Elfriede Jelinek. Ein Porträt

Verena Mayer


"Die Elfi packt das"

Roland Koberg und Verena Mayer erklären deutschen Lesern Elfriede Jelinek, liefern in ihrem unprätentiösen "Porträt" aber auch Neues für Eingeweihte.

Die Biografie am lebenden Objekt, die wird normalerweise an Politikern oder Popstars praktiziert - die Betreffenden sind in diese Projekte eingebunden oder haben sie gar in Auftrag gegeben; so oder so erwartet der Leser mit Recht weder kritische Distanz noch die Ausleuchtung verborgener Schattenseiten. Bei Schriftstellern hingegen pflegt man geziemend den Tod abzuwarten, bevor man eine biografische Annäherung wagt. Außer es hat eine Autorin den Nobelpreis gewonnen, die trotz ihrer enormen Produktivität ihrerseits als unbeschriebenes Blatt gilt. Verena Mayer und Roland Koberg legen allerdings Wert darauf, dass sie ihre Pläne Elfriede Jelinek bereits im Sommer 2004, also vor der Zuerkennung des Nobelpreises, unterbreiteten und dass das, was sie geschrieben haben, keine Biografie, sondern ein "Porträt" ist.

Der erste Leseeindruck bestätigt den Verdacht, dies sei ein Buch für jene, die noch nie etwas von Jelinek gelesen haben, und die, weil sie es vorziehen, in diesem Zustand der Unschuld zu verharren, jetzt lieber etwas über Jelinek lesen wollen. Eine gewisse forcierte Naivität wird hier als Vorsichtsmaßnahme gegen unkontrollierten intellektuellen Höhenflug angewandt, es scheint, als hätten Mayer/Koberg sich oder einander eine leserfreundliche Syntax verordnet. Auch nimmt das Duett aus Österreich stellenweise eine deutlich nordische Färbung an - das Zielpublikum ist deutsch, und so hofft man es offenbar leichter zu treffen.

Naturgemäß ist ein Jelinek-"Porträt" Teil des Österreich-Erklärungsbusiness, ein Hauch von Folklore umweht die Nobelpreisträgerin schon im Klappentext ("eine feinsinnige Wienerin"), im Vorwort wird Jelineks "Zugewandtheit" als Gastgeberin (sie schaut nicht auf die Uhr) als "typisch für eine Wiener Dame" definiert, auch mache sie "Konversation" in "ihrem weichen, singenden Wienerisch".

Aber: In dieser Tonart geht es gottlob nicht weiter. Das Autorenteam pendelt sich in angemessener Mittellage zwischen Sympathie und kritischer Interpretation ein und legt eine Biografie - denn um eine solche handelt es sich zweifellos - vor, die ohne spektakuläre Enthüllungen auskommt, jedoch auch denen Neues bietet, die über gewisse Jelinek-Basics bereits Bescheid wissen. Über die extrem harte Ausbildungszeit am Wiener Konservatorium zum Beispiel, als das Mädchen, parallel zum Gymnasium, neben Orgel und Klavier auch noch Blockflöte und Komposition belegte. Als da die Lehrer zum Verzicht mahnten, habe Mutter Ilona gesagt: "Die Elfi packt das schon."

Aber irgendwann packt es die Elfi nicht mehr. Nach der Maturareise hat sie einen Nervenzusammenbruch, es folgen Jahre voller Ängste und Panikattacken, das Orgelstudium schließt sie ab, aber anders als für ihre "Klavierspielerin" Erika Kohut kam Musik als Beruf nicht in Frage. Das Jahr 1968 verbringt Jelinek buchstäblich im Haus, die Familie ist von der Josefstadt nach Hütteldorf übersiedelt. Ja, die Familie - durchaus plastisch beschreibt das Buch die erdrückend symbiotische Beziehung zur rastlos rührigen Mutter, die fast bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 mit der Tochter unter einem Dach lebte, und als Gegenstück dazu den alzheimerbedingten Verlust des Vaters noch zu dessen Lebzeiten. Eine Kindheit zwischen Maiaufmarsch (mit dem Vater, rotes Mascherl im Haar) und Fronleichnamsprozession (mit der Mutter, weißes Mascherl). Auch die Vorgeschichte wird erzählt, die Jelineks Werk geprägt hat: Wie ihr Vater Friedrich, ein Chemiker, angetrieben von seiner tüchtigen Frau, als Halbjude der NS-Rüstungsindustrie diente, während Angehörige in den KZs umkamen. Lange Zeit spricht Jelinek in ihrem Ruvre von ihrem Vater, indem sie - von dem einen oder anderen Gedicht abgesehen - nicht von ihm spricht. Ihm meint sie die Sprache zu verdanken, die sie beherrschen lernt wie ein weiteres Instrument, eines, das wie die Orgel Macht verleiht.

Jelineks "wilde Jahre" nach ersten literarischen Erfolgen sind auch nicht wilder, als das um 1970 so üblich war: Leben in der WG (als Genossin Robert Schindels), Liaisons und linkes Engagement, von den Nachgeborenen hier mit abgeklärter Nachsicht kommentiert - "teilnehmendes Abstandhalten" nennen sie Jelineks Position gegenüber der KPÖ wie der Frauenbewegung treffend. Das passt auch auf die Ehe mit dem Informatiker Gottfried Hüngsberg. Ein Leben in prekärer Normalität, zwischen dem Ehemann in München und der Mutter in Wien, der Jelinek ein Exemplar ihrer gnadenlosen literarischen "Familienaufstellung" (Mayer/Koberg) mit den Worten "Dennoch und trotz alledem für meine liebe Mamma von ihrer Elfi" widmete. "Die Klavierspielerin" sollte zunächst von Valie Export, dann von Paulus Manker - mit Brad Pitt! - verfilmt werden.

Ein "auf das Staatsganze umgelegtes Bild einer Familie" ist für die Autorin auch Österreich, an dessen adäquater Fassung Jelinek sich bis heute abmüht. Mayer/Koberg erkunden nicht nur Schauplätze, etwa die wilde Obersteiermark, die die Mürzzuschlagerin in ihrem Hauptwerk "Die Kinder der Toten" verewigt hat, sie liefern auch solide Textanalysen. Wirklich zu Hause sind sie freilich im Theaterdiskurs - über Einar Schleefs oder Frank Castorfs Inszenierungen oder über die Verhinderung von "Burgtheater" am Burgtheater: Die Verhöhnung des Wessely-Clans galt (und gilt) hierzulande schlicht als Blasphemie.

Abgesehen von der Verwechslung steirischer Gasthäuser kann man Kleinigkeiten bemängeln: Waldheim war nicht "bei der Reiter-SA auf dem Balkan", sondern Wehrmachtsoffizier; der Expsychiater Heinrich Gross "mimte" beim späten Prozess nicht den Dementen, er war es - jedenfalls laut Gutachten; "Lust" beschreibt keine "kleinbürgerliche Hölle", sondern eine großbürgerliche.

Die Hauptsache aber ist gelungen: eine unprätentiöse Künstlerbiografie ohne Geniekult, die die öffentlichen Posen der Jelinek als solche benennt und zugleich auf diskrete Weise um Verständnis für das labile innere Gleichgewicht der Dichterin wirbt, die unter den vielen Anfeindungen authentisch litt. Wer dieses Buch gelesen hat, wird nicht mehr argwöhnen, dass Jelinek die Zeremonie in Stockholm aus Jux geschwänzt hat. Dass Roland Koberg und Verena Mayer nolens volens mit jener psychologischen Fragestellung arbeiten, von der Jelinek sich im Laufe ihres Schreibens immer weiter entfernt hat - das liegt in der Natur einer Biografie wie eines "Porträts".

Daniela Strigl in FALTER 11/2006



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