Das Jahr vierundzwanzig

Patrik Ouredník


Anders als sein um fünf Jahre jüngerer Kollege Jáchym Topol ist dessen Landsmann Patrik Ouredník (Jahrgang 1957) nicht in seiner tschechischen Heimat geblieben, sondern 1985 nach Frankreich emigriert. Und anders als Topol in "Nachtarbeit" hat Ouredník die politischen Ereignisse des Jahres 1968 (und nicht nur diese) in seinem Büchlein "Das Jahr vierundzwanzig" nicht als vielstimmigen Roman, sondern als Auflistung von Erinnerungen organisiert, die Privates und Öffentliches, Individuelles und Kollektives gleichermaßen umfassen und dem vom Amerikaner Joe Brainard "erfundenen" und von George Perec berühmt gemachten Erinnerungsspiel folgen: Jeder der durchnummerierten Einträge ist nach dem gleichen Muster gebaut und beginnt mit denselben drei Worten: "Ich erinnere mich, dass ich im ,Licht', im Jahr achtundsechzig oder neunundsechzig ,Angélique' sah." Auf diese Weise werden die Erinnerungen aus den Jahren 1965 bis 1989 nicht hierarchisiert und doch systematisiert. Über Parolen der Zeitschrift Rotes Recht gelangt man so über subversive Witze, Jane Fonda zum Rätsel der Zeugung und die Erinnerung an "Intimspray".Ähnlich konsequent verfährt der Autor auch in "Europeana", einer "kurzen Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert". Fakten, Ideen und Ideologien werden hier einfach kommentarlos referiert, wodurch auch hier die Verknüpfung des Materials eine polemische Verve produziert, welche die Idee des Fortschritts gnadenlos ramponiert: "Die Verwendung von Kampfgas wurde auf diversen Konferenzen in den Jahren achtzehnhundertneunundneunzig und neunzehnhundertsieben und neunzehnhundertzweiundzwanzig und neunzehnhundertfünfundzwanzig und neunzehnhundertsechsundvierzig und neunzehnhundertvierundfünfzig und neunzehnhundertzweiundsiebzig und neunzehnhundertneunzig und neunzehnhundertzweiundneunzig verboten."

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2004



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