Versiegelte Zeit. Über den Stillstand der islamischen Welt

Dan Diner


"Kultur der Freiheit schaffen"

Der Historiker Dan Diner über die Modernisierungsresistenz der arabischen Welt, antiimperialistische Rhetorik im Westen und warum es ausgeschlossen ist, dass heute ein arabischer Naturwissenschaftler den Nobelpreis bekommt.

In seinem neuen Buch "Versiegelte Zeit - Über den Stillstand der islamischen Welt" geht Dan Diner einer heiklen Frage nach: Wie sehr sind die Religion und die islamische Kultur- und Geisteswelt Ursache für die Krise der arabischen Gesellschaften? Diner, 59, ist Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und Professor an der Hebrew University in Jerusalem. Zu den Arbeitsschwerpunkten des streitbaren Historikers und Publizisten gehören die Geschichte des Nationalsozialismus, die Universalgeschichte des 20. Jahrhunderts und die Ordnung des Vorderen Orients.

Falter: Sie beschäftigen sich in Ihrem neuen Buch mit den Modernisierungshemmnissen in der arabischen Welt. Worin bestehen die denn?

Dan Diner: Zum einen gibt es dort kulturgeografische Ursachen: Trockenzonen, die einen starken Staat begünstigen. Das erschwerte die Entwicklung autonomer, freier Städte. Was aber vor allem signifikant ist, ist die Allgegenwart des Sakralen und das Fehlen jener Trennungslinien, die der Westen seit der Neuzeit herausgebildet hat: zwischen privat und öffentlich, Politik und Ökonomie.

Das Sakrale durchdringt alle Poren der Gesellschaft, sodass kein Raum für Modernisierungsprozesse bleibt?

Der Raum ist zumindest beschränkt. Das islamische Recht reguliert alle Lebensbereiche des Menschen - sein Verhalten in der Öffentlichkeit, im privaten Bereich. Das hat auch mit der Sprache zu tun. Die arabische Sprache ist eine sakrale Sprache, es ist die Sprache des Korans. Hochsprache und Volkssprache sind ganz unterschiedlich, die Hochsprache passt sich gesellschaftlichen Veränderungen kaum an. Das hat eindeutig mit der Dominanz des Sakralen zu tun.

Früher haben die Marxisten gesagt: Die Basis dominiert den Überbau. Sie sagen nun: Der geistig-kulturelle Überbau bestimmt die materielle Basis der arabischen Gesellschaften.

Es gibt eine Referenz von materiellen Bedingungen und dem Sakralen. Das Sakrale ist nicht einfach das Religiöse, das Sakrale ist ein bestimmter Habitus, eine materielle Komponente in den Lebenswelten.

Wenn Modernitätshemmnisse derart stark sind, können sie überwunden werden?

Die Menschen streben nach Glück, sie streben nach Freiheit. Die Krise in der arabischen Welt wird dort zu einem Kulturkampf führen. Ein profanes Weltverständnis wird sich seinen Raum erkämpfen.

Es heißt doch allerorts, es gäbe in den vergangenen Jahren eine Reislamisierung. Ein Irrtum?

Das ist kein Irrtum, es zeigt nur, wie oberflächlich die vergangenen Säkularisierungstendenzen waren - etwa in Gestalt des arabischen Nationalismus und des arabischen Sozialismus. Die Reislamisierung ist nicht zuletzt ein Reflex auf die Enttäuschungen, die da entstanden sind. Man brachte den arabischen Nationalismus fälschlicherweise mit dem Westen in Verbindung.

Ihr ganzes Buch ist eine Herausforderung an einen bestimmten Deutungsstrang im Westen und auch im Orient, der lautet: Der Westen ist schuld. Für Sie liegen die Ursachen in der arabischen Kultur.

Das ganze Buch ist gegen den postmodernen Diskurs gerichtet, gegen die Rhetorik des Postkolonialismus, der so tut, als habe der Westen den Orient so zugerichtet. Es hat sich eine unheilige Allianz gebildet zwischen vormodernen Verhältnissen im arabischen Raum und dem postmodernen Diskurs im Westen, der alles mit Nachsicht behandelt und alles auf Exogenes, auf den westlichen Imperialismus zurückführt. Das trägt zur Entmündigung der arabischen Menschen bei, die sich fragen müssten: Was hat das eigentlich mit uns zu tun?

Also sind die orientalischen Gesellschaften selbst schuld?

Ich rede nicht von Schuld. Die Frage ist: Wie konnte eine Gesellschaft, die noch vor wenigen Jahrhunderten dem Westen derart überlegen war wie die islamische, so weit zurückfallen?

Aber haben die Minderwertigkeitsgefühle, die man in der arabischen Welt auf Schritt und Tritt antrifft, nicht doch auch viel mit einer globalen, hegemonialen, westlichen Kultur zu tun?

Natürlich ist die westliche Kultur heute hegemonial, aber es stellt sich schon die Frage, was ist denn noch westlich. Die fernöstlichen Gesellschaften haben die westlichen Vorzüge ganz selbstbewusst adaptiert ...

Zweifellos. Nur, wenn man in Peking entlang der endlosen Shopping-Malls schlendert, hat man kein Problem, die Frage zu beantworten, was heute westlich heißt: Amerikanisierung.

Aber Konsumismus oder gar die Peepshow sind nicht der Kern des Westens. Der Kern des Westens ist eine spezifische Wissenskultur. Und die lässt sich nicht einfach exportieren wie eine Shopping-Mall. Der Ferne Osten ist längst Teil dieser Wissenskultur, die arabische Welt aber nicht. Es stellt sich die Frage, wie sehr die arabische Sprache wissenschaftsfähig ist, oder ob nicht gerade die Präsenz des Sakralen in ihr Grund für eine Blockade ist.

Es gibt auch in der arabischen Welt naturwissenschaftlich interessierte Männer, die technische Fächer etwa in Deutschland studieren und dann Flugzeuge ins World-Trade-Center lenken.

Eben nicht. Sie kommen nach Deutschland, studieren. Was studieren sie? Sie studieren die praktischen Fächer, lernen die Anwendungen. Wenn ich von Wissenskultur spreche, dann von der Grundlagenforschung, wo Einsicht ohne Verständnis säkularer Lebenskultur nicht möglich ist. Und die gibt es in der arabischen Welt kaum. Sie sind abgeschnitten von der Wissenskultur und importieren nur die nützlichen Anwendungen. Der UN-Entwicklungsreport hat das zugespitzt so formuliert: Dass ein arabischer Naturwissenschaftler heutzutage den Nobelpreis erhält, ist ausgeschlossen. Dafür reicht nicht individuelle Genialität, die naturwissenschaftliche Höchstleistung braucht kollektive Anstrengungen, eine unglaublich breite Basis, die Durchdringung der Gesellschaft mit Wissen. Und genau das ist westliche Kultur.

Dass wissenschaftliche Höchstleistungen in armen Ländern selten sind, ist nicht überraschend.

Nur ist die arabische Welt gar nicht arm. Der UN-Entwicklungsreport weist darauf hin, dass der Ölreichtum auch ein Fluch ist, weil er den Reichtum aus der Erde befördert und die Produktivität der Menschen erstickt.

Kann der Westen nichts beitragen?

Er kann helfen. Aber letztendlich können nur die Menschen in diesen Ländern selbst aus ihrer Kultur eine Kultur der Freiheit schaffen. Heute ist die Freiheit eine Produktivkraft. Ohne Freiheit werden die Antriebskräfte für Entwicklung erstickt. Das ist etwas, was nicht nur die arabischen Länder vor Probleme stellt, aber es äußert sich dort auf besonders dramatische Weise.

Robert Misik in FALTER 51-52/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×