Lichter der Berührung

Dragan Velikic, Bärbel Schulte


Lost in Lunar Park

Nach siebenjähriger Schaffenspause legt Kultautor Bret Easton Ellis einen neuen Roman vor und belebt "Lunar Park" mit bekannten Monstern.

Er ist wieder da." Auf Seite 152 seines jüngsten Romans lässt Bret Easton Ellis ihn wieder aus dem Käfig: Patrick Bateman, der Wall-Street-Killer aus "American Psycho" (1990), kehrt zurück, um seinen Schöpfer an den Rand des Wahnsinns (und darüber hinaus) zu treiben. Bateman hat mit Ellis noch eine Rechnung zu begleichen - so wie, allem Anschein nach, der 41-jährige Autor mit sich selbst.

In der Mitte seiner Jahre blickt Ellis auf sein bisheriges Werk zurück und befasst sich in dem komplexen und im deutschen Feuilleton mit großem Eifer abgehandelten Roman "Lunar Park", der in den USA bei Kritik und Publikum gefloppt war, mit den zwei großen Monstern, die er geschaffen hat: eben Bateman und natürlich Bret Easton Ellis, dem hassgeliebten Skandalautor.

"Lunar Park" hebt konsequent mit einer fünfzigseitigen Rekapitulation von Ellis' Karriere an - vom Bestsellerdebüt "Unter Null" über "Einfach unwiderstehlich" und "American Psycho" bis zu "Glamorama" und dem Zusammenbruch, den der Autor danach angeblich erlitt. Angeblich deshalb, denn wo das Eingangskapitel noch als durchaus glaubwürdige Beichte beginnt, aktiviert Ellis nach ein paar Seiten wieder seinen Übertreibungsmotor: So grell verzerrt schildert er "seine" Drogengewohnheiten, dass schnell ausgeschlossen werden darf, es würde sich hier um eine konventionelle Autobiografie handeln.

Die Hauptfigur von "Lunar Park" heißt nichtsdestotrotz Bret Easton Ellis, was insofern konsequent ist, als sich auch die vorangegangenen Romane aus den Erfahrungen und Beobachtungen des Autors speisten und bis zu einem gewissen Grad dessen eigenen Lebensstil reflektierten. "What you write is what you get", wie es eines von drei dem Roman vorangestellten Mottos so schön ausdrückt: "Wer gerne eine große Show abzieht, läuft auf lange Sicht Gefahr, sich selbst eine Eintrittskarte zu kaufen."

Bret Easton Ellis, der Protagonist von "Lunar Park", hat wenig zu lachen. Bret Easton Ellis, dem Autor, dürfte es beim Schreiben die meiste Zeit ähnlich ergangen sein, zumal er als drittes Monster auch noch seinen Vater auftreten lässt, einen aggressiven Alkoholiker, zu dem er nie eine Verbindung aufbauen konnte und der 1992 zu plötzlich starb, als dass sich der Sohn noch mit ihm aussprechen hätte können. Und so gerät "Lunar Park" zu einer Geisterbeschwörung samt anschließender Austreibung - Schreiben als Therapie.

Angesiedelt ist die Handlung in der Wüste von Suburbia, wo sich das Haus von Ellis und seiner Familie (Frau, zwei kleine Kinder, Hund) befindet. Wie es sich für einen Schauerroman gehört, setzen die Ereignisse in der Halloweennacht ein. "Du siehst dir verblüffend ähnlich", sagt Ellis' Frau zu ihrem Gemahl. Kunststück, hat dieser doch auf die Verkleidung verzichtet: "Ich will keine Masken mehr tragen. Ich möchte sein, wie ich bin, Schatz."

Immer wieder führt der Autor in "Lunar Park" den Leser aufs Glatteis. Wer die vielen Bekenntnisse der Romanfigur für solche des Autors nimmt, wird von diesem Buch nicht viel haben. Zwar ist "Lunar Park" in Hinblick auf Gewaltschilderungen weit milder und leichter konsumierbar als alle Romane davor, dafür ist es sein bislang bizarrstes Buch geworden - eine Mischung aus postmoderner Metafiktion, Horrortrash und banalem Psychogeschwätz.

Schenkt man den Interviews Ellis' Glauben (aber kann man das jemals?), dann hätte "Lunar Park" eine Verneigung vor Stephen King werden sollen. Die Geschichte vom Spukhaus, das sich gegen seine Bewohner richtet, ist jedoch bei weitem der misslungenste Teil des Romans, der neben Langeweile allenfalls den ein oder anderen, auf unfreiwilliger Komik basierenden Lacher hervorruft; zum Fürchten ist allenfalls seine unglaublich hölzerne Machart.

Umso kompakter und überzeugender ist die Atmosphäre des Texts, die sich mit den Filmen David Lynchs vergleichen lässt. Wie der Protagonist von "Lost Highway" reimt sich auch hier ein in der scheinbaren Wohlstandsidylle eines Vororts gestrandeter Mann seine ganz eigene Version der Vergangenheit zusammen.

Ob das alles nun ein neues Level in Ellis' einst als poppig-nihilistisch missverstandenen Schaffens darstellt oder nur die Resteverwertung eines ausgebrannten Autors, dem keine gelungene Story mehr einfallen will, ist auch nach wiederholter Lektüre nicht wirklich zu sagen. Immerhin muss man anerkennen, dass sich der Autor - etwa im Unterschied zu den letzten Büchern von Kollegen wie Richard Powers - inhaltlich und formal ganz schön weit rauslehnt.

Als Fan von Bret Easton Ellis habe er sich mehr erhofft, schrieb Jan Oberländer im Tagesspiegel, aber eigentlich dennoch alles bekommen. Da ist was Wahres dran. Und da Ellis - gerüchteweise - nun nichts Besseres einfällt, als einen Nachfolger zu "Unter Null" zu schreiben, wird uns das "Lunar Park" vielleicht noch lieben lehren.An den Gestaden Wiens

Der Schriftsteller Dragan Velikic ist seit letztem Jahr serbischer Botschafter in Wien. Nun tritt er mit einer Lesung aus seinem jüngsten Roman auf.

Wien, das "ist die Schleimhaut meiner Patienten, das sind Brücken und Plomben", sinniert der 41-jährige Andrej, serbischer Zahnarzt und einer der Protagonisten in Dragan Velikic' jüngstem Roman, "Lichter der Berührung". Zwischen Ungargasse, Mariahilf, Hietzing, Augarten und Zentralfriedhof beginnen zwei Paare, ihr Leben neu zu ordnen: Tibor, ebenfalls Zahnarzt, der sich in seinem 47. Lebensjahr "noch immer im Prolog seines Lebens" wähnt, und dessen Frau Rita, Kostümbildnerin am Burgtheater; besagter Andrej und Gattin Olga, Bibliothekarin, die aus dem kriegsgeschüttelten Jugoslawien des Jahres 1994 nach Wien kommt und deren merkwürdiges Anliegen darin besteht, durch zahllose Straßenbahnfahrten und Kaffeehausbesuche "im Weichbild der Stadt zu verschwinden".

Wie im Leben geschieht in dem ungefähr ein Jahr umfassenden, verschachtelten und zugleich zügig erzählten Roman nicht viel - und alles. Am Schluss gebiert Olga ein Kind. "Olga träumt: Eine Strähne ihres Traumes zieht sich durch das dichte Geflecht der GESCHICHTE." Zugleich schwappt mit dem Zerfall Jugoslawiens - Stichwort von Sarajewo bis Sarajewo - das ganze vergangene Jahrhundert in die ehemalige k.u.k. Hauptstadt: Am Anfang stirbt die "offiziell älteste Bürgerin Wiens", eine 107-jährige, aus Pula stammende Witwe eines Marineoffiziers. Wien liegt noch immer am Meer. An dessen Gestade geht auf einer weiteren Erzählebene James Joyce spazieren.

Als folgte er dem Spiegelspiel seines Romans, wurde Dragan Velikic, Jahrgang 1953, selbst in Wien angespült. Seit 2005 ist der Verfasser von je zwei Erzähl-und Essaybänden sowie sechs weiteren Romanen - die bekanntesten sind "Via Pula" (1991), "Das Astragan-Fell"(1991) und "Dante-Platz" (1999) - außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter von Serbien und Montenegro. Sein Amtssitz ist das ehemalige Privatpalais des Architekten Otto Wagner am Rennweg. Österreich hat auf vielfache Weise das Leben des Belgraders schon immer bestimmt. Im Alter von fünf Jahren übersiedelt er - der Vater war Marineoffizier - ins kroatische Pula. "Meine sehr strengen Lehrer am Gymnasium hatten alle in Innsbruck oder Wien studiert. Alle verfügten sie über eine unglaubliche Biografie, in der es zumindest ein zentrales Erlebnis gab: Jeder hatte einen Onkel, der einmal den Hut von Kaiser Franz Joseph aufgehoben hatte!"

Im Kroatien der Sechzigerjahre, meint Velikic ironisch, "war alles schlecht. Jugoslawien sowieso. Noch schlechter war nur Italien! Allein in der Monarchie war alles in Ordnung." Als Dragan Velikic zum Studium nach Belgrad ging, wurde er mit dem gegenteiligen Stereotyp konfrontiert. Der Student der Komparatistik findet nach erster Begeisterung für jugoslawische Autoren wie Miroslav Krlezsa, Ivo Andric oder Danilo Kiss seine "wichtigsten literarischen Vorfahren" in Thomas Bernhard, Hermann Broch, Robert Musil und Elias Canetti. Sein Lieblingsautor bis heute ist Joseph Roth. "Ich wurde durch die österreichische Literatur korrumpiert", verrät Dragan Velikic, dessen Onkel, "ein bekannter Partisan", im Zweiten Weltkrieg ermordet und dessen Vater als Kriegsgefangener in ein Arbeitslager bei Bremen deportiert wurde. An dieser Geschichte arbeitet sich Velikic mit dem 2002 erschienenen Roman "Der Fall Bremen" ab. Da war der in den Neunzigerjahren als Verlagslektor und Redakteur der oppositionellen Rundfunkstation B92 tätige Mitteleuropadenker Velikic schon emigriert - einen Tag bevor die Nato-Bombardements auf Belgrad begannen.

Nach einjährigem Aufenthalt in Budapest ging Velikic nach Berlin und kehrte erst 2000, nach dem Sturz von Milosevic, in die Heimat zurück. Als er voriges Jahr nach langem Zögern das Angebot annahm, Botschafter in Wien zu werden, traten sofort die Spötter auf den Plan: "Es wurde gewitzelt: ,Das dankbare Serbien zeigt sich seinem einstigen Kritiker gegenüber erkenntlich.'"

Velikic, der den Zerfall Jugoslawiens heute noch bedauert, legte seinen fast fertig gestellten Roman "Russisches Fenster" zugunsten der Diplomatenkarriere vorerst beseite. Dem vielfach an ihn herangetragenen Ansinnen, einen Milosevic-Roman zu schreiben, wird er allerdings nicht nachkommen: "Man freut sich im Westen immer, wenn die Bilder, die man vom Osten hat, von dort bestätigt werden. Der Erfolg eines Kusturica, den ich sehr schätze, hängt damit zusammen: Wir, das sind die Wilden, wir sind die Zigeuner!" Velikic selbst, der in seinen Büchern mit den Serben ziemlich scharf ins Gericht geht, beschreibt seine Welt etwas anders: "Wir Autoren sind immer ein wenig masochistisch. Wir brauchen eine Umgebung, die unsere Nerven aufreibt, um schließlich zur obsessiven Erfahrung des Schreibens genötigt zu werden."

Der Emigrant und Flüchtling ist für Velikic die wichtigste Figur des 20. Jahrhunderts. Mit ihm wird er sich auch weiterhin befassen. Wenn er schließlich vom Protagonisten seines liegen geblieben Romans zu erzählen beginnt, den es ins sibirische Karaganda verschlägt, wird es ziemlich still. Dann erinnert VelikicŽ schon fast an jenen Typus, der ihm im Laufe zahlreicher Wien-Aufenthalte besonders nachhaltig aufgefallen ist: "Ich habe nirgendwo so viele Leute gesehen, die auf der Straße mit sich selbst reden, wie hier."

Erich Klein in FALTER 4/2006



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