Art Now. Vol. 2

Uta Grosenick


In regelmäßigen Abständen gibt der Taschen Verlag preisgünstige, dreisprachige Kompendien zur Gegenwartskunst heraus. "Art Now - Vol. 2" versammelt wieder 136 Zeitgenossen, von denen etliche schon in den vorhergegangenen Bänden vertreten waren. Es geht dem Verlag also weniger darum, neue Künstlerinnen und Künstler vorzustellen, als ein "Who's who in der zeitgenössischen Kunst" zu liefern. Die Namen von Franz Ackermann (siehe Foto) bis Erwin Wurm spiegeln weitgehend den internationalen Kunstmarkt wider. Schließlich gehört der Verleger Benedikt Taschen, der mit erschwinglichen Kunstbüchern ein Vermögen gemacht hat, selbst zu den international stärksten Sammlern. Das bildlastige Buch liefert pro Künstler einen einführenden Text, Biografie sowie Infos über Galerien und Verkaufspreise einzelner Werke.Weil Katja Huber Redakteurin beim BR-Zündfunk und Autorin mehrerer Hörspiele ist, kann sie jedenfalls in München mit erhöhter Aufmerksamkeit rechnen: Mit ihrem ersten Roman wird sie ihr Einzugsgebiet ausdehnen, denn "Fernwärme" ist ein schönes Debüt geworden: ein bescheiden kluger Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte und eine ebenso märchenhafte wie amüsant wirklichkeitsgetreue Fabuliererei über Verständigung im Allgemeinen.

Es beginnt an Annas 32. Geburtstag: Morgens um sechs steht ein Kerl in Moonwashed-Jeans vor ihrer Tür und behauptet, ihr Cousin aus Russland zu sein. Theoretisch möglich: Annas Opa verbrachte dort neun Jahre; dass ihn mehr band als "die Partei", ahnt Anna ohnehin längst. Schließlich leidet auch sie selbst an Ost-Melancholie. Ganz vorsichtig dreht Katja Huber ihr kunterbunt funkelndes Familienkaleidoskop, und ähnlich behutsam behandelt sie auch die Sprache. Gerade die Dialoge gehen ihr herrlich knapp und verschroben von der Hand. So schmal, so gut, das ist "Fernwärme".

Die ersten beiden Romane von Christoph Simon konnte man leicht übersehen: kleiner Schweizer Verlag, kaum Werbung, wenige Besprechungen. Mit seinem dritten trat er beim Bachmannwettbewerb auf die große Bühne. Und es wurde ein großer Spaß. "Planet Obrist" ist die Fortsetzung von Simons Erstling "Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen", einer sympathischen Erzählung über Haschisch, Liebe und Matura. Den wunderbaren Witz findet man in "Planet Obrist" noch feiner, und auch MC, der Dachs, lamentiert und schmeichelt erneut herum. Diesmal plant Franz Obrist den Ausstieg, Ziele: "Zürich-Oerlikon, Budapest, die Mongolei". Was den Dachs nicht begeistert: "Sollten wir nicht lieber beim heimatlichen Stamm bleiben, Herr Obrist? Sollten nicht lieber andere bei der Glückssuche ihr Leben wagen?" Am Ende, wie dürfte es anders sein, erkennt selbst ein Antiheld, was wirklich wichtig ist. Denn MC ist verschwunden. Aber keine Sorge: "Planet Obrist" ist so harmlos, wie es sonst nur ein bekiffter Loriot sein könnte - beileibe bürgerlich, aber ganz und gar nicht bieder, dafür gerne mal hingebungsvoll romantisch. Oder wie MC sagt: "Eine Gutenachtgeschichte, vor der mein sittliches Gewissen schaudernd zurückschreckt, Herr Obrist."

Karin Schuster in FALTER 4/2006



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