Shalimar der Narr

Salman Rushdie, Bernhard Robben


Geklotzt, nicht gekleckert

Salman Rushdie zeigt, wie man mit dem Hammer schreibt, und nähert sich in "Shalimar der Narr" dem islamistischen Terror mit Fabulierlust und eherner Faust.

Dass magischer Realismus und Aufklärung kein Widerspruch sein müssen, hat Salman Rushdie mit seinen großen Romanen "Mitternachtskinder" und "Die satanischen Verse" hinreichend bewiesen. Dass Rushdie sich mittlerweile, wie er selbst betont, wieder frei bewegen kann, darf man getrost als, zumindest temporären, Triumph der Freiheit über den Fanatismus ansehen. Diesen Triumph hat Rushdie in seinem neuen Roman "Shalimar der Narr" ein weiteres Mal Gestalt werden lassen, und zwar in der Figur der 24-jährigen India Ophuls, die in einem hollywoodreifen Showdown am Mulholland Drive dem fanatischen und fanatisierten Mörder ihres Vaters gegenübersteht.

550 Seiten zuvor hat der Roman mit der Ermordung oder vielmehr der Abschlachtung von Max Ophuls auf offener Straße begonnen, durchgeführt mit einem Messer vom Ehemann seiner ehemaligen Geliebten Boonyi Kaul, dem titelgebenden Shalimar, genannt der Narr. Mit und für India (die eigentlich Kaschmira heißt) rollt Rushdie in der Folge eine tragische Liebes-und Familiengeschichte auf und führt zunächst den Leser und später auch die toughe Wohlstandsgöre ins ferne Kaschmir, woher Rushdies Familie stammt und wo auch sein Roman "Mitternachtskinder" seinen Ausgang nimmt.

In Pachigam, dem Dorf der Künstler und Köche, werden Boonyi Kaul und Shalimar der Narr in jener Nacht geboren, in der eine Epoche zu Ende geht: Man schreibt das Jahr 1947, Indien und Pakistan haben sich vor zwei Monaten geteilt - der sogenannte Kaschmir-Konflikt hat soeben begonnen. 14 Jahre später, als die hinduistische Tänzerin und der moslemische Seiltänzer ein Paar werden, scheint die widerspenstig-tolerante Bergwelt noch intakt, wird das Paar noch ganz selbstverständlich gegen religiöse Engstirnigkeit verteidigt.

Aber die Keimzelle der Veränderungen, der Unfriede, den der im buchstäblichen Sinne Eiserne Mullah Bulbul Fakh sät, beginnt aufzugehen. Rushdie macht klar, dass nicht die Religion, sondern Neid und Anstiftung die eigentliche Ursache der Eskalation sind, die das "Paradies" Kaschmir in der Folge zerstören werden. Obwohl die Bewohner von Pachigam und dem Nachbardorf Shirmal den Eisernen Mullah zum Gespött machen, können sie weder Krieg noch die Fanatisierung der Bevölkerung aufhalten, an deren Ende die stolzen und unabhängigen kaschmirischen Frauen verschleiert gehen.

Auf der privaten Ebene wird Boonyi, einer unausgegorenen Idee von Freiheit folgend, die Kurtisane des US-Botschafters Max Ophuls, seines Zeichens Straßburger Jude, Dandy, Ladykiller und Weltenveränderer - aber damit nicht glücklich, sondern drogenabhängig und fett. Als sie nach ein paar Jahren desillusioniert heimkehrt, ihre Tochter Max' kinderloser Frau überlassend, bleibt ihr nur noch das Leben einer Untoten, die darauf wartet, dass ihr stolzer, starrköpfiger Ehemann den Schwur sie umzubringen auch wahr macht. Dieser verdingt sich, solange Vater und Schwiegervater noch nicht gestorben sind, als Widerstandskämpfer, avanciert zum Mitglied des globalen Dschihad, in dessen Auftrag er unter anderem einen algerischen Schriftsteller tötet.

Man sieht und ahnt: Auch in diesem Roman wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, nicht gefeilt, sondern gemeißelt, und bisweilen beschleicht einen der Verdacht, dass der Autor hier bewusst auf einen Weltbestseller zugeschrieben hat. Aber warum auch nicht? Salman Rushdie hat nicht nur die Bildung und das Talent dazu, sondern könnte tatsächlich als einer der ersten Vertreter einer neuen, globalisierten literarischen Perspektive bezeichnet werden, in der die ganze Welt Platz hat und als eine verstanden wird.

Angesiedelt in den Neunzigerjahren, in denen sich nach dem Fall des Kommunismus mit dem islamischen Terror bereits ein neuer Weltkonflikt Bahn schlug, sind die Schauplätze von "Shalimar der Narr" genauso weltumfassend wie dessen Repertoire an Genres und Stilebenen - vom Märchen bis zum Thriller, poetisch und sarkastisch, elegisch und schnoddrig, filmisch dicht und ausschweifend in 1001 Anekdoten und Nebenhandlungen.

Auch die Charaktere gehen eher in die Breite als in die Tiefe, ein Grund dafür, warum Tausendsassa Max Ophuls (vor allem in seiner mehr als aufgesetzten Rolle als Held der Résistance) oder seine Tochter India (eine Mischung aus Angelina Jolie und deren Filmrollen) einen nicht wirklich zu interessieren vermögen. Statt sich in die komplexen Windungen und Abgründe der menschlichen Psychologie zu begeben, kommt Rushdie der Wirklichkeit lieber mit einer ausladenden Fabulierkunst bei, die diese bei aller Unbarmherzigkeit auch immer ein bisschen zurechthämmert. Auf diese Weise wird man gut unterhalten und hinreichend belehrt - aber nicht erschüttert.

Literarisch am gelungensten scheint noch die Figur des tumben Ehrenmörders und halbherzigen Islamisten Shalimar, der die Paradoxien der Freiheit, wie sie Rushdie versteht und den Kaschmiri in den Mund legt, allerdings nie verstehen wird. "Die Freiheit, ein Fleisch essender Brahmane oder eine Heilige anbetender Muslim zu sein, zu Pilgerfahrten zum Eis-Lingam hoch oben im Permaschnee aufzubrechen oder sich vor dem Haar des Propheten in einer Moschee am Seeufer zu verbeugen . Die Freiheit, die Narretei der Größe vorzuziehen, doch niemandes Narr zu sein."Was ist nur mit den Tempelrittern los? Bis zum 700. Jahrestag ihrer Verhaftung am 13. Oktober 1307 (angeblich ein Freitag und ein möglicher Ursprung für die Unglückskonnotation dieses Tages) sind es noch zwei Jahre, die Aufhebung jenes geistlichen Ritterordens erfolgte 1312 (Bulle "Vox in excelso" Papst Clemens V.), und dennoch drängen schon jetzt vermehrt Bücher zu dieser Thematik auf den Markt. Ob das mit dem lustigen Abenteuerfilm "National Treasure" ("Das Vermächtnis der Tempelritter", 2004) zusammenhängt?

"Die Templer" sind vor Vorwürfen , einem Trend hinterherzuhecheln, allerdings gefeit, denn die Originalausgabe erschien bereits 1994. Anders als sein französischer Kollege Alain Demurger, dessen Buch gleichsam eine Innenansicht des Ordens vermittelte, blickt Malcolm Barber eher von außen auf die Geschichte der Mönchskrieger. Auch hier erwarten den Leser keine rasend neuen Erkenntnisse, aber eine gute Zusammenfassung des Forschungsstandes, ergänzt durch eine aktualisierte Bibliografie (Literatur bis 2004), ein passables Register, ausreichend Fußnoten sowie leider schlampige Lektorierung. Das letzte Kapitel "Von Molays Fluch zum Foucaultschen Pendel" beleuchtet auch noch allerlei Unfug, der mit dem Namen der Kriegerbrüder getrieben wurde und wird, und schließt mit Eco: "Der Irre zieht früher oder später immer die Templer aus dem Hut."

Genau diesen Satz zitiert auch Raymund Khoury. Leider beherzigt er ihn weniger, als dass er als Beweis für selbigen gelten muss. Der als Regisseur der Fernsehserie "Dinotopia" mäßig bekannte Khoury ließ sich für den Beginn seines Erstlingswerks "Scriptum" einen Reiterüberfall auf das Metropolitan Museum einfallen - inspiriert wohl vom Trashkultfilm "Die Nacht der reitenden Leichen" (Spanien 1971). Jedenfalls stürmen Tempelritter besagtes Haus und entwenden eine mittelalterliche Chiffriermaschine. Die braucht man, um die Karte zum Versteck des Tagebuchs Jesu lesen zu können, das selbstverständlich die Templer besessen haben. Zwei Archäologen, ein FBI-Mann und ein Geheimagent des Vatikan jagen diesen Schatz in Khourys in jeder Hinsicht schlichtem Thriller. Da liest man lieber zum wiederholten Male Ecos "Foucaultsches Pendel".

Martin Lhotzky in FALTER 6/2006



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