Tröstliche Parallelen. Gedichte

Alfred Kolleritsch


Enge von Graz ist immer da

Alfred Kolleritsch, ein Doyen der österreichischen Literatur, feiert seinen 75. Geburtstag. Von Graz aus hat er vielen Autoren zu internationalen Karrieren verholfen. Heute blickt er voll Unruhe zurück. Ein Gespräch.

Beim Betreten des unaufdringlich klassisch-mondänen Büros im Grazer Palais Attems werden wir mit sanften Mozartklängen empfangen. Alfred Kolleritsch erhebt sich von seinem ausladenden - von Büchern belagerten - Sekretär. Seit nunmehr zehn Jahren, seit sich Kolleritsch - begleitet von wilden Gefechten und einigem Groll - von seinem langjährigen Lebenspartner Forum Stadtpark abgewandt hat, residiert die im europäischen Raum agierende und international angesehene Literaturzeitschrift manuskripte im Zentrum der Stadt. Der Schriftsteller Walter Grond hatte damals die Präsidentschaft des Forums von seinem "literarischen Ziehvater" und Forum-Mitbegründer übernommen. Nach zweijähriger Präsidentschaft musste Grond das Haus verlassen. Der Bruch mit Kolleritsch ist wahrscheinlich nur ein Grund dafür. Grond verarbeitete seine Erlebnisse im Schlüsselroman "Der Soldat und das Schöne", in dem Kolleritsch mit schweren Anschuldigungen konfrontiert wurde. Ein Thema, das ihn auch heute noch emotional sehr berührt. Kolleritsch ist aber nicht müde geworden, über seine bewegte Vergangenheit zu sprechen. Die notdürftig zusammengebastelte erste manuskripte-Ausgabe zur Forum-Eröffnung im Jahre 1960, seine Erlebnisse mit der Grazer Gruppe rund um Peter Handke und Wolfgang Bauer, seine Auflehnung und das Anschreiben gegen die reaktionären Tendenzen in der Literatur der Sechziger, die ewiggestriges Gedankengut noch lange nicht verbannt hatte. Trotz seines umfangreichen literarischen Schaffens - von der Kritik geschätzt und bereits in den Literaturkanon eingegangen - stand gerade die soziale Person Kolleritsch sehr oft im Vordergrund, für die Öffentlichkeit wie für die Kritiker. Als Ermöglicher oder Verhinderer, als Mann mit den besten Kontakten zur Politik, als Despot oder als Verfechter literarischer Qualitäten. Oder wie Peter Handke es formulierte: "Alfred Kolleritsch ist ein freundlicher Mensch mit einem ziemlich bösen Blick." Darüber hinaus mit einem sehr geschärften Blick für die Dinge des Lebens, galt er doch immer als stark philosophischer und zugleich im Denken komplexester Literat im Umfeld der Grazer Gruppe. Literatur ist für ihn per se politisch, ohne dass sie sich dazu explizit äußern muss. Aber wenn ihm etwas gegen den Strich geht, kann er schon mal direkt werden. Die Marginalien, die das Vorwort der manuskripte darstellen, dienten nicht selten als politisches Kampffeld. Sein aktueller und elfter Lyrikband ist soeben zu seinem 75. Geburtstag erschienen, nennt sich "Tröstliche Parallelen" und ist eine Sammlung der in den letzten zwei Jahren entstandenen Gedichte. Der Falter sprach mit ihm über körperliche Befindlichkeiten, literarische Qualität und seine Rolle im Literaturbetrieb.

Falter: Herr Kolleritsch, Sie werden jetzt 75. Wie fühlen Sie sich gesundheitlich?

Alfred Kolleritsch: Eigentlich ganz gut. Es gibt schon kleine Gebrechlichkeiten, die aber Jüngere auch haben. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden.

Können Sie uns etwas von Ihrem neuen Lyrikband erzählen?

Es sind sehr kurze Gedichte. Momente des Wahrnehmens, die ich versucht habe, in Sprache umzusetzen. Mit einem bestimmten Rhythmus. Sprachliche Blitzlichter eigentlich. Gegebenheiten von inneren und äußeren Zuständen.

Wenn man die österreichische Literatur der letzten zwanzig Jahre anschaut, dann dominiert die Selbstreflexivität.

Das kritisiere ich nicht. Ich habe mich zu sehr damit beschäftigt, ich habe auch viele solche Sachen in den manuskripten abgedruckt. Aber das ist nicht meine Art. Es hat ja den Absturz gegeben in der Lyrik. Jetzt erscheinen wieder, auch von jungen Leuten, Gedichtbände. Ich glaube aber nicht, dass es momentan einen genau beschreibbaren Trend gibt.

Worauf führen Sie diesen Absturz zurück?

Es war die Zeit Ende der Sechzigerjahre, wo man ihr aus politischen-weltanschaulichen Gründen abgeschworen hat, in der Meinung, dass sie Gesellschaft nicht verändert. Wie der Satz von Adorno "Lyrik ist nach Auschwitz nicht möglich". Ein Kampf gegen den privaten Subjektivismus. Aber das hat sich wieder ausgeglichen. Man weiß, dass Poesie eine Möglichkeit ist, mit der Welt und den Situationen umzugehen, und ich finde auch, dass das wieder so sein soll.

Sie haben einmal gesagt, dass jede Form von Literatur politisch ist.

Naja. Das war so eine kleine Auseinandersetzung zwischen Michael Scharang/Elfriede Jelinek, Peter Handke/ Alfred Kolleritsch, die in letzter Zeit via Jelinek wieder auftaucht. Da ging es um die Funktion der Literatur. Die einen waren der Meinung, dass in den manuskripten zu wenig Gesellschaft wahrgenommen wird. Die anderen, dass Poesie doch eine Kraft ist, die auch eine politische Funktion haben kann. Ich habe damals geschrieben, aufgrund unserer Situation ist das konkrete Gedicht, das Lautgedicht, ein politisches Gedicht. Weil es aufwühlender war.

Hat sich da in den Jahrzehnten Ihr Zugang dazu geändert?

Ich glaube nicht. Begonnen hat es ja in der Enge von Graz. Die Enge von Graz ist ja potenziell immer da. Und ich selber habe es erlebt, dass die Literatur wirklich eine Funktion hat: Als Texte der Wiener Gruppe in den frühen manuskripten veröffentlicht wurden, hatte es in den Zeitungen einen richtigen Aufstand gegeben. Wer regt sich im Normalfall über Kunst schon auf, wenn es Poesie ist? Und genau diese Gedichte von Rühm, Artmann und Bayer waren später plötzlich in Schullehrbüchern drinnen. Wenn das keine Veränderung für das Sprachbewusstsein von Schülern ist?

Sie haben bis in die Achtzigerjahre den österreichischen Literaturbetrieb maßgeblich mitbestimmt. In den letzten 15 Jahren hat sich vor allem in der Rezeption einiges geändert. Wie sehen Sie die neue Situation für die Autoren?

Eine Rezeptionsveränderung hat zum einen dadurch stattgefunden, dass das Fernsehen seine Funktion, mit Literatur zu arbeiten, sehr eingeschränkt hat. In den Siebzigerjahren war bei Ereignissen wie Literatursymposien der ORF immer anwesend. Wenn Handke aufgetaucht ist, war ein Team da. Heute interessiert das keinen mehr. Man muss sich nur die "Seitenblicke" anschauen, da sieht man immer Leute, wo unten steht: Schauspieler oder Schauspielerin. Und dann ist irgendein Fest zu feiern, und man sieht, wie sie ein Buffet abfressen. Insofern hat der ORF diesen Bildungsauftrag völlig aufgegeben. Der Hörfunk auch.

Der Kultur-und Literaturbetrieb funktioniert vor allem auch über Seilschaften. In den "manuskripten", so hört man, zähle ausschließlich die Qualität des Textes. Was macht die Qualität eines Textes aus, die ihn zur Aufnahme in die "manuskripte" berechtigt?

Die Frage ist am schwersten zu beantworten. Man kann beispielsweise Qualitätsfußball vom schlechteren unterscheiden. Für mich spielt die langjährige Erfahrung eine große Rolle. Und es gibt einen Konsens, wo zu achtzig Prozent diejenigen, die sich mit Literatur beschäftigen, zu ähnlichen Urteilen kommen. In der Fülle der eingereichten Texte merkt man es oft schon bei der ersten Seite. Da gibt es Wortsignale, an denen ich merke, das kann nicht gut sein: wenn einer mit Kopfschmerzen aufwacht und ihm übel ist und so weiter. Das sind nur Klischees. Ich vergleiche mich als Herausgeber immer mit einem Fußballtrainer: Jedes Heft ist eine Mannschaft, die man aufstellt, da können gute dabei sein, schlechte dabei sein. Was mich im Augenblick freut, ist, dass in Graz wieder viele gute Leute da sind, mit denen man auftreten kann.

Wer zum Beispiel?

Die Gerhild Steinbuch an vorderster Front. Auch Olga Flor. Die waren alle in den manuskripten. Der Johannes Schrettle ist gut. Das Wesentliche für Graz wäre: Die jungen Leute dürfen kein Selbstmitleid haben, wenn sie nicht veröffentlicht werden. Ich glaube, in Graz ist momentan wieder ein großer Zustrom da, wo man sagen kann, das ist keine neuere Literatur, sondern die qualitätsvolle Literatur geht weiter.

Kommt man an der Person Kolleritsch vorbei, wenn man sich als Grazer Jungliterat etablieren will?

Ja, warum nicht. Natürlich, durch mein Alter und das der Zeitschrift passiert es, dass ich gefragt werde, warum kommen gewisse Autoren nicht zu dir? Da sagt man, die haben Angst vor mir. Man muss vielen Menschen weh tun. Es geht ja nicht anders. Es ist ein schönes und ein trauriges Geschäft, so eine Zeitschrift zu machen.

Was bedeutet für Sie der politische Wechsel vom letzten Herbst im Land? Sie sind ja einer liberalen ÖVP-Kulturpolitik immer nahe gestanden.

Ich kenne keinen Literaten, der, ich weiß nicht, ob ich das so verraten soll, der wirklich im Herzen ÖVP-nahe war. Ich habe das beste Einvernehmen mit dem Sinowatz gehabt, der ist nach Graz gekommen, um Fußball zu spielen, der Kreisky ist ins Forum Stadtpark gekommen. Ich habe eigentlich von den Wiener Roten die meiste Zuwendung bekommen. Hier wurde bis zum Zeitpunkt dieser Wahl die Kulturpolitik von ÖVP-Menschen betrieben. Es hat sich ja der ehemalige Landeshauptmann Krainer viel angehört von uns. Die ÖVP hatte eine starke Neigung zu den Freiheitlichen, die immer unser wirklicher Gegner war. Wir waren aber nie ÖVP-feindlich, ich weiß keinen Grund, warum denn.

Welche Möglichkeiten sehen Sie mit einer neuen Kulturpolitik der SPÖ?

Die Politiker, was können die für eine arme Literaturzeitschrift machen? Dass sie weiterhin subventioniert wird. Man muss, was die rote Kulturpolitik betrifft, leider sagen, dass die für uns in den ersten 25 Jahren nur eine geringe Rolle gespielt hat, weil sich ja niemand gekümmert hat um uns.

Zur skandalträchtigen Geschichte mit Walter Grond. Er sagte, die Grazer "Kulturmafia" habe ihn aus der Stadt gejagt. Und in "Der Soldat und das Schöne" hat er sich als Vatermörder betätigt. Wie kam es zum Konflikt?

Da kann ich nur vermuten. Wir haben viel zusammen gemacht, er hat aber gleichzeitig begonnen, sich hinter meinem Rücken zu engagieren, was sein gutes Recht ist. Was in "Der Soldat und das Schöne" steht, ist eine Verlogenheit sondergleichen. Alles, was wir ihm als Freund erzählt haben, auch Sexualdinge, hat er verraten. Und immer, wenn ihm etwas nicht gelungen ist, war ich schuld.

Ist dass nicht vielleicht so, dass sich jeder Sohn irgendwann aus dem Machteinfluss des Vaters lösen will?

(Kolleritsch zögert lang, bevor er antwortet:) Der Grond war einer der gefördertsten Autoren. Da hat es keinen Vater gegeben. Ich mag diese Metaphern auch nicht, wie "untreuer Sohn". Ich war ihm aber sicher eine helfende Hand.

Die Geschichte berührt Sie aber nach wie vor?

Natürlich. Gerade ist mir wieder die Geschichte begegnet, dass ich den Schwab verhindern wollte. Ich habe das erste Buch von Schwab an den Residenz-Verlag vermittelt. Ich habe Grond vorgeschlagen als Forum-Präsident. Grond sagte: "Ich übernehme das Forum, obwohl ich in Graz das Literaturhaus machen will." Ja wie denn, sag ich, du bist doch Literaturreferent im Forum. Da hat doch der Grond die Entwicklung eines Literaturhauses, das unabhängig ist vom Forum Stadtpark, beantragt.

Sie haben sich von Graz nie abgewendet, waren immer sehr stark hier verwurzelt.

Ich bin sicher ein reviertreuer Mensch. Mein Arbeitsplatz war auch wichtig, von der Literatur hätte ich nicht leben können. Ich hab damals vom Forum Stadtpark keinen Groschen Geld bekommen. Ich bin kein Reisender, aber auch kein Provinzmuffel.

Haben Sie den Spagat zwischen Unabhängigkeit und notwendigen politischen Kooperationen bewältigen können?

Ich habe jenen Spagat bewältigen müssen, den alle kulturellen Institutionen in Graz bewältigen haben müssen. Jeder, der subventionsabhängig ist, muss mit den Zuständigen verhandeln. Es ist ja öffentliches Geld und kein Parteiengeld. Ich habe aber nie aus Feigheit den Mund gehalten.

Haben Sie Kontakte in die Politik, die Sie als freundschaftlich bezeichnen würden?

Ich bin ganz gut mit dem Helmut Strobl (ehemaliger Grazer ÖVP-Kulturstadtrat, Anm. d. Red.). Die ÖVP hat das gut gemacht, die hat schnell mit allen Bruderschaft getrunken. Ich war zusammen mit Gerhard Roth beim Krainer oder Hirschmann. Die ÖVP hat den niedergeschimpft und hat dann noch Servas gesagt. Repressive Toleranz könnte man sagen. Aber wir haben uns schon gewehrt, wenn das Spiel böse geworden ist.

Es hat gegen die "manuskripte" einst Pornografievorwürfe gegeben. Wie sehen Sie den "25 Peaces"-Skandal?

Läppisch, diese Aufregung. Man sieht die verlogene Moral. Wenn etwas ein bisschen hinneigt zur Sexualität, dann wird es aufgebauscht.

Sie sind 75. Wie lange möchten Sie die "manuskripte" noch betreiben? Und gibt es schon Ideen, was die Nachfolge betrifft?

Ich bin kein Beamter, der ein Ablaufdatum hat. Der Wolfi Bauer hat immer gesagt, ich soll bei einer bestimmten Nummer aufhören.

Die "manuskripte" stehen momentan bei der 170. Ausgabe. Geht sich die 200. noch aus?

Hängt davon ab, wann der Tod eintritt. Aber man lebt ja heutzutage länger. Die Richtung Droschl Verlag wäre eine Möglichkeit. Die manuskripte sind durch Zufall entstanden, lassen wir es einfach geschehen.

Es besteht also überhaupt keine Amtsmüdigkeit?

Gar nicht. Es gibt ja so viele nette Menschen, mit denen man zusammenkommt. Die Feinde ist man eh schon gewohnt.

Tiz Schaffer in FALTER 7/2006



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