Marjampole. oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte

Karl Schlögel


Der Slawist und Historiker Karl Schlögel ist ein Prediger des Ostens. Alles, was zwischen Baltikum, Schwarzem Meer und Ural bis vor 15 Jahren hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden war, versetzt den einstigen 68er-Maoisten, der heute die Tugenden des Republikanismus und der Urbanität aus dem Geist des Jugendstils beschwört, in Verzückung.

Die litauische Kleinstadt Marjampole ist der größte Gebrauchtwagenmarkt im Zentrum des neuen Europa, an dem pro Tag an die 1500 Pkw aus dem Westen in den Osten verschachert werden. Völkerverbindung der realen Art! "Sie haben noch nie einen der vielen Preise für Europäertum bekommen, obwohl sie die Pioniere des neuen Europa sind: Die Spediteure, die Leiter der Filialen internationaler Unternehmen, die Händler auf den Basaren."

In Nischni Nowgorod, Russlands drittgrößter Stadt, entdeckt Schlögel geschmackvollen Neokonstruktivismus; in Brünn trauert er in Gestalt der Villa Tugendhat der "weißen Avantgarde" der Zwischenkriegszeit nach; am Beispiel Bukarest erzählt er noch einmal von Ceausescus aberwitzigen Pläne zur Verwüstung des einstigen "Paris des Ostens"; in Czernowitz werden Ostalgiker darauf hingewiesen, dass die sich hier im hintersten Winkel befinden - vom Osten aus gesehen!

Bei aller Wertschätzung der architektonischen Pracht der Newa-Metropole porträtiert Schlögel Leningrad ohne den üblichen Zarenkitsch als Stadt am Weißmeer-Ostsee-Kanal, die das Großprojekt des Gulag ebenso überstanden hat wie die Belagerung durch die deutsche Wehrmacht. Man muss Schlögels unter dem etwas vollmundigen Titel "Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte" versammelten Zeitungsartikeln nicht in allem Recht geben, aber mit den biografischen Porträts von Georg Lukacs, Sandor Marai und Harry Graf Kessler bilden sie ein exzellentes kulturgeschichtliches Europabrevier des 20. Jahrhunderts.Die leere Ecke eines Zeltes; Porträts von Menschen mit geschlossenen Augen; eine Gasse, in die hinein am unteren Rand der Schatten des Fotografen ragt. Die Fotografien von Susanne Schleyer sind frei von der allgegenwärtigen Lust am Ereignis - indem sie die gerne übersehene Leere bannen und oft übersehene Momente festhalten. "Unterwegs" heißt Schleyers Band, in dem sie Bilder aus Paris, Berlin, Prag, Buenos Aires, Jerusalem und anderen Städten der Welt versammelt. Jede Stadt und die entsprechenden Fotos vertraute sie einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin an, von dessen/deren Erzählung diese begleitet werden: Während also Daniel Kehlmann einer Entscheidung in Wien nachspürt, lässt Tanja Dückers in San Francisco Zweifel aufkommen, sitzt David Wagner in Rom und blickt auf die Lichter der Stadt. Bemerkenswert daneben vor allem Susanne Riedel über Amsterdam und Barbara Bongartz über Sankt Petersburg.Hallelujah I'm a Bum!

Eine Wiederentdeckung des Jahres: Patrick Leigh Fermor erzählt von seinem Fußmarsch, der ihn 1933/34 von Holland nach Konstantinopel führte.

Solvitur ambulando: Es wird durch das Gehen gelöst. Als Patrick Leigh Fermor bei einer Wanderung diese lateinische Wendung beiläufig fallen ließ, zückte dessen Begleiter, Bruce Chatwin, sofort sein Notizbuch, um sie zu notieren. Patrick Leigh Fermor sei schließlich, so heißt es in der großen Chatwin-Biografie von Nicholas Shakespeare, "Bruce's letzter Guru" gewesen. Was die beiden englischen Literaten außerdem verband: Beide wollten nicht als Reiseschriftsteller gelten, obwohl ihre besten Bücher vom Reisen erzählen. Zufällig wurden sie auch im selben Jahr veröffentlicht: Chatwins "In Patagonia" erschien ebenso 1977 wie "A Time of Gifts" von Patrick Leigh Fermor, das seit kurzem in einer neuen deutschen Übersetzung vorliegt - und jegliche Bewunderung rechtfertigt.

Der 1915 geborene Schriftsteller sollte allerdings nicht nur durch diesen legendären Fußmarsch berühmt werden, den er Ende 1933 begann und erst Jahrzehnte später literarisch zum Abschluss brachte. Als britischer Agent organisierte Leigh Fermor auf Kreta drei Jahre lang den Widerstand gegen die Nazis und nahm dabei auch 1944 den deutschen General Kreipe gefangen. Diese Heldentat trug ihm die Ehrenbürgerschaft von Heraklion ein und wurde mehrmals verfilmt.

Mit dem Nazionalsozialismus hatte Leigh Fermor schon zehn Jahre zuvor auf seiner Wanderung quer durch Europa Bekanntschaft gemacht. Nachdem er im Dezember 1933 die tief verschneiten Niederlande mit seinen Nagelschuhen in wenigen Tagen durchwandert hatte, warteten hinter der niederländisch-deutschen Grenze schon die ersten Parteisoldaten und Sympathisanten. Vor einem Schaufenster, hinter dem auch einige Hitlerbilder zu sehen sind, zeichnete er folgenden Dialog auf: ",Was für ein schöner Mann', sagte eine Frau. Ihr Begleiter seufzte zustimmend. Und so schöne Augen, fügte er hinzu." Auf seinen weiteren Stationen in Deutschland sollte es ihm nur selten anders ergehen.

Ein Grund für Leigh Fermors Wanderung war - solvitur ambulando - im Übrigen auch Selbsttherapie. Der Sohn aus gutem Hause hatte seine Lehrer regelmäßig zur Verzweiflung getrieben und war von der noblen King's School in Canterbury geflogen. Einige Monate "musste ich fort aus England: wie ein Landstreicher würde ich über den europäischen Kontinent ziehen. Ein neues Leben! Freiheit! Etwas, worüber ich schreiben konnte!" Als er sich seinen Pass ausstellen lässt, pfeift er gerade den Hobo-Song "Hallelujah I'm a Bum!". Der junge Mann ist aber freilich alles andere als ein bloßer Herumtreiber: Dank seiner verwandtschaftlichen Beziehungen macht er während seiner Reise nicht nur mit Vertretern des gemeinen Volks Bekanntschaft, sondern auch mit noblen Bildungsbürgern und hochgebildeten Aristokraten.

Über hundert Seiten widmete Leigh Fermor übrigens seinen Erlebnissen in Österreich. Zwar passieren ihm dabei ein paar kleinere Fehler (das östliche Nordtirol ist nicht Osttirol), doch allein was er über die niederösterreichischen Klöster schreibt, rechtfertigt den Kauf des Buchs allemal. In Wien angekommen, kriegt er zwar den Bürgerkrieg nur en passant mit. Dafür entschädigen die grandiosen Berichte von seinen Hausbesuchen als Porträtzeichner. Was Leigh Fermor dabei in den Wiener Haushalten sieht und wie er es beschreibt, macht ihn zu einem hellsichtigen Ethnografen der Zwischenkriegszeit. Ähnlich großartig: die wunderbare Schilderung seines Abstechers nach Prag und seine Erlebnisse in Bratislava - ehe der Reiseaufzeichnungen erster Teil im ungarischen Esztergom mit der ausschweifenden Schilderung einer Osterprozession endet. Zum Glück ist Leigh Fermor dem Rat von Bruce Chatwin, die Texte zu verknappen, nicht gefolgt. Und so dürfen wir uns schon jetzt auf der Reise zweiten Teil freuen, der nächstes Jahr unter dem Titel "Zwischen Wäldern und Wasser" erscheinen wird.

Klaus Taschwer in FALTER 51-52/2005



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