Hangover Square. Eine Geschichte aus dem finstersten Earl's Court

Patrick Hamilton


Trauriges Trinken

Gerade jetzt: Obacht mit dem Alkohol! Neu bzw. erstmals übersetzte Klassiker von Wenedikt Jerofejew (1938-1990) und Patrick Hamilton (1904-1962) zeigen, dass es nicht gut ist, wie nix Gutes zu saufen.

"Sie war von unten bis oben betrunken"

Venedikt Erofeev, "Moskau - Petuski"

Der renommierte Russischübersetzer Peter Urban ist ausgezogen, die deutschsprachige Welt mit einer neuen Schreibweise sämtlicher russischer Namen zu beglücken, die wissenschaftlich korrekt, ansonsten aber völlig plemplem ist und Buchhändler, Bibliothekare und Bibliophile spätestens seit der bahnbrechenden Transformation Tschechows in CÇechov in Tob- und Trinksucht treibt. Jüngste Haltestelle dieses Neubeschriftungsprojekts ist ein Klassiker der Weltliteratur, der uns bislang unter dem Titel "Die Reise nach Petuschki" bekannt war und als deren Verfasser ein Herr namens Wenedikt Jerofejew galt.

Nun ist alles anders. Jerofejew heißt jetzt Erofeev und "Die Reise nach Petuschki" originalgetreu "Moskau - Petuski". Der alte Titel habe, so erklärt der Übersetzer in seinem ziemlich eitlen und selbstgefälligen Nachwort, zur falschen Betonung (nie "Petúschki", immer "Petuschkí" sagen!) nachgerade eingeladen. Hm.

Allem Anschein nach hat da jemand sein Badewasser nicht ganz korrekt temperiert. Was nichts daran ändert, dass der 1973 in einer israelischen Zeitung erstmals auf Russisch veröffentlichte und 1988 ausgerechnet in der Zeitschrift Nüchternheit und Kultur (in gekürzter Form) abgedruckte Roman ein grandioses Stück Literatur ist, das - da hat der Herr Urban schon Recht - nicht nur feuchtfröhliche Trinkerfolklore, sondern auch niederschmetternd tragisch ist.

Dass es die alte, als Piper-Taschenbuch wohlfeil erhältliche Übersetzung von Natascha Spitz auch oder sogar besser tut, hat Klaus C. Zehrer in einer ausführlichen Humorkritik in der aktuellen Ausgabe der Titanic überzeugend dargelegt. Komisch bleibt das Buch selbst in seiner Neuübersetzung, in der nach wie vor wüste Getränke getrunken werden: der "Balsam von Kanaan", die "Träne der Komsomolzin" oder der "Geist von Genf" - ein fragwürdiger Cocktail, bestehend aus fünfzig Gramm Weißer Flieder, fünfzig Gramm Mittel gegen Fußschweiß, 200 Gramm Ziguli-Bier und 150 Gramm Spirituslack.

Die Reise des armen Venedikt (vormals: Wenedikt) in das zweieinviertel Fahrtstunden von Moskau entfernte Petuski, das man sich wohl als eine Art russisches Wels oder gar Attnang-Puchheim vorzustellen hat und wo allem Anschein nach eine Geliebte auf den Icherzähler wartet, führt über Allotria geradewegs in die Apokalypse und endet mit der brutalen Hinrichtung des im Verlauf des Romans immer mehr zum christusgleichen Schmerzensmann stilisierten Protagonisten just vor dem Kreml, den dieser - wie gleich eingangs festgestellt wird - noch nie gesehen hat.

"Moskau - Petuski" ist insofern blasphemisch, als verschiedenste Sprach- und Stilebenen, sowjetische Phraseologie und christliche Ikonografie dazu nutzt, den Glauben an den im Kommunismus erschaffenen Neuen Menschen zu hintertreiben: "Oh, wenn die ganze Welt, wenn jeder auf der Welt, wie ich gerade, still und verzagt wäre und auch in nichts sicher: weder seiner selbst noch der Ernsthaftigkeit seines Platzes unter dem Himmel - wie gut wäre das! Keinerlei Enthusiasmus, keinerlei Heldentaten, keinerlei Besessenheit - allgemeiner Kleinmut."

Zahlreichen Anlass zum Kleinmut hat auch George Harvey Bone, Protagonist des 1941 im englischen Original erschienenen Romans "Hangover Square" und als solcher gleich zu Beginn während eines Weihnachtsnachmittagsspaziergangs von einem seiner "bekloppten Momente" heimgesucht. Dass George so viel trinken muss - was die Frequenz seiner Blackouts nicht eben reduziert -, hängt unter anderem mit Netta zusammen, einer versoffenen Femme fatale ("sie sah aus wie eine Byron-Schönheit, aber sie war ein Fisch"), die alles tut, um den täppischen George um sein bisschen Geld zu erleichtern und der letzten Würde zu berauben.

Subtilität in der Figurenzeichnung ist es nicht, die Patrick Hamiltons "Geschichte aus dem finsteren Earl's Court" auszeichnet: Dass exzessiver Konsum von Drogen nicht unbedingt dazu taugt, die moralische Integrität zu befördern, ist ja nichts Neues. Die allem Anschein nach einigermaßen talentfreie Netta nutzt George aus, um ihre Karriere als Schauspielerin in Gang zu bringen oder zumindest ein bisschen Spaß auf anderer Leute Kosten zu haben, worauf der ihr rettungslos verfallene George beschließt, das Objekt seiner Begierde zu töten.

Patrick Hamilton, der sich selbst systematisch zu Tode soff (er starb 1962 im Alter von 58 Jahren an Leberzirrhose), war keineswegs eine erfolglose Randexistenz. Seine Theaterstücke "Gaslight" und "Rope" waren nicht zuletzt in ihren Kinoadaptionen durch George Cukor bzw. Alfred Hitchcock überaus populär und auch "Hangover Square" wurde 1945 verfilmt. Zeitgenössische Rezensenten stellten Hamilton gar über Virginia Woolf, aber es bedarf dieses Vergleichs nicht, um in dem todtraurigen und nun erstmals auf Deutsch erschienenen Roman eine der entscheidenden Entdeckungen des heurigen Bücherjahrs zu erblicken.

Das psychologisch präzise und dennoch von einer tiefen Sympathie für seinen gequälten, ungeliebten Helden gespeiste Buch weist Hamilton dank der preisgekrönten Übersetzung von Miriam Mandelkow als großen Stilisten aus, der das Szenario aus Trinkereuphorie, kriegsschwangerem Bramarbasieren und postalkoholischer Depression zu einer packenden Atmosphäre zu verdichten weiß, in der dem armen Bone nur hin und wieder kurze Momente der Hoffnung und friedlicher Gelassenheit gegönnt sind: "Ein Augenblick verhangener Stille, dann wurde die Tür seines Abteils rüde und respektlos aufgerissen, und eine fröstelnde Frau, die den Schmerz und die Ödnis des Norfolk-Winters mitzubringen schien, fiel in seinen zentral geheizten Gedankenraum ein."

Klaus Nüchtern in FALTER 51-52/2005



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