Reiseziel Che Guevara. Mit dem Motorrad durch Lateinamerika


Die deutsche Filmemacherin Ulrike Ottinger findet in den letzten Jahren auch in der Kunstszene zunehmend Beachtung. In der Ursula Blickle Video Lounge der Kunsthalle werden bis Ende des Monats Arbeiten der Künstlerin gezeigt. Begleitend zu einer großen Retrospektive in Deutschland ist jetzt auch ein Buch mit den Fotografien (1970-2005) der Globetrotterin erschienen. Die Ukraine, die Mongolei, Indien, China und viele andere Länder hat Ottinger bereist und dort, nach exzentrischen Frühwerken wie "Freak Orlando" oder "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse", Dokumentarfilme gedreht. Aus diesen Ländern stammt auch ein Großteil der Fotos, die teilweise eine spielfilmartige Pracht besitzen. Das Buch ist nach Kapiteln wie "Markt", "En Face" oder "Farbe" gegliedert. Dazwischen streut Ottinger Bilder ihrer Akteure.Der eine war nicht nur der "Vater der Geschichtsschreibung" und Erzähler "zahlloser Märchen", wie Cicero ihn nannte, sondern auch Anthropologe und der erste Reporter der Weltgeschichte. Der andere gilt als der berühmteste Reporter der Gegenwart - woran wiederum auch der eine seinen Anteil hat. Denn bevor Ryszard Kapuscinski 1956 einigermaßen unvorbereitet zu seiner ersten Reise nach Indien aufbricht, erhält der damals 23-Jährige von seiner Chefin eine Übersetzung von Herodots "Historien". Der Aufenthalt in Indien erweist sich zwar als Fiasko, doch das rund 2400 Jahre alte Buch wird ihm fortan bei seinen Reisen rund um die Welt zum festen Begleiter und Brevier. Nach zwölf Kriegseinsätzen und 27 Revolutionen, vier Todesurteilen, sechs Bypässen, Malaria und TBC hat der polnische Journalist und Autor nun mit "Meine Reisen mit Herodot" gleichsam die Summe seines Reporterlebens veröffentlicht: Das wunderbare Buch ist nämlich nicht nur eine brillante Abhandlung über Herodot und seine Zeit, es gibt Eindrücke von den bereisten Ländern sowie von seinem Arbeitsalltag als Reporter und vermittelt so auf sympathisch bescheidene Weise, wie Kapuscinski - eben auch dank Herodot - zu dem wurde, was er heute ist.

Der US-amerikanische Journalist Patrick Symmes wiederum, der unter anderem für Harper's, Outside und Wired schreibt, ist mit den Schriften Che Guevaras unterwegs. Denn der Gringo wiederholt Ende der Neunzigerjahre jene inzwischen auch verfilmte Motorradreise, die den damaligen Medizinstudenten gemeinsam mit seinem Freund Alberto Granado 1952 durch halb Südamerika führte und wesentlich zu Ches revolutionärer Bewusstseinsbildung beitrug. Symmes beeindruckender Reisebericht enthält ebenfalls gleich mehrere Bücher in einem: Neben einer kurzweiligen Reportage seines abenteuerlichen Motorradtrips zeichnet er ein um Wahrhaftigkeit bemühtes und entsprechend ambivalentes Porträt vom "Reiseziel Che Guevara" und gibt dabei en passant auch noch aufschlussreiche Einblicke in die jüngere Geschichte Lateinamerikas.

Klaus Taschwer in FALTER 51-52/2005



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