Der Zaun. Ein Text- und Fotodokument über die Geschichte des Zauns

Durst Phototechnik (Hg.)


An den Prosaminiaturen von Andreas Münzner seien lauter Romane verloren gegangen, lobten gleich mehrere Rezensenten. Ganz richtig: verloren gegangen. Es sind eben keine Romane (und sollten es wohl auch nie werden), sondern ganz absichtsvoll: Anekdoten, Biografie-Extrakte, Berichte von Ereignissen oder Dingen, die nicht mal den Status des Ereignisses erreichen. "Geographien" nennt sich der Band, und neben dem titelgebenden Teil enthält er noch zwei weitere Kapitel namens "Chronologien" und "Materialisierungen".

Es ist wohl die realitätsgerechtere Variante, passend ins 21. Jahrhundert: Miniatur statt Epos, kurze Texte im Berichtstil - so kurz und emotionslos, wie sich Bekanntschaften heute eben gestalten. Erzählt wird von den banalen und schwerwiegenden Schicksalen des Herumziehens, Weiterlebens, Entscheidens, und dass daraus keine literarische Talkshow wird, verdankt Andreas Münzner vor allem seiner Hellhörigkeit sprachlicher Valeurs und seiner Aufmerksamkeit für das Flüstern und Rascheln im Dickicht des Sozialen.So schlicht wie verfänglich: "Über Liebende" steht als Untertitel auf dem neuen Buch von Katharina Faber. Die 28 Prosastücke des Bandes "Mit einem Messer zähle ich die Zeit" - manche davon sind nur einer Seite lang, eine umfasst dafür über dreißig Seiten - erzählen von den Versehrtheiten der Liebe; von Betrug wie Behinderung, von der ewigen Sehnsucht und ihrer langwierigen, mittelfristigen oder allzu kurzweiligen Erfüllung. "Ich" sagt die Gier in einem der Texte. Diese Geschichtenbruchstücke kennen oft kein Zuvor und kein Danach, an Verben spart Katharina Faber gerne (es ist, wie es ist, sagt die Liebe). Ihre Sätze hinken, hüpfen, rasen fort oder flanieren: Ihre Sprache passt sich ihrem Gegenstand an und ist so vielperspektivisch und vertrackt wie die Liebe selbst. Und wie bei der Liebe scheint auch hier jeder Satz oder Halbsatz stets noch andere Wege zu weisen und wieder alles komplizierter zu machen. Und gleichzeitig alles so ganz richtig zu treffen. "Die Krankheit unserer Sprache heißt ,Mein' und ,Dein' und dass wir getrennt bleiben müssen", steht an einer Stelle zu lesen. Diese Trennung ist des Dichters Glück, weil immerwährender Anlass des Schreibens - das Glück auch Katharina Fabers und ihrer Leser.

Wer etwas hat, der baue schnell einen Zaun herum, damit es niemand anderer besetzt: So bedenklich das Errichten von Grenzen und abgesteckten Terrains in Zeiten von "Gated Communities" erscheinen mag, so haben Zäune doch immer auch die Funktion von Schutz und Landschaftsstrukturierung. In Bild und Text führt der Band "Der Zaun" zu traditionell-beschaulichen Einfriedungen in Tirol und deren Bedeutung im bäuerlichem Rechtsdenken und Brauch. Ein anderer Aufsatz widmet sich dem Zaun in einem eher philosophischen Sinn: den Grenzen, die niemand mehr materiell errichten müsste, weil sie ohnehin da sind. Ein Teil des Buches zeigt Fotos und Grafiken, die im Rahmen eines Wettbewerbs zum Thema letzten Sommer in Innsbruck entstanden sind.

Karin Schuster in FALTER 9/2006



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