Herr der Hörner

Matthias Politycki


Fideles Sauschlachten

In Matthias Polityckis Roman "Herr der Hörner" lernt ein deutscher Banker Kubas Hauptstadt und deren dunkle Riten kennen.

Vergangenen Frühsommer veröffentlichte eine Autorengruppe in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit ihr Manifest eines "relevanten Realismus". Deutsche Befindlichkeit und Berliner Mietshäuser wurden darin als literarische Themen verworfen, stattdessen Handfestes, Pralles - schlichtweg Relevantes eingefordert.

Zu den Verfassern des von der Kritik bis zu den Autorenkollegen allerdings fast durch die Bank abgelehnten Textes - warum sollte man sich vorschreiben lassen, worüber zu schreiben sei? - zählte Matthias Politycki. 1955 geboren, schlägt man ihn der sogenannten 78er-Generation zu, die im Gegensatz zu den 68ern und 89ern als eine öffentlich eher unterrepräsentierte Autorengeneration gilt.

Politycki ist hier freilich die Ausnahme von der Regel. Nach experimentellen Anfängen feierte er in den Neunzigerjahren mit Büchern wie dem "Weiberroman" große Erfolge. Und mischte sich in den vergangenen Jahren zunehmend auch (kultur-)politisch ein. Dass er sich unter anderen auch mit Angela Merkel traf, machte ihn bei Kollegen naturgemäß nicht unbedingt beliebter. Polityckis jüngster Roman "Herr der Hörner", mit dem er sich gerade auf Lesereise befindet, geriet zu einem Abgesang auf Deutschland und seine Saturiertheit. "Nie wieder Designersärge, nie wieder Deutschland", schwört sich sein Protagonist Broder Broschkus, als er seine Existenz als Banker in Hamburg aufgibt, um in Santiago de Cuba sesshaft zu werden.

"Herr der Hörner" ist jedoch nicht in erster Linie eine Abrechnung mit deutscher Politik und deutschen Werten, sondern ein echter Aussteigerroman, wobei die Motive, deretwegen Polityckis fünfzigjähriger Protagonist seine Vergangenheit mit dem klammheimlichen Aufbrechen gen Kuba hinter sich lassen will, mehr angedeutet denn ausgeführt werden: Die Ehefrau ist langweilig, das ewige Beobachten der Börsenkurse ebenfalls. Insgesamt bleibt das deutsche Vorleben weitgehend im Dunklen, ist allenfalls in der Parole "Einmal unlimitiert agieren!" präsent.

In Santiago begibt sich Broder auf die Suche nach einer mysteriösen Schönen, der er in seinem letzten Urlaub begegnet ist und von der ihm drei rätselhaft verzierte 10-Peso-Scheine geblieben sind. Die junge Frau ist jedoch so leicht nicht zu finden, stattdessen wird Broder an jeder Straßenecke billiger Sex angeboten - ausgerechnet ihm, dem's doch "allein um Ästhetisierung der Begierde" zu tun ist! Aber nicht nur in dieser Hinsicht wird er bald sein blaues Wunder erleben.

Könnte man anfangs noch annehmen, Polityckis ironisch gezeichneter Protagonist sei auf der Suche nach Buena-Vista-Klischees, so spielt die Auseinandersetzung mit afrokubanischen Riten und dunklen religiösen Praktiken inklusive Menschenopfern mit Fortschreiten des Romans eine immer bedeutendere Rolle. Insbesondere Sauschlachtungen haben es dem Helden und seinem Autor spürbar angetan. Broder fasziniert die Bedeutung, die der Glauben in den schwarzen, afrikanisch bestimmten Vierteln Santiagos immer noch einnimmt. Er, der bislang standhaft Ungläubige, beginnt seine europäischen Werte infrage zu stellen und taucht tief in eine aufregende, aber auch höchst gefährliche Welt ein.

Politycki ist ein streckenweise sehr spannender und witziger Antibildungsroman gelungen, in dem sein Held zunehmend vom Kopf-zum Bauchmenschen und fast zum Kubaner mutiert, seine deutsche Mentalität letztlich aber nie ganz hinter sich lassen kann. Selbiges gilt ähnlich auch für den Autor, der für ein funkelndes Roman-Meisterstück dann eben nicht unlimitiert, sondern um einen Tick zu kontrolliert agiert.

Sebastian Fasthuber in FALTER 3/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×