Nachtarbeit


Mit "Nachtarbeit" hat Jáchym Topol einen bild- und sprachgewaltigen Roman über die Okkupation der Tschechoslowakei geschrieben.

Jáchym Topol, 1962 in Prag geboren, ist eine der schillerndsten Figuren der jüngeren tschechischen Literatur, ein Popstar der Dissidenz sozusagen. Im zarten Alter von 15 unterzeichnete der Sohn des bekannten Dramatikers Josef Topol die Charta 77; er gab die (nach wie vor existierende) Kunst- und Literaturzeitschrift Revolver Revue heraus und belieferte darüber hinaus noch die Rockband seines Bruders mit Songs. Topols halluzinatorischer Roman "Die Schwester" (1998) galt als ein Schlüsselwerk nach der Wende und ist in seiner deutschen Übersetzung ebenso vergriffen wie sein Vorgänger "Engel EXIT".

"Nachtarbeit", dessen tschechisches Original ("Nocní práce") vor zwei Jahren erschienen ist, ist Topols jüngster Streich und handelt von der Okkupation der Tschechoslowakei 1968 - ein Hinweis, der freilich in etwa so viel besagt wie die Feststellung, dass "Die Strudelhofstiege" im neunten Wiener Gemeindebezirk spielt. Wenn Doderers Diktum zutrifft, demzufolge sich das spezifisch Literarische eines Werkes gerade in der Unmöglichkeit erweise, es nachzuerzählen, dann ist "Nachtarbeit" zweifelsohne große Literatur.

Das historische Ereignis, der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen, findet statt, aber Topols Roman kehrt das Verhältnis von historischem Epizentrum und Peripherie gleichermaßen um: "Das Neueste vom Tag aus Prag geht wie folgt: Wahrscheinlich haben uns die Russen überfallen", lautet der entsprechende Kommentar.

Topols Familie floh 1968 vor den Besatzern in ein Dorf dreißig Kilometer vor Prag. Das Kaff Zásmuky, in dem der dreizehnjährige Ondrej, genannt Ondra, und sein kleiner Bruder Kamil von ihrem Vater in Sicherheit gebracht werden, scheint indes weniger geographisch als mental definiert: Es liegt dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und wo in den angrenzenden Wäldern Zigeuner, Werwölfe und die Schatten der Vergangenheit hausen; ein dämonischer Ort kindlicher Angstlust, an dem sich Mythos und Geschichte auf undurchdringliche Weise verweben: "Was heute geschehen ist, lässt mich daran denken, was vor langer Zeit geschah, ein ehemaliges Heute schlüpft hier rein. Die Tage der Wunder fädeln sich aneinander. Wie die Kügelchen von einem geweihten Rosenkranz."

Die poetisch-pubertäre Perspektive des jugendlichen Protagonisten fungiert in "Nachtarbeit" als Dominante, die in diesem - in jeder Hinsicht - dialogstarken Roman allerdings von einem Stimmgewirr umrankt wird, in dem für das sarkastisch delirierende Plädoyer von Ondras trunksüchtiger Mutter ("ein zauberhaftes Land, mein Böhmen, ganz ehrlich, und ich schwörs: die Kombination aus Katholizismus und Kommunismus in der allerdegeneriertesten Form") ebenso Platz ist wie für den Bewusstseinsstrom einer alten Frau oder das offiziöse Gewäsch loyaler Parteisoldaten.

Sobald die Leute von Zásmuky als pikareskes Personal einer Dorfgeschichte voller schrulliger Charakterköpfe erscheinen, beginnt es auch schon zu brodeln, und alte Geschichten von Verrat, Mord und Totschlag kochen hoch. Völlig zu Recht hat Paul Jandl in der Neuen Zürcher "Nachtarbeit" als Verwandten von Hans Leberts großem Gespensterroman "Die Wolfshaut" ausgewiesen - wobei sich die Frage danach, was tatsächlich passiert ist und wer hier die Täter, wer die Opfer sind, bei Topol auf fast schon obszöne Weise im Dickicht von Anschuldigungen, Gerüchten und Phantasmagorien verläuft.

Aber selbst wenn man sich gegenüber den leicht obskuranten Tendenzen dieses Romans skeptisch zeigt, wird man sich seiner Sprach- und Bildgewalt kaum entziehen können. Eva Profousová und Beate Smandek ist es zu danken, dass "Nachtarbeit", in dem es doch von Bötchen, Brückchen und Birkchen nur so wimmelt, einen insgesamt irritierend stimmigen Sound aufweist, dessen hoch disparate Elemente nicht zu einer Einheitsrhetorik verkocht werden, sondern nebeneinander bestehen bleiben. Und Jáchym Topol ist ein Stück Weltliteratur geglückt, dass auf geradezu obsessive Weise von Grenzen und Gegensätzen, von Deutschen, Polen, Russen, Ukrainern, von Lausern, Luchsaugen, Waldlern und Zigeunern erzählt und in seiner Wirkung doch subtil und subkutan bleibt.

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2004



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