rastlose lethargie. dem leben liegt es, immer wieder in gefängnisse zu...

Anselm Glück


Zeichnen ohne Gummi

Anselm Glück schreibt, malt und zeichnet sich mit rastloser Lethargie durch die Welt in seinem Kopf. Der "Falter" versuchte hineinzusehen.

Es gibt eigentlich erstaunlich wenig Bücher mit wirklich zündenden Titeln. "Die Schlafwandler" sind so schlicht und gediegen langweilig wie "Die Dämonen" oder "Die Ausgesperrten"; "Die Blendung" haut einen so wenig um wie "Die Wiederholung". Thomas Bernhards wuchtig lakonisches "Beton" oder Margit Schreiners kaskadierendes "Die Unterdrückung der Frau, die Virilität der Männer, der Katholizismus und der Dreck" gehören zu den wenigen Beispielen in der österreichischen Nachkriegsliteratur, die nicht so klingen, als gäbe es bereits in einem halben Dutzend anderer Sprachen ein Werk gleichen Namens.

Ein Händchen für pfiffige Titel hat jedenfalls der gebürtige Linzer Anselm Glück. Seine Bücher heißen unter anderem "die eingeborenen sind ausgestorben", "ich meine was ich tu" oder "ich kann mich nur an jetzt erinnern". Nun hat Glück, der Ende des Monats seinen 56. Geburtstag feiern und kurz davor wieder einmal eine seiner rar gewordenen und diesmal sogar um Gesang bereicherten Lesungen halten wird, ein Buch mit dem schönen Titel "rastlose lethargie" vorgelegt. "Das ist zwar ein klassisches Oxymoron, aber ich glaube im Ernst, dass das meinen Zustand beschreibt", erklärt der Autor. "Ich bin ständig hysterisch aufgerieben, gleichzeitig denk ich mir: Hat eh keinen Sinn." In jedem Falle hat diese psychische Verfassung einen beachtlichen Output zur Folge, den Glück mit Understatement herunterspielt: "Ich tue ja nichts anderes als Lesen, Schreiben, Zeichnen und Malen. Da kommt dann schon hin und wieder was raus."

Die Texte in Glücks jüngstem Opus sind meist nur wenige Zeilen lang, die Grafiken enthalten alle zumindest das jedem Kindergartenkind bekannte Minimalzeichen für "Haus". Darum und dazwischen wuchern, lodern, schweben Linien - mit lockerleichtem, aber doch entschiedenem Strich zu Papier gebracht. Glück verwendet Bleistifte nicht unter dem Härte-sprich Weichheitsgrad 4B; da gibt's kein Schraffieren, Schummern und Schummeln, sondern nur die Gunst des Augenblicks: "Ich habe überhaupt keinen Radiergummi. Entweder es wird was oder es wird nichts; wobei ich es auch oft erlebt habe, dass die Galerien den Ausschuss lieber hätten als das, was ich aus der Hand gebe. Aber das geht natürlich nicht."

Mit seinen Texten verfährt Glück ähnlich: Ohne Vorgaben und Ziel beginnt er einfach zu schreiben, wobei dann - im Unterschied zu den Zeichnungen - noch ordentlich eingedampft wird. Das Ergebnis sind ebenso knappe wie verspielte Wortkondensate, die handlungsreich zwischen Außen-und Binnenperspektive, Idyll und Katastrophe changieren:

"wir steckten seit jahren fest, und bald waren wir alteingesessen und fett. ins dorf geschickt, überwinterten wir bei frauen, und am liebsten rissen wir den ganzen tag witze. man unterschied uns an größe und behaarung, war man aber im zweifel, schickte man uns im gänsemarsch durch die wiedererkennungsanlage. langsam aber sicher hielten wir es fast nicht mehr aus."

Voraussetzung für jegliche Form von Produktivität ist ein ganz rigider Tagesablauf: "Wenn ich in der Früh nicht rechtzeitig im Kaffeehaus bin, habe ich schon Stress." Also sitzt Glück um 8.30 Uhr im Café Tirolerhof und geht danach in sein Atelier in der Josefstadt, um dort von Mittag bis zum Einbruch der Dunkelheit zu malen. Der Abend ist fürs Zeichnen und Lesen reserviert. Sozial ist Glück lethargisch, kommt kaum noch unter Leute: "Ich habe ja auch nur zwei Verhaltensweisen: Entweder bin ich freundlich und entgegenkommend oder ich explodiere. Und nachher habe ich immer Zweifel, ob ich richtig reagiert habe." Die künstlerische Rastlosigkeit hingegen ist existenziell notwendig: "Ohne die wüsste ich nicht, wie ich mit mir zurande kommen sollte."

Glück, der - gelinde gesagt - aus prekären Familienverhältnissen kommt (Mutter und Vater waren 15 bzw. 16 Jahre alt, als er zur Welt kam) sieht die Ursprünge seiner Kreativität in der frühen Pubertät verwurzelt. Als verhaltensauffälliger Schüler war er mit zwölf in ein Kinderheim in Oostende geschickt worden und kam anschließend für ein halbes Jahr zu zwei Ziehdamen nach Luxemburg: "Ich habe natürlich ständig mit mir selbst geredet - und da hat dieser Motor zu werkeln begonnen, das bilde ich mir jedenfalls ein."

Getreu einem Motto des von ihm verehrten Frank Zappa - "the thing is to put a motor in yourself" - tut Glück alles, um den Motor auch am Laufen zu halten. Das ist ihm bis heute stets gelungen: "Es ist eine Hackn, es tut weh und es ist knifflig, aber ich habe kein Problem, jetzt sofort anzufangen. Im Gegenteil: Wenn ich zu lange unterbreche, wird das Werkl bös und sagt: ,Was kommst überhaupt zu mir, wenn du eh was anderes zu tun hast?!'"

Wenn's läuft, dann läuft's - und für Glück läuft es seit einiger Zeit ziemlich gut. Dass er eine ganze Romantrilogie - "mit der Struktur strikt/deppert/strikt" - im Kopf beziehungsweise den ersten Teil sogar schon im Ladl hat, ist natürlich schön, aber zu wenig. Denn vom Schreiben konnte Glück noch nie leben. Mit seiner Malerei hingegen verdient er seit zehn Jahren "anständiges Geld": "Ich bin für die nächsten vier, fünf Jahre eingeteilt." Vorläufiger Höhepunkt dieser verzögerten Karriere ist eine für 2008 geplante Personale in Kioto. Dabei hat Glück mit der Malerei erst in seinen Dreißigern, also relativ spät begonnen - davor konnte er sich die Materialien einfach nicht leisten. "Ich freue mich, dass ich eine schöne Werkstatt habe, aber wenn ich sie nicht hätte, würde ich auch mit Notizblock und Bleistift auskommen."

Was das Schreiben anbelangt, kommt Glück ohnedies mit geringsten Mitteln aus: Es genügen ihm Stift, Papier und die ganze Welt - die er fast nach Belieben untergehen oder noch eben mal davonkommen lässt:

"nach einer weile zeigte sich im osten wieder der himmel. als meine begleiterin den kopf hochwarf, um die haare straffer zu ziehen, rutscht über den felsboden die wiese. die im rauschen der umgebung geformten bergketten wichen als hügel den meeren zu, und als die staubwolke sich legte, tappten wir nach dem notausgang."

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2006



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