Hildegard Knef. Eine Künstlerin aus Deutschland

Kristina Jaspers, Peter Mänz, Daniela Sannwald


Vor 40 Jahren wurde Wolfgang Amadeus Mozart von einem betrunkenen Kutscher überfahren und George Harrison heiratete das Model Patti Boyd. Während Mozart danach bald in Vergessenheit geriet, erfreuen sich die Beatles - selbst der stillste unter ihnen, der supersympathische George - nach wie vor so großer Beliebtheit, dass ständig neue Bücher über sie erscheinen. Eines davon bietet ein Foto für jeden Tag des Jahres. Das hier abgebildete ist für den 16. Juli vorgesehen, wurde allerdings am 21. Jänner 1966 aufgenommen. Es zeigt das Brautpaar, die Mutter der Braut (vorne) und die Eltern des Bräutigams. Georges Mutter hat sich einen Coup Melba aufgesetzt. Warum? Einfach so - war eben gut drauf!Das aufregendste Buch über Hildegard Knef hat die deutsche Schauspielerin, Sängerin und Autorin mit ihrer 1970 erschienenen Autobiografie "Der geschenkte Gaul" selbst verfasst. In eigenwillig-poetischer Sprache erzählt die am 1. Februar 2002 verstorbene Allroundkünstlerin, die kürzlich ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert hätte, darin von ihrer Kindheit in Berlin, der Jugend in Nazideutschland, dem grauenhaften Kriegsende in deutscher Uniform und der nachfolgenden Karriere im Film, am Broadway, auf Theater-und Konzertbühnen; ausführlich beschreibt sie Höhenflüge und Abstürze beruflicher wie privater Natur. Während Fakten und poetische Ausschmückung in diesem millionenfach verkauften Bestseller keinen Steinwurf weit voneinander entfernt sind, setzt Christian Schröder in seiner seit einigen Monaten auch als Taschenbuch vorliegenden Biografie "Hildegard Knef. Mir sollten sämtliche Wunder begegnen" auf eine akribisch recherchierte Genauigkeit, die er mit Hunderten Fußnoten abzusichern trachtet. Frei von fanhafter Verehrung, aber geprägt von großem Interesse und einer bei aller kritischen Distanz doch merkbaren Zuneigung zeichnet der Redakteur des Berliner Tagesspiegel den spektakulären Lebensweg einer ebenso schwierigen wie faszinierenden Frau und ihres wechselhaften künstlerischen Schaffens nach. Schröder verklärt Knef nicht, sondern beschreibt ihr Leben und Werk in aller Ambivalenz. Erbosten Fanreaktionen, die seinen Verzicht auf eine retrospektive Verklärung als "Demontage des Mythos Knef" deuten, sind nur schwer nachvollziehbar; dass das Buch keine reine Huldigung ist, macht es nur noch lesenswerter.

"Hildegard Knef. Eine Künstlerin aus Deutschland" funktioniert als Katalog zur gleichnamigen, noch bis 17. April laufenden Ausstellung des Filmmuseum Berlin entsprechend anders. In großzügig illustrierten Texten würdigen unterschiedliche Weggefährten und Bewunderer die Ausnahmeerscheinung Hildegard Knef und liefern so eine einzige tiefe Verbeugung, die letztlich natürlich mindestens so berechtigt und lesenswert ist wie Schröders Biografie.

Gerhard Stöger in FALTER 3/2006



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