Das Hundeleben der Juanita Narboni

Ángel Vázquez, Juan Goytisolo


Ich + ich

"Das Hundeleben der Juanita Narboni" des aus Tanger stammenden Ángel Vázquez ist ein großes literarisches Selbstgespräch.

Ich bin völlig korrupt. Egoist, ohne Glauben an Gott und ohne jedes Vertrauen in mich selbst. Schwul, Alkoholiker, jedweder Droge zugeneigt, Kleptomane ... Jean Genet und Maurice Sachs und ein bisschen Violette Leduc, in Taschenbuchausgabe." So schreibt der Exzentriker Ángel Vázquez über sich selbst. Warum hat uns noch niemand von diesem Mann erzählt?

Vázquez, 1929 in Tanger geboren, 1980 in Madrid gestorben, war im Leben wie im Schreiben ein Außenseiter. "Das Hundeleben der Juanita Narboni" ist einer von gerade einmal drei Romanen aus seiner Feder, und es ist überhaupt der erste, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Im Original 1976 erschienen, errichtet er der verblichenen Weltstadt Tanger ein ungewöhnliches literarisches Denkmal.

Die Stadt an der Nordküste Afrikas erlangte zwischen den beiden Weltkriegen und von 1945 bis zur Wiedereingliederung ins Königreich Marokko 1956 als "Internationale Stadt" nicht nur bei Flüchtlingen einen ganz speziellen Ruf. Von geschmuggelter Ware und käuflichem Sex bis Drogen war hier so ziemlich alles zu bekommen, was neben Gangstern und Spionen vor allem auch Künstler wie William S. Burroughs, Tennessee Williams oder eben Genet anzog.

Diese historische Ebene bildet die Bühne für das Selbstgespräch der Juanita Narboni, das sich über fünf Jahrzehnte erstreckt. Abwechselnd verwirrt und fasziniert folgt man der sprunghaften Wahrnehmung der Protagonistin und lauscht ihrer Stimme. Mit anderen inneren Monologen der Weltliteratur hat "Das Hundeleben der Juanita Narboni" dabei nur am Rande etwas zu tun.

Der Redeschwall Juanitas führt an keiner Stelle über ihre Lebensrealität und unmittelbare Umgebung hinaus, es ist ein sehr enger Radius, in dem sich ihr Denken bewegt. Einzigartig wird das Buch jedoch vor allem dadurch, dass man hier einer Stimme aus dem sogenannten einfachen Volk lauscht. In Juanitas Kopf finden keine großartigen Reflexionen statt, ihre Bildung und Meinungen hat sie aus Kinofilmen, ihre Selbstanalysen wären mit dem hiesigen Terminus Hausmeisterpsychologie am besten getroffen.

Diese Juanita kann einem zwischenzeitlich gehörig auf die Nerven gehen. Und doch weiß die einsame alte Jungfer, die von ihren Eltern und ihrer Schwester allein zurückgelassen wurde, in ihren Bann zu ziehen. Wie sie bis zuletzt den Tod der Mutter nicht überwindet oder ihre leichtlebige Schwester trotz aller Verwünschungen insgeheim beneidet, wie sich da in seitenlangen derben Suaden langsam sehr feine Gefühlsregungen offenbaren, all das ist ganz große Klasse. Das beim Lesen dieser atemlosen Selbstoffenbarung unbedingt nötige Sitzfleisch einmal vorausgesetzt.

Es müssen die Fünfzigerjahre sein, als Juanita nach dem Verschwinden ihrer Haushälterin endgültig ganz allein dasteht und langsam dem Ende entgegengeht. Immer mehr "Leute von außerhalb" bevölkern die Stadt, erzählt sie der Mutter bei einem ihrer stundenlangen Aufenhalte an deren Grab.

Juanita selbst aber "laufen die Gedanken davon", heißt es auf einer der letzten Seiten. Das eine oder andere Gläschen und Tabletten verwaschen das Selbstgespräch, und psychische Probleme werden angedeutet, ohne dass dadurch der Hang der tragisch-banalen Heldin zum Unglück erklärt würde. Sie bleibt ein bisschen rätselhaft, so wie Vázquez' außergewöhnlicher literarischer Kraftakt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 51-52/2005



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