Brigittenau, erschienen am 21. Juli 1995 in der Wiener Zeitung, die Universitätsstudien sind fürs Erste abgeschlossen, die vielen gravitätischen Titel vor seinem Namen stehen in auffälligem Kontrast zur anhaltenden Quirligkeit: Spricht MMag. Dr. phil. Payer, Historiker, Raumforscher und Research-Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften, über Wien, ist er nach wie vor um Bändigung der Gesichtsmuskeln und Gefühle bemüht. An jene Augenblicke erinnert er sich wohl sein Lebtag lang, ohne lange nachdenken zu müssen. Es war 1980, Payer saß in der Südbahn auf dem Weg nach Wien, aus Leobersdorf, 3600 Einwohner, 12,34 Quadratkilometer Gemeindefläche, kommend. Das erste Mal am Südbahnhof, die ersten Stadteindrücke: Die Leute gehen hier schneller als im Dorf! Keiner kennt keinen, kein Gruß und Gegengruß bei Zufallsbegegnungen. Wie benütze ich eine Rolltreppe?

Die Fahrt mit dem 13A vom Bahnhof zur Uni", erinnert sich Payer, "das war jedes Mal wie Kino, spannend, faszinierend. Entweder mit der Linie D oder mit dem 13A, damals noch ein Doppeldeckerbus. Die Fahrt durch die Anonymität der Großstadt, immer oben ganz vorne." Spricht Payer über Wien, die größte Kleinstadt der Welt, fallen oft Worte wie "faszinierend", "unglaublich", "ein Wahnsinn". Andererseits verhält er sich sehr unwienerisch: Er spricht Namen von Fachkollegen, wie in Wien üblich, nicht mit Schaudern aus, er lässt Situationen auch nicht wienerisch eskalieren, indem er Raunzen und Jammern mit Argumentieren verwechselt. Seine Beziehung zu Wien ist die Geschichte einer anhaltenden, ungeminderten Faszination. Und jener Blick auf die Geschichte der Stadt, den er von Anfang an kultivierte, ist mittlerweile auch in Wien eine etablierte Art der Metropolenforschung, die sich, wie in anderen europäischen Großstädten längst üblich, im Schnittbereich von Stadtgeschichte, Sinnesgeschichte und Umweltgeschichte bewegt. Payers Forschungsschwerpunkte: Sinneswahrnehmung in der Großstadt, die Funktionsänderung urbaner Räume, verschwindende Berufsgruppen, religiöse und ethnische Minderheiten.

Zu verklärend, zu nostalgisch darf die städtische Untersuchung allerdings nie werden: Die Suche nach Wiener Typen, nach der Lavendelverkäuferin und dem Maronibrater, sind und bleiben Payers Themen fürs Feuilleton. Das touristisch aufgeputzte Wien ist nur von mäßigem Interesse, wichtiger ist das Leben in der Vorstadt. Überhaupt, die Vorstadt: Payers hauptsächliche Ideenlieferantin.

Der Praktiker unter den Historikern kann natürlich auch in Sachen Theorie glänzen: "Mein Forschungsgebiet sind die sozialen, ökonomischen und kulturellen Transformationen der europäischen Großstadt auf ihrem Weg in die Postmoderne", sagt er. Mehr praktisch, weniger theoretisch formuliert: "Das Wichtigste ist, Fragen an die Stadt zu stellen." Wie riecht Wien? Wie wirkt die Stadt in der Nacht? Wie hört sie sich an? Das sind Fragen, die seit je Payers Aufmerksamkeit anziehen. Zur Frage Stadt und Lärm, Beobachtungszeitraum zwischen 1850 und 1914, plant er einen Wälzer; bald soll auch ein Band mit einigen Hundert Ansichtskarten zum Thema "Wien bei Nacht" erscheinen.

Payer ist, im positiven Sinn, ein Getriebener der Stadt. Im zweiten Bezirk, in einer Seitengasse der Oberen Augartenstraße, hat er sich seine Wien-Werkstatt eingerichtet: Im Buchregal steht spezifische Literatur, das Czeike-Lexikon, Bücher von Daniel Spitzer, Alfred Polgar, Joseph Roth, Friedrich Schlögls "Wiener Blut" und "Wiener Luft", daneben Theoretisches zur Stadterforschung. In vier Alben stecken Postkarten und Fotografien mit Wien-Ansichten. Ausgerissene Zeitungsartikel sind an die Wand gepinnt, etwa "Brite setzt neue Rülps-Maßstäbe: 110,5 Dezibel Lautstärke". Auf einer Zither ist die Unterschrift von Anton Karas zu sehen - Payer bereitet für die Gebietsbetreuung Brigittenau gerade eine Ausstellung über den Musiker und Komponisten vor, die Anfang Juli eröffnen soll. Auf den Rücken zahlreicher blauer und roter Ordnern stehen Begriffe wie "Hausmeister", "Geruch", "Wind", "Paryzek" und "Delmont". In Payers Stadtforschungslabor dominieren in den Regalen die Farben Blau und Rot. Auf dem Schreibtisch liegt eine von Hand geschriebene Liste: dreißig Stichworte. Dreißig Projekte. Dreißig Fragen an die Stadt.

Arbeitstechnisch gesehen ist Payer eine multiple Persönlichkeit. Für die Herbstausstellung "Die Motorisierung der Großstadt" des Technischen Museums fungiert er als Berater und wissenschaftlicher Mitarbeiter. Im September soll eine Publikation zum 60-Jahres-Jubiläum der MA 48, der Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft und Straßenreinigung, erscheinen, mit interessanten Randbemerkungen wie etwa einer kleinen Geschichte des öffentlichen Papierkorbs. Ebenfalls noch heuer wird das Wien Museum eine Ausstellung über Bahnhöfe eröffnen - Payer wird dazu einen Katalogbeitrag über den Westbahnhof bei Nacht beisteuern. Im Fachblatt dérive, der Zeitschrift für Stadtforschung, soll nächstes Jahr eine von Payer betreute Sondernummer zum Schwerpunkt Stadt und Hören erscheinen. Für 2007 plant Payer zudem eine Ausstellung über den 1998 verstorbenen Filmplakatmaler Eduard Paryzek in der Stadt-und Landesbibliothek - deshalb der prallvolle Paryzek-Ordner im Regal. Bereits am 16. März eröffnet nun die Ausstellung "Über Brücken", für die Payer das Thema Brücken in der Brigittenau genauer unter die Lupe genommen hat (siehe Kasten). Über den Brigittenauer Joseph Delmont, Schriftsteller, Filmpionier, Artist und Dompteur, der von 1873 bis 1935 lebte und sich auf Fotos gern als wilder Mann mit Cowboyhut und Stummelzigarette ablichten ließ, will Payer auch irgendwann schreiben. Delmont ist so eine Figur nach seinem Geschmack.

Das Hinterhofbüro im zweiten Bezirk ist die Zentrale, über die Stadt sind Vorortposten verteilt. Ein Heuriger namens "3-Kugel-Schachinger", auf dessen Vorplatz drei historische Türkenkugeln zu sehen und anzugreifen sind. Die Ringstraße, auf der hin und wieder die alten Straßenbahngarnituren kreuzen: Bim-Gedröhne, das vom beinah geräuschlosen ULF, Ultra-Low-Floor-Wagen, allmählich abgelöst wird. Der Kahlenberg und seine Vogelperspektive auf Wien: Warum, fragte sich Payer einst, keine Geschichte des Blicks von oben, des Auf-die-Stadt-Schauens schreiben? Warum keine urbane Geschichte des Glockenläutens, des Autohupens schreiben? Warum die Stadt nicht mit allen Sinnen begreifen? "Ganz wichtig ist", sagt Payer, "einfach so durch die Stadt zu flanieren, ohne Sinn und Zweck. Ich nehme mir das immer wieder mal vor, als Tagesziel: ,So, heute gehst du nur durch die Stadt.'" Er schnürt dann seine schwarzen Stiefel, kontrolliert, ob das Notizbuch im Mantel steckt, und geht, gemessenen Schritts, hellwachen 180-Grad-Blicks, alle Sinne offen, auf Wien-Erforschung.

Wolfgang Kralicek in FALTER 10/2006



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