Letzter Wunsch

Vladimir Vertlib


Vladimir Vertlib weiß viel und erzählt gut. Mit seinem Roman "Letzter Wunsch" setzt er seine jüdische Kulturgeschichte fort.

Man sollte über Autoren wie Vladimir Vertlib, Radek Knapp, seit neuestem Dimitré Dinev und andere so genannte Migranten nicht reden, ohne die prinzipielle Genugtuung über den kulturellen Zuwachs an Europagehalt zu artikulieren, den ihr Schreiben für uns bedeutet. Die Politik, also Ökonomie, macht aus Europa nur die Europäische Union. Der aus St. Petersburg stammende, 1966 geborene und seit über zwanzig Jahren in Österreich lebende Vladimir Vertlib ist in dieser Hinsicht wohl der wichtigste Beiträger. Er bringt in seinen sachlich wie literarisch hochkompetenten Romanen ein dicht auserzähltes Panorama europäischen Judentums ein, in dem Geschichte und Aktualität, Anteilnahme und Ironie, Apologie und Kritik unteilbar miteinander verbunden sind.

Der eher einzelgängerische, verschlossene Gabriel Salzinger möchte den letzten Wunsch seines Vaters erfüllen: auf dem jüdischen Friedhof im Grab seiner verunglückten Frau bestattet zu werden. Die streng orthodoxe Israelitische Kultusgemeinde der Stadt verhindert dies aus Formalgründen. Gabriel stiehlt die Leiche seines Vaters, führt sie im Auto nach Holland und versenkt sie im offenen Meer. Bevor er den Toten den Fluten überantwortet, hält er für den Vater eine Rede: "Verzeih mir, dass ich deinen letzten Wunsch nicht erfüllen konnte. Aber ich weiß, wie sehr du das Meer geliebt hast (...)." Die Erde sei ihm, im Leben wie im Tod, verwehrt geblieben, und eine Verbrennung verbiete sich nach Auschwitz und Treblinka.

Dieser Schluss stellt eine Art Konzentrat der kleinen Schwächen dieses gelungenen Buches dar: Indem sie alles ausdrücklich macht, entmündigt diese Rede den Leser, der somit seine sonst im Buch erworbene Fähigkeit, die Taten und Geschehnisse selbst zu begreifen, nicht nutzen darf; sie degradiert darüber hinaus den Helden zu einer Art Referenten des Romans und der jüdischen Tragik - und zwingt diesen schließlich in eine charakterliche Inkonsistenz, denn das Pathos wirkt eher wie vom Autor beigesteuert als im Helden angelegt.

Diese gelegentliche Neigung zu Pathos und Erklären gibt es auch schon vorher, in einem Buch, das ansonsten erzählerisch durchaus überzeugt: in Figurenzeichnung und Dialogführung, in der Dramaturgie (erhellende Mosaiktechnik aus chronologischen Gegenwarts- und achronologischen Erinnerungsteilen), vor allem in seiner Anschaulichkeit (Wahrnehmung statt Begriff, Geschehen statt Kommentar).

All das ergibt einen spannenden Roman, den Vertlib wieder generationenübergreifend erzählt. Die Gegebenheiten werden nicht dem Protagonisten aufgehalst, sondern aus seinem individuellen Gang zur Glaubhaftigkeit entwickelt. Und wie schon in seinem letzten Roman, "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" (dessen Titelheldin und deren Sohn Kostik wir hier kurz wieder begegnen), fungiert die deutsche Kleinstadt Gigricht als glaubhaftes Modell für die Bedingungen und Befindlichkeiten des deutschen Judentums, die determiniert sind von der mörderischen Vergangenheit und einer weiterhin verdächtigen Gegenwart, von der problematischen Differenz zwischen Idee und Realität des Staates Israel, von der Macht der religiösen Orthodoxie sowie einem Alltag, der die jüdische Selbstreflexion schmerzhaft unvermeidbar macht.

Helmut Gollner in FALTER 3/2004



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