Das macht dich zum Mann. Die Mary Beth Storys

Heinz Wohlers (Hg.), Esther Breger, James Reidel


Sex in der Kleinstadt

Es lebe das Alterswerk: In seinem wunderbaren Roman "Landleben" erzählt John Updike aus dem Leben eines Kleinstadtcasanovas.

Vermutlich ist das auf der Seite vis-à-vis ohnedies nicht so arg anders, aber Männer sind in ihrer Wahrnehmung des weiblichen Geschlechts nicht übermäßig subtil. Schön, im Detail der körperlichen Präferenzen gibt es eine Reihe von Variablen, die sich zu einer dezent an der Zweistelligkeit kratzenden Anzahl von Mustern verbinden, aber im Großen und Ganzen ist es doch ein grobes System mit ein bisschen Graubereich: Frauen sind 1. a) begehrenswert oder b) nicht; man hat mit ihnen 2. geschlafen oder 3. nicht; und 4. ist die Differenz zwischen 3. und 2. immer grotesk hoch.

Auf dieser schlichten Arithmetik beruhen 73 Prozent der Weltliteratur und circa 98 Prozent des Werkes von John Updike. "Landleben", der jüngste Roman des amerikanischen Romanciers, der in einigen Wochen seinen 74. Geburtstag begeht, macht da keine Ausnahme. Und, um es gleich vorwegzunehmen: Das ist gut so.

Die genuinen literarischen Qualitäten eines Buches haben mit dem Inhalt bekanntlich nur peripher zu tun. Wichtig ist also nicht (nur), was man schreibt, sondern wie man's tut. Die Updike'schen Helden etwa haben mit jenen Michel Houellebecqs sicher einiges gemeinsam: Sie wollen ziemlich oft von ziemlich vielen Frauen so ziemlich dasselbe und sind dann doch auch immer wieder erstaunt und dankbar, wenn sie es tatsächlich kriegen. Letztendlich, mutmaßt der alte Owen Mackenzie, dem diese Frage seit Knabentagen im Kopf herumgeht, ist es das Arterhaltungsprogramm ("ihre Körper wussten, dass sie gute Kinder machen würden"), das dazu führt, dass auch die Frauen ficken wollen. Es würde sich allerdings ohne Begleitromantik nicht durchsetzen, weswegen die abwechslungsreiche erotische Biografie Owens - er ist mittlerweile in seinen Siebzigern und in zweiter Ehe seit über zwanzig Jahren mit Julia verheiratet - dann durchaus in ein poetisches Licht getaucht wird: "Owens Vergangenheit ist wie ein hoch ins Licht gehaltenes Blatt tintenblauen Seidenpapiers, sodass die hineingestochenen Löcher leuchten: Diese Sterne sind die Frauen, die sich von ihm ficken lassen."

Das hätte Michel Houellebecq so nicht geschrieben. Dabei hat der kühle, kultivierte Amerikaner mit dem mürrischen Franzosen noch etwas gemeinsam, was über das ohnedies unspezifisch breite Thema "Sex" hinausgeht: So wie Houellebecq in seinen Romanen der Biotechnologie breiten Raum widmet, so nimmt Updike in "Landleben" die Computertechnik ins Visier; allerdings weniger, um daran hochfliegende anthropologische Spekulationen und düstere Zukunftsszenarien zu knüpfen, sondern um - ganz angloamerikanischer Pragmatiker - seinen Protagonisten mit einem soliden beruflichen Background auszustatten, der dessen soziales und damit letztlich auch sexuelles Umfeld plausibel macht.

Im vor zwei Jahren erschienenen Original heißt der Roman "Villages". In einem "Dorf", der 4000-Seelen-Gemeinde von Willow, Pennsylvania, wächst Owen auf, begibt sich dann, als die Textilfabrik schließt und der Vater arbeitslos wird, tatsächlich "aufs Land", um später dank eines Stipendiums am berühmten Massachusetts Institute of Technology zu studieren (wo er seine spätere Frau Phyllis - eine von 120 Frauen unter 6000 Männern - kennen lernt), in der Pionierphase seines rapiden beruflichen Aufstiegs als Angestellter bei IBM kurz ins laute Großstadtleben von New York abzutauchen und danach endgültig "aufs flache Land" zu ziehen: Auf Initiative seines Freundes und Kollegen, des wenig attraktiven und erotisch entsprechend unambitionierten Ed ("wer braucht schon Sex, wenn man Software haben kann"), ziehen die Mackenzies nach Middle Falls ins tiefe Connecticut, wo - "jenseits des Computergürtels" - die Kosten niedrig und, wie sich noch herausstellen soll, die Ehefrauen gelangweilt und entsprechend abenteuerlustig sind. In Middle Falls beginnt denn auch Owens Karriere als Kleinstadtcasanova, die so wenig geplant zu sein scheint wie der Kinderreichtum der Mackenzies.

Landleben" ist ein würdiges und meisterhaftes Alterswerk, das seinen Reiz aus der klugen und souverän gehandhabten Erzählökonomie bezieht: Genauigkeit im Detail - sowohl des Ehebruchs als auch des Ehelebens - steht die Großzügigkeit im Aussparen gegenüber: So erfahren wir etwa über die insgesamt vier Kinder von Owen und Phyllis weniger als über die Umstände des ersten Ehebruchs oder die Entwicklungen der Computerbranche, deren Dramatik schließlich dazu führt, dass Ed und Owen die gemeinsame Firma an Apple verkaufen, und die Updike ebenso geschickt zu kleinen Panoramen gesellschaftlicher Veränderung ausbreitet wie die Affären seines Protagonisten, die in den Siebzigerjahren kürzer, sachlicher und athletischer werden: "Das neue Jahrzehnt war angeschlagener und härter gesotten. Weibliche Körper wurden gestählt, als Sport und Diät eine Form feministischer Selbstbehauptung wurden. Drogen und Promiskuität hatten für spirituelle Gesundheit gesorgt, jetzt war die körperliche Kondition an der Reihe."

All das wird von John Updike nicht bloß mit der Routine eines alten Hasen in Sachen Frauen und Fiction ausgebreitet, sondern mit einer zärtlichen Sachlichkeit, die man bei geringeren Talenten oft schmerzlich missen muss. Vielleicht - und auch davon vermittelt "Landleben" eine von Hoffnungsfunken gesprenkelte Ahnung - hat das Alter doch auch seine Reize, zumindest aber seinen Trost: "Sein Herz schlägt noch, seine Prostata ist noch unversehrt, nur seine Aufnahmefähigkeit für Julias Signale ist vermindert. Dennoch empfindet er ihre enttäuschte Aufmerksamkeit als wohltuend und tröstlich, und jeden Abend, wenn er im Bett liegt und das Buch in den Händen schwerer wird und immer weniger Sinn ergibt, hofft er, Besseres zu leisten."

Keep on trying, Owen! Keep on writing, Updike!!Zugegeben, es ist noch ein wenig früh, um das ehrgeizige Unterfangen Heinz Wohlers zu beurteilen, der sich vorgenommen hat, einen schweren Fall der Literaturgeschichte öffentlich zu machen. Das Projekt existiert zwar schon seit einigen Jahren - seit 1999 publiziert der Verleger Appetithäppchen aus dem Werk des US-Autors Robert Lowry -, aber weil er es lange nicht gewagt hat, die Shortstorys des 1919 geborenen Vorreiters der Beats auch zu übersetzen, liegen erst wenige auch auf Deutsch vor. Die allerdings machen Hunger auf mehr. Lowry, bislang nur als Romancier bekannt, hatte in den 1930ern eine eigenwillig räudige Poetologie entwickelt: Nur das selbst Durchlebte wurde von ihm als literarischer Stoff akzeptiert. Entsprechend groß war der Bedarf an Grenzerfahrungen, die zu kargen Alltags-und Sittenbildern verarbeitet werden konnten. In den drei Geschichten des von Wohlers verlegten Robert Lowry Journal Nr. 5, in dem von Wohlers besorgten Dossier der Nr. 16 des Literaturmagazins Laufschrift und in den von Wohlers herausgegebenen Storys "Das macht dich zum Mann" spiegelt sich der immer gleiche Themenkomplex in Einzelfacetten: Gewalt im täglichen Miteinander.

Die sprachliche Dichte Lowrys lässt an Hemingway denken - nur dass die Sätze nicht schön geschliffen sind, der enge Kosmos der Unterschicht nie verlassen wird und für Helden kein Platz ist. Im Guten können Lowrys Figuren nicht miteinander. Vor allem der letztgenannte Titel - drei in eine Abtreibung mündende Beziehungsdramen - kommt so trocken wie ein Faustschlag daher. Noch freilich bleibt der Autor, der den Begriff "Beat Generation" als seine Erfindung reklamiert hat, ein Puzzle mit vielen Leerstellen. Noch fehlt es vor allem an biografischem Material, das ein Leben in Rausch und Wahn mit der Arbeit zusammenführt. Aber langsam Es ist eine äußerst ambivalente und abgründige Figur, der sich Wohlers da angenommen hat. Nach der heimlichen Beschneidung seines Sohnes musste Lowry 1952 in die Psychiatrie eingewiesen werden. Der Antirassist mutierte zum Antisemiten und paktierte mit der American Nazi Party, bevor er für die letzten drei Lebensjahrzehnte in geistiger Umnachtung versank.

Martin Droschke in FALTER 5/2006



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